Kritik „Wish I Was Here“ (oder wie Zach Braff mir Kickstarter madig machte)

15.
Sep.
2014

Ich habe eben Zach Braffs neuen Film „Wish I Was Here“ sehen können. Endlich. Eine Kritik zum Film folgt etwas weiter unten im Text – erstmal muss ich hier über die Rahmenbedingungen dazu etwas Dampf ablassen.

„Garden State“ ist einer meiner Lieblingsfilme

Die TV-Serie „Scrubs“ hat mich nie wirklich begeistern können, ich stolperte eher zufällig über einen kleinen Indie-Film namens „Garden State“ (2004), der von dem Hauptdarsteller der Comedy-Serie, Zach Braff, inszeniert wurde und in dem auch er die Hauptrolle spielte. Um es kurz zu sagen: Ein wunderbarer sympathischer Film.

Das Poster von „Wish I Was Here“ wirkt noch wie eine Wundertüte. Ist der Film auch, zumindest was der Umgang mit internationalen Kickstartern angeht.

Das Poster von „Wish I Was Here“ (Deutscher Verleih: Wild Bunch) wirkt noch wie eine Wundertüte. Ist der Film auch, zumindest was der Umgang mit internationalen Kickstartern angeht.

Als dann im Frühjahr 2013 Braff über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter Mitstreiter suchte, um einen weiteren Film zu finanzieren, den er quasi als „Garden State 2“ ankündigte, war ich sofort bereit, zu investieren. Immerhin bot er, im Gegensatz zum Crowdfunding von dem „Veronica Mars“-Film, auch ein paar Unterstützungs-Stufen, die auch für Nicht-US-Amerikaner interessant erschienen. Als einer von 5707 Unterstützern finanzierte ich bereits am ersten Tag des einmonatigen Kickstarters die Stufe „Backer’s Thank You Screening“, in der einen unter anderen eine Vorführung versprochen wurde, mit anschließendem Online-Q&A mit Zach Braff selbst.

Das eigentliche Online Screening im Juli

Anfang Juli erreichte mich dann die Nachricht, dass endlich das Online-Screening stattfinden werde, kurz vor der Premiere in den US-Kinos. Umgerechnet auf unsere Zeitzone würde das Screening am 12. Juli um 2:00 Uhr nachts starten und man könnte jederzeit bis Sonntag um 5:00 Uhr es online starten. Ich hatte am 12. eigentlich was vor, nahm mir aber extra nachts Zeit, um dem beizuwohnen.

Und dann schlug das Geoblocking zu.

Die Erklärung des Geoblocks. Nachdem ich meinen Link zum Anschauen erhalten hatte.

Die Erklärung des Geoblocks. Angeblich hat also mein Land sich „entschieden“, einen eigenen Reward zu bekommen. Ich wurde nicht gefragt. (Eigener Screenshot)

Es war quasi die gesamte restliche Welt von diesem Event ausgesperrt. Und schlimmer: Sie hatten es noch nicht einmal vorher angekündigt, sondern einen ins offene Copyright-Unfug-Messer laufen lassen, obwohl sie es offenkundigt vorher wussten.

Geht es noch?

Danach: Vertröstungen. Ich sollte eine Online-Umfrage ausfüllen, in der ich mein Land ihnen verrate, wo ich es denn zu gucken gedenke. Sie meinten, dass sie so schnell wie möglich eine Lösung finden würden. Sie vertrösteten und schwiegen, während online kurze Zeit ein Shitstorm losging aber bald wieder verebbte.

Ich war fassungslos. Mir war klar, dass Braff auch die internationalen Distributoren mit all ihren unterschiedlichen Rechtsgeschichten ins Boot holen musste. Aber wir waren doch die ersten Geldgeber für den Film? Warum sollten ausgerechnet wir das Nachsehen haben? Geht es noch?

Unterdessen starte der Film in den USA und Kanada in den Kinos. Und sogar hier in Deutschland gab es bereits die ersten Pressevorführungen. Ich, der nicht einfach zu einem VPN gegriffen habe um dieses dumme Geoblocking zu umgehen, sondern das Rechte tun wollte, durfte ihn immer noch nicht sehen.

