Große Klappe, aber was dahinter? Kritik: „Deadpool“

Der etwas andere Marvel-Held bekommt eine Chance auf Wiedergutmachung.

Mal wieder eine Origin-Story

Wade Wilson (Ryan Reynolds, der sich für „Green Lantern“ immer noch schämt) ist ein Söldner mit riesengroßer Klappe. Dennoch, oder gerade deswegen, hat er in Vanessa (Morena Baccarin, deren weiteren Geschichte wir in „Firefly“ gerne gesehen hätten) die Frau seines Lebens gefunden. Doch als die Diagnose Krebs seine Lebenserwartung massiv reduziert, und sein Kumpel Weasel (T.J. Miller, der in „Silicon Valley“ quasi den selben Archetypen spielt wie in allen anderen seiner Filme) endlich die Chance hat, beim rabenschwarzen Todeswetten-Spiel der Kneipe mit der Wette auf Wade abzukassieren, bleibt ihm nur eine Rettung: Ein Programm des verrückten Wissenschaftlers Ajax Francis (Ed Skrein, „Game of Thrones“), das verborgene Superfähigkeiten wecken soll.

Es gibt keinen Grund, warum vor Deadpools Augen weißer Stoff ist. Außer vielleicht faule Comiczeichner, okay. (Foto: 20th Century Fox)
Es gibt keinen Grund, warum vor Deadpools Augen weißer Stoff ist. Außer vielleicht faule Comiczeichner, okay. (Foto: 20th Century Fox)

Das Programm gelingt, nur leider ist Wade nun völlig deformiert, da er zwar übernatürliche Regenerationskräfte erlangt hat, allerdings dabei sein Körper völlig mit Narbengewebe und Tumoren überseht ist. So kann er Vanessa natürlich nicht mehr unter die Augen treten, und daher will er sich nun Ajax Francis vorknöpfen, damit der es wieder richtet. Wobei die Art und Weise, wie er es macht (aka: mit viel Gewalt und Toten), bei den X-Men bitter aufstößt und diese daher Colossus (Stefan Kapicic u.a.) und dessen Azubine Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) losschicken.

Einen Schandfleck ausmercen

„Deadpool“ tauchte nach einem erfolglosen Anlauf auf einen eigenen Film 2009 erstmals in dem unsäglichen „X-Men Origins: Wolverine“ auf und wurde in diesem Schandfleck der X-Men-Filmreihe noch dazu extrem problematisch behandelt: Der „Söldner mit der großen Klappe“ bekam selbige einfach mal zugeklebt und wurde plötzlich zum durchgeknallten Antagonisten. Gespielt wurde er damals bereits von Ryan Reynolds, der ein Händchen dafür zu entwickeln begann, schlechte Superheldenrollen anzunehmen (ja, der „Green Lantern“-Film ist halt echt Murks).

Danach war es lange ruhig, bis Reynolds selbst mit ein paar anderen Produzenten Fox davon überzeugen wollte, dass Deadpool immer noch Potenzial bot. Ein Kurzfilm wurde produziert und den Studiobossen gezeigt. Als die dann nicht schnell genug reagierten, gelang er auf seltsame Weise ins Internet und der jubelnde Fan-Chor überzeugte dann doch noch Fox.

Wer ist eigentlich dieser Deadpool?

„Deadpool“ selbst ist ein etwas anderer Superheld und ein Favorit vieler Comicleser. Das eine Besondere an ihm ist das regelmäßige Durchbrechen der vierten Wand im Comic, bei der sich Deadpool selbst kommentiert, sich direkt an den Leser wendet oder zynische Metakritiken liefert.

Frühsport auf der Autobahn (Foto: 20th Century Fox)
Frühsport auf der Autobahn (Foto: 20th Century Fox)

Deadpool ist Söldner, erkrankt unheilbar an Krebs und wird durch ein streng geheimes Forschungsprojekt zum Superheld mit Pizza-Gesicht. Das andere Besondere ist, dass seine Comics generell für ein älteres Publikum bestimmt sind: sie strotzen vor Gewalt, Sex und kranken Humor.

