TV-Rollenspiele – ein Flop?

Immer wieder werden zu TV-Serien oder erfolgreichen Kino-Filmen Rollenspiel-Systeme entwickelt und vertrieben. Doch bei so gut wie allen Werken, die in den letzten Jahren dazu herausgegeben worden sind, ist die Entwicklung mittlerweile eingestellt worden.
Decipher hat zwar offiziell nichts verlautbaren lassen, aber Insider wissen bereits seit Anfang des Jahres, als sie ihre Rollenspiel-Abteilung nach Los Angeles „verlagerten“, dass damit eben diese wegrationalisiert worden ist. Auf neue Produkte für das Coda-Star Trek-System oder das Herr der Ringe Rollenspiel wartet der Fan seitdem lange – lediglich auf der Website stellten sie ein paar Abenteuer zum Download als „Lückenfüller“ zur Verfügung, die, wie durchsickerte, aber bereits seit langem in ihren Schubladen lagen.
Ähnlich sieht es leider auch beim durchaus spaßigen, flotten und sich selbst nicht allzu ernstnehmenden Buffy-Rollenspiel-System aus – nach einem Band für die im Mai dieses Jahres eingestellte Serie Angel ist eben auch offenbar diese Rollenspielbücherserie eingestellt worden.
Und auch Fans des Stargate SG-1-Rollenspiels warten nun schon seit Monaten auf neue Produktankündigungen – es sind bisher erst 2 Staffel-Bände und 2 Hintergrundbände herausgekommen von einer Serie, die im amerikanischen TV immerhin schon in der achten Staffel ist und immer noch gute Quoten einbringt.
Doch woran liegt es? Immerhin laufen diverse andere Rollenspielsysteme doch auch seit Jahren gut (D&D wurde diesen Herbst immerhin 30 Jahre alt). Ist die Fanbasis nicht solide genug, ein solches System zu unterstützen?
Eine Ausnahme der Regel kann man dennoch finden – und es ist ausgerechnet die seit Jahren abgesetzte Serie Babylon 5, für die vom britischen Mongoose Publishing Verlag konsequent neue Produkte auf dem Markt geworfen werden (zwar grundsätzlich verspätet aber immerhin kontinuierlich). Ist die Basis für ausgerechnet diese Serie also groß genug?
Ich denke eher nicht, sondern ich befürchte einen anderen Hintergrund, warum ausgerechnet Babylon 5 momentan als Rollenspiel funktioniert: Es benutzt das d20-System als Basis. Dies ist zwar in Deutschland immer noch nicht so stark verbreitet (was mal ein anderes Thema wäre, dass man ausbreiten könnte), aber in den englischsprachigen Ländern ist dies momentan das große, alles dominierende System, das mittlerweile eine fast bedrohliche Marktpräsenz erreicht hat. Und da eben dieses System für viele Spieler eine bekannte Größe ist, in welche sie sich nicht erst lange reinarbeiten müssen, ist es mittlerweile so gut wie sicher: Wer sein neues System nicht auf d20 basieren läßt, hat keine Chance mehr.
Nun sei die Qualität des d20 Systems hier nicht bestritten – aber nicht für alle Genres und Settings funktioniert dieses Regelwerk gleichgut. So ist auch das Babylon 5 RPG nicht ohne diverse gravierende Kunstgriffe in die Spielmechanik ausgekommen – dies hätte man mit einem eigenen System sicher eleganter lösen können.
Doch warum ist dann das Stargate SG-1 RPG nicht ebenso erfolgreich – prangt doch auch ein d20 Logo auf dessen Rückseite. Hmm, ich will niemanden etwas unterstellen – aber es prangt eben nur auf dieser Seite – und vorne steht dick powered by Spycraft – eine d20-Regelvariante, die nur wenige Spieler kennen. Und eben diese Unkenntniss hält wohl doch diverse Spieler ab, dieses Grundregelwerk sich anzuschaffen – sie würden ja Gefahr laufen, ein neues System kennenlernen zu müssen.
Auch andere, durchaus gelungene Systeme, weichen mehr und mehr d20 Varianten – 7te See wurde durch eine d20 Variante substituiert, die dadurch viel vom alten Charme verliert, Deadlands gibt es mittlerweile ebenfalls als d20 System, und viele andere Systeme mehr. Ohne ein d20 Logo ist ein Rollenspielsystem im englischsprachigen Raum heute kaum noch zu verkaufen.
So bedeutet dies also nun, dass wir Fans uns damit abfinden müssen, dass wir vom Decipher Star Trek RPG auf lange Zeit keine neuen Bücher mehr sehen werden. Sie werden kaum selbst eine d20 Variante herausbringen und bis ein anderer Verlag die Lizenz erwirbt, werden noch einige Jahre ins Land gehen (wobei Decipher selbst schon der dritte Lizenzhalter für Rollenspiele ist). Sehr schade, da gerade Deciphers Ansatz, Star Trek in ein Rollenspiel umzusetzen, einige herausragend gute Bücher hervorgebracht hat (das Aliens Buch ist nach wie vor aller erste Sahne).
Und so stimmt es mich in der Tat irgendwie traurig, wenn auf der Spiel Messe in Essen die „Star Trek“-Grundregelwerke bereits für 5 Euro das Stück verramscht wurden. Einen deutschen Verleger wird man so wohl kaum finden, und international ist das Feld abgegrast. Müssen wir Rollenspieler also aus dem vorhandenen Material das Beste machen, was wir können.