Deutschland verspätet

Über zwei Monate dauerte es, bis der Film dann endlich auch für die deutschen Backer gezeigt wurde. Mittlerweile war das Interesse an dem Film spürbar abgeklungen, die ersten Rezensionen machten klar, dass er nicht an „Garden State“ heranreichen würde, aber ganz nett wäre. Auch mein Interesse war im Keller.

Dennoch habe ich mir heute die Zeit genommen, und tatsächlich konnte ich den Film auch endlich online schauen. Natürlich mit einem fetten Wasserzeichen meiner E-Mail-Adresse in der rechten oberen Ecke, damit ich auch ja nicht auf die Idee käme, den Film rechtswidrig zu kopieren. Und noch viel schlimmer: Mit Zwangs-Untertiteln, die man nicht ausstellen konnte. Sicher ist das für viele eine tolle Sache, aber ich wollte den Film eigentlich einfach nur so genießen, wie er … ach, was rege ich mich auf.

Zach Braff hat es jedenfalls geschafft, dass für mich das Thema Kickstarten von Filmen erstmal gestorben ist.

Der Film: Traumwelten

Aber nun zum Film. Aidan Bloom (Braff) ist ein erfolgloser Schauspieler, der seinen Träumen mit 35 immer noch hinterherjagt, während seine Kinder in der jüdischen Schule aufgezogen werden, für die Aidans tiefgläubiger Vater Gabe (Mandy Patinkin) zahlt. Als Gabe jedoch an Krebs erkrankt und nicht mehr für die Kosten der Schule aufkommen kann, muss Aidan zwangsläufig die Kinder selbst zuhause unterrichten und lernt dabei auch selbst über sich einiges.

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Daneben ist seine Ehefrau Sarah (Kate Hudson), die für die Familie ihre eigenen Träume aufgegeben zu haben scheint und Probleme mit einem Mitarbeiter hat, sowie Aidans geekiger Bruder Noah (Josh Gad), der in seiner ganz eigenen Welt lebt und die Bindung zu ihren Vater aufgegeben zu haben scheint.

Die Welt aus einem Aquariumhelm heraus betrachtet

„Wish I Was Here“ zieht all die Register, die „Garden State“ zu einem solchen Kleinod gemacht hatten. Ein erfolgloser Schauspieler, ein sterbendes Familienmitglied, eigentlich feste Familienbande, die auf gleich mehrere Proben gestellt werden und ein toller Indie-Musik-Score.

Die Kinderdarsteller (Joey King und Pierce Gagnon) sind wirklich großartig und Perücke und Bohrmaschine sind wichtige Requisiten. („Wish I Was Here“, Dt. Verleih: Wild Bunch)

Die Kinderdarsteller (Joey King und Pierce Gagnon) sind wirklich großartig und Perücke und Bohrmaschine sind wichtige Requisiten. („Wish I Was Here“, Dt. Verleih: Wild Bunch)

Aber: Er versucht leider zuviel. Aidan erklärt seinen Kindern in der Mitte des Films, was eine „Erleuchtung“ („Epiphany“) ist. Leider muss in dem Film nicht nur Aidan diese finden, sondern nahezu jeder einzelne der Nebencharaktere auch, sei es Gabe, der feststellen muss, dass er seinen Söhnen nie erzählt hat, dass er stolz auf sie ist, Noah, der sich durch seine Angst nach dem Verlust eines Elternteils vor dem anderen entfremdet hatte, Sarah, die ihre Arbeit nur noch der Sicherheit der Familie halber fortführte oder Tochter Grace, die lernen muss das Leben nicht nur aus Verboten und Geboten bestehen kann.

Es bleibt ein emotionaler Film, der einen an vielen Stellen berühren wird, aber der letztlich einen etwas leer zurücklässt und letztlich durchaus ein „Garden State 2“ sein kann, aber dem Gesagten dort leider nicht viel Neues hinzuzufügen vermag.

“Wish I Was Here” (USA 2014)

Regie: Zach Braff

Buch: Adam J. Braff, Zach Braff

Darsteller: Zach BraffKate HudsonMandy PatinkinJosh GadJoey KingPierce Gagnon

Score: Tolle Indie-Mischung, kann wie der von „Garden State“ in die regelmäßige Playlist.