Wie, der ist ab FSK 16? Dachte es geht um Gewalt, Sex und kranken Humor?

Erstmal: Ja, wir bekommen in Deutschland die ungeschnittene Fassung zu sehen. Allerdings ist diese mit nichten so blutig, wie man vielleicht als Comicleser hoffen vermuten mag: Es fliegen ein paar Köpfe, es werden Gliedmaßen abgetrennt, aber es fließt viel weniger Blut und Gore, als man vielleicht vermuten würde. Man bekommt noch nicht einmal Brüste zu sehen! Der Film ist tatsächlich übermäßig brav für ein heutiges Publikum und für FSK 18 hätte man deutlich mehrere Schippen zulegen müssen – insofern keine Kritik an die deutsche FSK sondern wenn dann an das nicht-eingelöste Versprechen der US-Amerikaner, die aber ohnehin eher das Problem mit ihren Jugendfreigaben in der derben Sprache und sexuellen Anzüglichkeiten haben als wir.

Therapievorschlag: Foltern ( (Ryan Reynolds, Gina Carano und Ed Skrein, Foto: 20th Century Fox))
Therapievorschlag: Folter (Ryan Reynolds, Gina Carano und Ed Skrein, Foto: 20th Century Fox)

Um es nochmal zu sagen: Ja, es gibt etwas mehr Gewalt als in anderen Superheldenfilmen. Aber wirklich nicht überaus mehr, häufig schreckt der Regisseur davor zurück, mehr zu zeigen, als er könnte. Es gibt mehr Gore in den Arnold Schwarzenegger-Filmen der 80er. Er hätte einfach mehr zeigen können, bei Deadpool vielleicht auch einfach mehr zeigen müssen, um wirklich kontrovers zu sein. So ist er dann doch viel zu brav.

Und wie ist der Film sonst so?

Dazu kommt eine Story, die sehr vorhersehbar ist und, mal wieder, durch den Kniff der mehrlagigen Erzählstruktur, die über mehrere Handlungsebenen hin- und herspringt, gewinnen soll, aber eigentlich nur von ihrer Eindimensionalität ablenkt.

Auch machen viele Storybeats nur bedingt Sinn, wenn überhaupt: Warum muss die Story krampfhaft im X-Men-Universum eingebettet werden? Sicher, Cyclops und Negasonic Teenage Warhead sind spaßige Nebencharaktere, die aber eigentlich der Geschichte nichts wesentliches hinzufügen außer zu sagen: Hey, schaut mal, wir spielen im selben Universum wie die anderen X-Men-Filme. Beide bekommen beim finalen Showdown noch ein paar nette kleine Szenen, aber … das ist einfach zu wenig. Auch die Einführung von Deadpool-Nebencharaktere wie Weasel und Blind Al (Leslie Uggams) erfreuen auch eher nur die Kenner der Comics und sind für ein paar nettere Gags gut.

Ein Traumpaar: Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) und Deadpool (Ryan Reynolds) – wobei der Poolboy leider schon vergeben ist (Foto: 20th Century Fox)

Selbst das Spiel mit der vierten Wand, bei der Deadpool aus der eigentlichen Story ausscheren darf, bietet keine neuen kreativen Aspekte, die nicht auch schon Kevin Spacey als Frank Underwood in „House of Cards“ angebracht hätte. Deadpool darf im Prinzip nur kommentieren, bisweilen in die Metaebene abdriften („Wer ist jetzt gerade Professor X? Stewart oder McAvoy?“), aber das war es dann auch schon. Dabei bietet das Spiel mit der vierten Wand doch gerade solch ungemeine Freiheiten (siehe bspw. Hanekes Meisterwerk „Funny Games“), die gerade bei Deadpool so gut aufbewahrt wären. Wenn der Comiccharakter über seine eigenen Sprechblasen einem unangenehmen Panel entkommen kann, dann sollte doch im Film mehr möglich sein, als ein Kaugummi auf ein Kameraobjektiv zu flanschen, oder?

Dennoch: Als Teenager hätte ich sicher meinen Heidenspaß an den vermeintlich subversiven Humor dieses Helden gehabt. Als Erwachsener muss ich aber das heidnische daraus streichen und habe nur noch Spaß. Da hätte mehr drin sein können, Mister Wade Wilson!

Deadpool_Poster_CampC_IMAX_SundL_A4„Deadpool“ (USA 2016)

Regie: Tim Miller

Drehbuch: Rhett Reese und Paul Wernick, basierend auf einem Comic-Charakter von Rob Liefield und Fabian Nicieza

Darsteller: Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, Gina Carano

Score: Netter DJ-Funk, bei dem aber nicht wirklich etwas im Ohr haften bleibt.

Rating: 3 Sterne

„Deadpool“ läuft am 11. Februar 2016 in unseren Lichtspielhäusern und einen Tag später auch in anderen Weltteilen an.

Die Mission Erde geht weiter: „Earth: Final Conflict“ Staffel 3

Die Staffel mit den Antworten

Renee Palmer (Jayne Heitmeyer) ist die sexy neue Unterstützung im Team (Foto: Pandastorm Pictures)
Renee Palmer (Jayne Heitmeyer) ist die sexy neue Unterstützung im Team (Foto: Pandastorm Pictures)

„Earth: Final Conflict“ hatte bei ihren fünf Staffeln immer auch produktionsinterne Konflikte auszufechten, die manch überraschende Charakterwechsel bedingten. Nachdem für Staffel 2 gar der Hauptprotagonist ausgewechselt wurde, gibt es auch in Staffel 3 einen Wechsel: Lisa Howard, die Darstellerin von Lili Marquette, wurde schwanger und musste daher erstmal ausgebaut werden. Eine neue weibliche Figur musste her und Showrunner Howard Chaykin nutzte die Gelegenheit mit Renee Palmer (Jayne Heitmeyer) eine ambivalentere Figur einzuführen, die zusammen mit Liam und der zur Hauptfigur beförderten Augur künftig das nicht immer am selben Strang ziehende Haupt-Trio der Serie bilden sollten.

Staffel 3 fokussiert sich dann auch mehr auf noch mehr Action. Der Plan der Taelons wird immer offensichtlicher und es wird klar, dass sie genauso gerissen wie rücksichtslos sind, um ihre Agenda voranzutreiben. Sie stehen in einem interstellaren Krieg gegen die Jaridians, die gegenüber den vergeistigten Taelons quasi die körper- und gewaltbetonte Antithese darstellen. Während in den ersten beiden Staffeln die Mythologie nur sehr langsam eingeführt wurde und vor allen Fragen aufgeworfen worden, ist die dritte Staffel nun endlich die der Antworten. Gleichzeitig konzentriert sich die Serie aber jetzt auch weit mehr auf Einzelfolgen, die auch außerhalb der Mythologie verständlich bleiben.

Lily bei den Jaridians (Foto: Pandastorm Pictures)
Lily bei den Jaridians (Foto: Pandastorm Pictures)

Der Metaplot tritt so zwangsläufig etwas zurück und fokussiert sich größtenteils auf Lily Marquett, die nach dem Anschlag auf das Leben von Präsident Thompson diskreditiert wird. Ausgerechnet Sandoval ist es, der sie nach ihrem fingierten Tod, scheinbar rettet – in Wirklichkeit aber verändert er nicht nur ihre DNA, sondern schickt sie auch zu den Jaridians, um denen endlich die Technologie des überlichtschnellen Raumflug zu geben und einen vielleicht entscheidenden Vorteil gegen deren Kampf gegen die Taelons zu verschaffen.