Rating: 6 Sterne

Kritik: „What We Do in the Shadows“ (dt.: „5 Zimmer Küche Sarg“, Fantasy Filmfest 2014)

14.
Sep.
2014

Typische WG-Probleme

Die Freunde Vladislav (Jemaine Clement), Viago (Taika Waititi), Deacon (Jonathan Brugh) und Petyr (Ben Fransham) haben im neuseeländischen Wellington eine WG gegründet. Derzeit haben sie allerdings Besuch von einem Team von Dokumentarfilmern, welche die sozialen Interaktionen zwischen den vieren und ihren Opfern filmen wollen. Die vier sind nämlich Vampire und Deacon hat seit Jahren das Geschirr nicht mehr abgewaschen.

Ein glückliches Gruppenfoto der ungleichen Freunde („What We Do in the Shadows“ in Deutschland bei Weltkino Filmverleih)

Natürlich sind alle Filmer mit Kruzifixen ausgestattet und haben eine Zusicherung der übernatürlichen Critter bekommen, dass ihnen bei den Dreharbeiten nichts passieren wird. Aber spätestens als der extrovertierte Nick und sein bester überaus bodenständiger Freund Stu zu der Gruppe stoßen, ziehen nicht nur seltsame moderne Sitten und Technik ins Haus, sondern gerät auch einiges im Futterplan durcheinander.

Die generische Feindschaft zu den Werwölfen ist kurz vor der Eskalation, die Bestie, der Erzfeind von Vladislav, wirft ihre Schatten voraus, Deacons Vertraute fordert immer lautstärker, dass er sie nicht nur ausnutzen, sondern auch endlich unsterblich machen soll und auch Viago muss endlich einmal für sich herausfinden, ob seine alte Liebe, für die er einst überhaupt erst nach Neuseeland gezogen ist, es noch wert ist, weiter zu verfolgen.

“We are were wolves, not swear wolves!”

Was für eine herrlich schräge und unkonventionelle Komödie. Der Film hat durchaus das Zeug, ein Kultkaliber von Monty Python zu entwickeln. Er macht vor keinem Vampir-Klischee halt (selbst „Twilight“ wird kurz gemolken), schafft es aber dennoch seine tollen Figuren ernst zu nehmen und das ganze gleichzeitig im Mockumentary-Stil konsequent verpackt zu halten. Kurz: Ich habe mich lange nicht mehr so prächtig im Kino amüsiert.

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An diesem Film habe ich rein gar nichts auszusetzen, außer vielleicht seine Kürze von gerade einmal 86 Minuten. Aber die sind so vollgepfropft mit Anspielungen, kleinen Details und bizarren Übertreibungen, dass man manchmal vor lauter Lachen gar nicht mehr den nächsten Gag mitbekommt. Wirklich Groß-art-ig!

„What We Do in the Shadows“ („5 Zimmer Küche Sarg“) (Neuseeland 2014)

Regie, Buch und Darsteller: Jemaine Clement, Taika Waititi

Weitere Darsteller: Jonathan Brugh, Cori Gonzalez-MacuerStuart Rutherford

Rollenspielinspirationsfaktor: Absurd.

Kinostart in Deutschland: Am 30. Oktober 2014 (Weltkino Filmverleih).

Rating: 9 Sterne

Kritik: „Cold in July“ (Fantasy Filmfest 2014)

14.
Sep.
2014

Dieses Jahr haben wir aus unterschiedlichsten Gründen leider nur zwei Filme beim Fantasy Filmfest realisieren können, und das am neuen Festivalspielort in Hamburg, dem Savoy. Ungewohnt aber toll dort ist, dass man sich nicht eine halbe Stunde vor Filmbeginn bereits die Beine in den Bauch stehen muss, um halbwegs gute Plätze zu erlagen – diesmal reicht es aus, rechtzeitig die Platzreservierungen im Internet vorzunehmen (wobei man da durchaus auch einige Konkurrenz hat). Aber keine lange Vorrede, gleich zum ersten Film.