Besuch aus einer anderen Roddenberry-Serie: Marina Sirtis („Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“) taucht als toughe Ordensschwester auf (Foto: Pandastorm Pictures)
Besuch aus einer anderen Roddenberry-Serie: Marina Sirtis („Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“) taucht als toughe Ordensschwester auf (Foto: Pandastorm Pictures)

Liam und Augur müssen sich unterdessen mit Renee verbünden, der neuen CEO von Doors International, während Johnathan Doors selbst immer mehr in den Hintergrund treten muss. Dabei darf der Charakter von Renee auch ein wenig zwielichtig sein und eigene, vor allen monetäre Ziele verfolgen und gibt damit dem ansonsten so selbstlosen Widerstandskämpfern eine neue Facette mit und bilden so tatsächlich eine spannendere Dynamik.

Auch für die dritte Staffel setzt Pandastorm Pictures die hübschen Doppel-CD-Artworks fort.
Auch für die dritte Staffel setzt Pandastorm Pictures die hübschen Doppel-CD-Artworks fort.

Wie auch schon bei den ersten beiden Staffeln gibt es auf den DVD leider keinerlei Extras. Dafür legt Pandastorm aber abermals ein liebevoll aufbereitetes Booklet bei, dass neben einigen Informationen zur dritten Staffel vor allen kurze Zusammenfassungen aller Episoden enthält und diesmal Charakterbeschreibungen von Da’an und Renee Palmer.

Rating: 4 Sterne

Die dritte Staffel von „Earth: Final Conflict“ erscheint bei Pandastorm Pictures am 29. Januar 2016 auf DVD. Offenlegung: Ich habe die DVD-Box freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.

Das Ende von Battlestar Galactica ist ein Prequel: „Blood and Chrome“

Die Abenteuer des jungen William Adama

Mitten im ersten zylonischen Krieg wird der Pilot William Adama (Luke Pasqualino, „Die Musketiere“) auf die Galactica versetzt. Noch ahnt er nicht, dass er das Schiff viele Jahre später einst sogar führen wird, derzeit ist er nämlich eher damit beschäftigt, seinen Coolness-Faktor als Viperpilot gegenüber dem anderen Geschlecht herauszustellen. Doch dann wird er wider Erwarten nicht ins Viper-Team aufgenommen, sondern an Bord eines Raptors eingesetzt, sehr zur Enttäuschung des jungen Mannes.

Dieses Milchgesicht soll Adama sein? (Luke Pasqualino, Foto: Koch Media/Universal Pictures)
Dieses Milchgesicht soll Adama sein? (Luke Pasqualino, Foto: Koch Media/Universal Pictures)

In seiner ersten Mission soll er zusammen mit dem desillusionierten Co-Pilot Coker einen Routine-Frachttransport vornehmen. Doch die Fracht stellt sich überraschenderweise als Person heraus, und diese hat noch zusätzliche Geheimbefehle im Gepäck …

Ende eines Epos

Auch wenn sich viele über das Finale streiten: Die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ ist sicher eine der besten Science-Fiction-TV-Serien überhaupt gewesen und vielfach muss man ein ähnliches Niveau im SF-Bereich heute vermissen. Nach ca. fünf Staffeln war die Serie aber zu einem recht ultimativen Ende erzählt und der mittlerweile in Syfy umbenannte SciFi-Channel stand so ebenfalls am Ende einer Ära. Mit „Battlestar“ war ihnen das gleichermaßen bei Kritikern und Zuschauern beliebte Zugpferd abhanden gekommen, das andere Standbein „Stargate“ war auch bereits auf der Schlussgerade und die leichtere Serien-Kost wie „Eureka“ und „Warehouse 13“ waren zwar bisweilen ganz nett aber kein adequater Ersatz. Syfy gab daher ein Prequel von Battlestar im Auftrag: „Caprica“ sollte die Geschichte von der Erfindung der Zylonen erzählen und gleichzeitig eine Seifenoper im Stile von „Dallas“, fand jedoch nie den selben Anklang ihrer Mutterserie. Nach nur einer Staffel war die Serie 2010 auch bereits wieder eingestellt.

Künstliche Sets werden durch Lensflares nicht realer (Foto: Koch Media/Universal Pictures)
Künstliche Sets werden durch Lensflares nicht realer (Foto: Koch Media/Universal Pictures)

Ein letztes Zucken kam dann zwei Jahre später zurück: „Blood and Chrome“ sollte abermals ein Prequel werden und abermals Military Sci Fi zeigen. Es wurde ein Pilot produziert, der aber nicht aufgenommen wurde und zunächst im Giftschrank von Syfy verschwand. Lange herrschte etwas Verwirrung, der PR-Jedi von Syfy behauptete dann irgendwann, dass es ohnehin immer nur eine reine Webserie werden sollte und nie eine richtige Serie zur Debatte stand. Letztlich wurde dann der Pilotfilm in 10 sieben-bis-zwölfminütige Teile zerschnitten und diese feierten dann 2012 auf einem Youtube-Kanal internationale Premiere. Nur wenige Monate später verschwanden sie dort aber schon wieder und zusammen wurden sie als kompletter Film auf Syfy gezeigt und kurz danach in den Handel gegeben.

Top Gun im Weltraum

Wir bekommen die Filmfassung jetzt, drei Jahre später, dann auch endlich zu sehen. Koch Media hat die Rechte erworben und die deutsche Synchronisation erscheint erstmals auf Blu-ray und DVD.

Und das dürfte tatsächlich das letzte Lebenszeichen der Serie gewesen sein. Wobei es fraglich ist, ob dies wirklich ein so herber Verlust ist, denn: „Blood and Chrome“ ist leider nicht ansatzweise so beeindruckend wie Battlestar. Es fällt schon auf, dass der Großteil der Produktion vor Greenscreens stattfand. Die Orginal-Sets der Mutterserie waren zerstört, und so musste nun das Kommandocenter und das Flugdeck als Computermodell nachgebaut werden, was man aber recht deutlich bemerkt: Die Kulisse wirkt seltsam steril.

Die Story ist im Prinzip „Top Gun im Weltraum“, adrenalingetränkte Soldaten werden aus der aufgepushten Ausbildung in die triste Realität des Krieges geworfen und dürfen trotzdem beweisen, was für geile Kerle sie sind. Daran allein wäre eigentlich nichts auszusetzen, nur der massige Charakter von William Adama wirkt in dem Szenario einfach etwas fehlplatziert und mit dem dünnen Hering Luke Pasqualino auch nach der dritten wohlgemeinten Chance immer noch fehlbesetzt. Dazu kommt das Problem, das eigentlich alle Prequels haben, wenn sie eine Charakterentwicklung beginnen, deren Ende man bereits genau weiß: Es ist jedem Fan sofort klar, dass wir hier, wäre eine Serie daraus entwachsen, die Entwicklung eines Hot-Shot-Piloten in einen gewissenhaften Anführer beobachten sollten. Das narrative Konzept, dass der Weg das Ziel ist, ist halt auch ein Spannungskiller, denn großartige Überraschungen und Wendungen bleiben bei den bekannten Fakten so in der Regel aus.

„Nicht sicher, ob schlechte Kopie oder nur Imitat“ (Foto: Koch Media/Universal Pictures)
„Nicht sicher, ob schlechte Kopie oder nur Imitat“ (Foto: Koch Media/Universal Pictures)

Häufig ist man als Serienfan ja gegen die „bösen“ TV-Bosse voreingenommen. Die haben ja keine Ahnung, und „Firefly“ abgesetzt und überhaupt, aber: Mit dem Giftschrank hier hatten sie leider recht. „Blood and Chrome“ fügt nichts halbwegs wirklich interessantes dem BG-Universum hinzu sondern erprobt vor billigen Kulissen mit billigen Nachwuchsdarstellern ein billiges Melken einer ermüdeten Kuh.