„Wir hatten uns doch auf Blumendekor fürs Sofa geeinigt!“

Richard Dane (Michael C. Hall) schreckt mitten in der Nacht auf, ein Einbrecher ist in das Haus seiner jungen Familie eingestiegen. Zitternd vor Angst schafft er es kaum, die Pistolenkugeln in seine Knarre einzulegen, die er für solche Zwecke als wehrhafter amerikanischer Staatsbürger natürlich in einem Schuhkarton im Kleiderschrank aufbewahrt. Er ertappt den Einbrecher und in einem Schreckensmoment drückt er ab – und tötet den jungen Mann vor sich.

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Fix und fertig mit der Situation muss Richard nun nicht nur verarbeiten, dass er einen Menschen getötet hat, sondern erfährt auch nebenbei, dass der schlechte Apfel wohl nicht weit vom Stamm gefallen ist – der Vater (Sam Shepard) des toten Einbrechers wurde gerade auf Bewährung nach einer langen Haftstrafe freigelassen. Und da auch die Presse gerade über Richard und seine Familie samt Foto groß berichtet hat, ist Richard klar, dass dieser Vater nun auf Rache aus sein wird.

Doch es längst ist nicht alles nicht so klar, wie es lange Zeit scheint. Der Sheriff scheint auch seine eigene Gründe zu haben, warum er Richards Familie als Lockvogel nutzen will, und dann gibt es da noch eine Wendung, die alles auf den Kopf stellt und den Film eine ganz andere Richtung gibt.

In den 80ern trägt man noch Vokuhila

Lange bleibt unklar, in welche Richtung sich der Film eigentlich entwickeln will. Ist es nun ein Horrorthriller mit einem übermächtigen Gegner? Oder eine Studie der Entwicklung eines einfachen Familienvaters, der jemanden getötet hat und nun Stück für Stück paranoid wird? In der Tat ist die schauspielerische Leistung von Michael C. Hall durchweg gut, hervorragend getarnt durch den Schnauzer und der Vokuhila-Frisur ist mir auch den gesamten Film nicht klar geworden, dass hier tatsächlich der Darsteller aus „Six Feet Under“ (und ja, auch aus „Dexter“) den Protagonisten mimt, so anders und nuanciert spielt Hall den einfachen Handwerker, der über sich hinauswachsen muss. Auch Shepard und der erst zur zweiten Hälfte des Filmes auftauchende Don Johnson („Miami Vice“) machen ihre Sache durchaus gut.

Das Problem ist ein anderes: Der Regisseur Jim Mickle (mir vom 2011er Fantasy Filmfest durch „Stakeland“ noch bekannt) weiß nicht so recht, welchen Erzählfaden er fertig spinnen soll und verzettelt sich. Letztlich ist er dann doch ein Rache-Thriller, dessen Twist mitten in der Geschichte zwar durchaus überrascht, aber der einiges Potenzial gerade hin zur Auflösung leider verschenkt.

„Cold in July“ (USA 2014)

Regie: Jim Mickle

Buch: Nick Damici basierend auf dem Roman von Joe R. Lansdale

Darsteller: Michael C. Hall, Sam Shepard, Don Johnson

Rollenspielinspirationsfaktor: Mäßig. Der Charakterweg, den der Protagonist im Film nimmt, ist zwar durchaus faszinierend, aber leider nicht konsequent durchdacht, kann aber durchaus für Method-Actors einiges an Inspiration bieten.

Score: Überraschend kultiger Synthesizer-80er-Revival-Elektro-Pop-lastig, der Score von Jeff Grace gefällt. Im Trailer hört man „Cosmo Black“ von Dynatron (oben via Soundcloud eingebettet).

Kinostart in Deutschland: Nicht geplant, eher unwahrscheinlich, dass er hierzulande mehr als nur fürs Heimkino veröffentlicht wird.

Rating: 6 Sterne

Fantastischer Kurzfilm: „Plot Device“

18.
Jul.
2014

Ein junger Filmemacher bestellt sich ein „Plot Device“* (natürlich als Impulskauf bei Amazon), was sich dann aber als interessanter Fehler herausstellt, der einiges durcheinanderwirbelt – das Gerät wechselt die reale Welt nämlich in Filmgenres aus.

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* „Plot Device“ ist wörtlich übersetzt ein „Handlungsgerät“, gemeint bei Geschichten ist damit aber ein „Kunstgriff“, der die Handlung vorantreibt.