Dabei hätte das Battlestar-Universum durchaus noch interessante Ecken zu bieten. Wenn ich eine Geschichte darin umsetzen würde, würde ich beispielsweise den Aufbau einer neuen Kolonie fokussieren. Oder verloren gegangene Rettungsschiffe, die sich ohne Kampfstern durchschlagen müssen. Oder die Frage, warum es im „Battlestar“-Universum keine Aliens gibt.

Oder wie wäre es mit einem Reboot der Serie mit guten Darstellern, intelligenten und zeitkritischen Storys? Vielleicht könnte Starbuck ja diesmal überraschenderweise ein männlicher Darsteller sein oder so?

„Battlestar Galactica: Blood and Chrome“ („Blood and Chrome“, USA 2012)

Regie: Jonas Pate

Drehbuch: Michael Taylor, David Eick, Bradley Thompson und David Weddle

Darsteller: Luke Pasqualino, Ben Cotton, Lili Bordán

Extras: Trailer, Deleted Scenes, Making-of der Effekte

Score: Bear McCrearys Battlestar Score ist nach wie vor unübertroffen brillant, hier remixt er aber nur noch altbekanntes.

Rating: 2 Sterne
 „Battlestar Galactica: Blood and Chrome“ erscheint am 28.01.2016 bei Koch Media auf DVD und Blu-ray. 

Fantastischer Kurzfilm: „Looking for the flying-man“

Lettisches „Chronicle“ (OmeU)

Zwei Freunde finden einen Container mit einer seltsamen Substanz in ihr. Einer der beiden erlangt dadurch die Fähigkeit, zu Fliegen und will sich nun selbst als Superheld inszenieren. Doch zwischen beiden steht nicht nur die Freundschaft, sondern auch eine Frau …

Ein lettischer Kurzfilm (Originaltitel: „В поисках летающего человека“) mit vielen Anleihen an „Chronicle“ aber mit weit kleineren Budget produziert.

Immobilienblase als bitterböse Komödie – „The Big Short“

Ein Film der nicht funktionieren sollte, aber dennoch großartig unterhält. Eine Kino-Kritik.

Keine Fiktion: Die Immobilienkrise

Anfang 2007 galten Immobilien galten noch als die Investition. In den USA, und nicht nur dort, wurden Kredite auch bei minimalsten Sicherheiten freizügig vergeben. Es hatte sich ein System entwickelt, in dem die Gier nach Provisionen die Vernunft völlig niederrang.

Einige wenige erkannten jedoch, dass das Kredite-Kartenhaus alles andere als stabil war und entschieden sich, darauf zu wetten, dass dies bald zusammenbricht. Sie investierten gleich große Summen in diese Wetten und waren so später die Nutznießer, auch weil die Politik schließlich die Banken, welche diese Wetten eingegangen waren, finanziell stützten.

Die damalige Finanzkrise nahm ihren Lauf, ihre Auswirkungen spüren wir noch heute …

THE BIG SHORT
Michael Burry (Christian Bale) macht in all den Zahlen eine Entdeckung (Foto: Paramount Pictures/Regency Enterprises)

Michael Burry (Christian Bale, „The Dark Knight“) ist ein genauso brillanter wie auch exzentrischer Investment-Fonds-Manager, der entgegen des Willen all seiner Bosse und Investoren seine Fonds gegen den Strom platziert und dafür extra ein neues Finanzprodukt namens „Credit Default Swap“ erfinden lässt. Die Banken geben ihm diese Swaps äußerst gerne – erscheint ihnen doch der Markt immernoch als nahezu unverwüstbar und Burry als Spinner.

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Mark Baum (Steve Carell) ist eigentlich der Rücksichtsloseste von allen, aber entsetzt über all die Naivität am Markt (Foto: Paramount Pictures/Regency Enterprises)

Von diesen Swaps bekommt aber auch Deutsche Bank-Manager Jared Vennett (Ryan Gosling, der Stuhlüberzug in „Grace & Frankie“) Wind, kann es aber niemanden verkaufen – lediglich das arrogante und selbstverliebte Arschloch Mark Baum (Steve Carell, „Foxcatcher“, hier erneut in einer oscarwürdigen Rolle) wird aufmerksam, will aber selbst vor dem Investment sich den Markt erst noch genauer anschauen. Und kann es später kaum fassen, auf welche Abgründe er dabei stößt.

Letztlich werden auch noch die beiden Nachwuchsfondsmanager Jamie Shipley (Finn Wittrock, „Unbroken“) und Charlie Geller (John Magaro, ebenfalls) auf die Swaps aufmerksam, haben aber das Problem, dass sie noch gar nicht genügend Kreditwürdigkeit besitzen um in diesem Bereich größere Summen investieren zu dürfen. Doch Ben Rickert (Brad Pitt, „Fight Club“) könnte ihnen dabei vielleicht helfen, eine entsprechende Einstufung zu bekommen, doch Rickert ist nur schwer überhaupt zu erreichen und noch weniger leicht zu überzeugen …

Ein Film über skrupellose Arschlöcher

„The Big Short“ basiert auf dem Buch von Michael Lewis (auf Deutsch erschienen als: „The Big Short: Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte“), das reale Zusammenhänge und reale Personen dokumentiert, welche die Immobilienblase in den USA kommen sahen und dagegen wetteten. Der Film gibt den Figuren zwar fiktive Namen und übertreibt an einzelnen Stellen vielleicht, bleibt aber die ganze Zeit im Stil einer seltsamen Mischung aus Dokumentation und Mockumentary, bei der die Grenzen fließend sind. Bisweilen wechselt er sogar auf skurille Metaebenen, in denen schon einmal Selena Gomez an der Seite eines Finanzprofessors auftritt, um theoretische Zusammenhänge aufzuhübschen. Da fallen andere Techniken wie der Unzuverlässige Erzähler oder zeitlich springende Erzählstränge kaum noch auf.

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Eine unheilvolle Allianz beginnt (Steve Carell und Ryan Gosling, Foto: Paramount Pictures/Regency Enterprises)

Eigentlich ist das Thema der „Immobilienblase“ ein extrem trockenes, das nicht nur komplex sondern auch ähnlich attraktiv wie ein schimmelndes Toastbrot ist. Die Tatsache, dass der Film hier auch keinerlei Helden zeigt, sondern nur Opportunisten, welche eine Krise durch ihre Handlungen nur noch verschlimmerten, macht es nicht einfacher. Eigentlich sollte so ein Film also gar nicht funktionieren. Dennoch erwischt man sich, dass man mit all diesen Arschlöchern doch irgendwie mitfiebert und einfach großartig dabei unterhalten wird.

Kandidat für die großen Filmpreise

„The Big Short“ wurde viermal für die Golden Globe-Nominierung am kommenden Sonntag nominiert – neben Drehbuch und Film (Comedy oder Musical) wurden sowohl Steve Carell als auch Christian Bale beide als Hauptdarsteller nominiert und müssen gegeneinander antreten – und könnte auch beim Oscar-Rennen ein Favorit werden. Zu Gönnen wäre es ihn jedenfalls, auch wenn und gerade weil er sich kaum in herkömmliche Genres pressen lässt.

BIGSHORT_01_Plakate_Hauptplakat_A4RGB„The Big Short“ (USA 2015)

Regie: Adam McKay

Drehbuch: Adam McKay und Charles Randolph, basierend auf dem Buch von Michael Lewis

Darsteller: Christian Bale, Steve Carell, Ryan Gosling, Brad Pitt

Score: Eine ebenso ungewöhnliche Mischung wie der Film selbst, sanfte und melancholische Pianostücke werden durch Big Band, Elektro oder sphärischen Synthesizern abgelöst oder schließlich durch eine Symphonie aus Mausklicks (!) ad absurdum geführt.

Rating: 5 Sterne

„The Big Short“ läuft ab dem 14. Januar 2016 in den deutschen Lichtspielhäusern. Aufmacherbild: Jaap Buitendijk/Paramount Pictures.