Nordcon 2009

Regnerisch war’s. Eigentlich ist das Nordcon-Wochenende ja für gutes Wetter berüchtigt, aber diesmal ist im Laufe des Nachmittages einiges zu gezogen und ich war froh, doch die Jacke eingepackt zu haben.

Aber mal am Anfang anfangen. Der Nordcon ist, wenn ich mich recht entsinne, Europas größter Rollenspiel-Con und fand dieses Wochende bereits zum dreizehnten Mal statt. Ich habe aber keine Ahnung, zum wie vielten Mal ich da war. Aber es hat sich doch trotz müder Füße doch wieder gelohnt, nicht nur, weil man einige Freunde wieder getroffen hat, die man halt nur dort trifft. Und in der Trutzhavener Feldküche lecker essen konnte.

Für mich ist der Nordcon, neben interessanten Workshops, immer eine Möglichkeit, mal andere Systeme und Spielleit-Arten kennen zu lernen. Daher gönne ich mir eigentlich jedesmal auch ein bis zwei Runden, an denen ich einfach nur teilnehme.

Houses of the Blooded

Dieses mal hatte ich mich für eine „Houses of the Blooded“-Runde eingetragen, dem Rollenspiel-Intrige-System von John Wick, einem der Hauptentwickler von „Siebte See“. Ich hatte bereits die Preview gelesen und mir das Regelwerk als Schnäppchen-PDF gegönnt (siehe Das wahre Vodacce für € 3,50 hier im Blog), hatte bisher aber keine Gelegenheit, es einmal live zu testen.

Es gab nur ein Problem: der Spielleiter hat uns versetzt. Fünf interessierte Spieler, zwei davon sogar aus Paris gekommen, warteten vergeblich. Ein Orga-Mensch brachte uns auch nicht weitere Infos, sondern wollte nur selbst anfragen, ob er doch noch mitspielen könne. Und letztlich tauchte noch ein Spielleiter auf, der das System selbst gemeistert hatte und einen anderen Spielleiter dabei erleben wollte. Über mangelndes Interesse konnte man sich also nicht beklagen.

Alles Warten half nicht, es tauchte der erwartete Spielleiter nicht auf. Aber: der andere Spielleiter (dessen Namen ich leider vergessen hab) sprang dann kurzerhand ein und improvisierte gänzlich ohne Spielmaterial mit uns eine Runde. Und die verlief großartig seltsam. Mir war klar, dass es ein narratives System war und dessen Regeln dies unterstützen sollten. Die klassischen Rollenspieler der Runde taten sich etwas schwer damit, andere Charaktere mit Intrigen einzuspinnen – nur weil sie es konnten. Jedem unserer Charaktere fehlte eine Ausgangsmotivation. Doch das hielt uns nicht auf, aus einen Debütantinnenball gleich drei Duelle erwachsen zu lassen. Vor allem durch die Tat einer Mitspielerin, die gleich am Anfang der Gastgeberin des Abends den Fluch auferlegte, dass diese auf alle einfachen Fragen generell mit „Ja“ antworten solle, wurde eine unheilvolle Kettenreaktion ins Laufen gebracht. So sponnen sich seltsame Intrigen, die Wirklichkeit veränderte sich im Minutentakt, da die Stylepunkte der Mitspieler en masse eingesetzt wurden.

Doch dann zeigte sich ein entscheidenes Manko des Systems. Der Kampf. Der Versuch dieses vor allem narrativ zu lösen, stellte sich schon beim „Engel“ System als schwierig heraus, im direkten Duell, was bei „Houses of the Blooded“ die Regel ist, gestaltet sich der Balanceakt aus „Gewinnen wollen“ und „Interessanten Kampf beschreiben“ als äußerst schwierig. Vielleicht braucht das nur Übung, jedenfalls haperte es an dieser Stelle für meinen Geschmack, bzw. war das System zu wenig strukturiert.

Dennoch war das Ergebnis äußerst amüsant, sicher nicht jedermanns Sache, aber ich hatte Spaß dran. Und an dieser Stelle nochmal herzlichen Dank fürs Einspringen beim Spielleiten!

Cthulhu Now

Ich hatte vor Jahren einmal Cthulhu gespielt und wollte immer einmal wissen, wie Cthulhu Now sich wohl spielerisch anfühlt. Entsprechend trug ich mich für eine Late-Night-Runde ein. Der Spielleiter war überraschenderweise ein Blog-Kollege, The Roach, der für das Pegasus Support Team dort war.

Mit etwas Verspätung tauchten noch zwei weitere Mitspieler auf, und etwa eine Stunde später hatten wir drei Hobby-Detektiv-Charaktere fertig. Johnny, ein Psychobilly-Hobbymusiker, dessen Haarpracht jeden verstören sollte und der enttäuscht war, dass er nicht mit seiner Kettensäge rumlaufen durfte, Dieter Paschulke, ein älterer Hausmeister, der vermutlich nur dabei war um nicht zuhause seiner Frau zu begegnen, und mein Charakter, Frederick van Zaak, ein freier Journalist, dessen Lust an gehobener Kultur und Lebensstil ihn grundsätzlich knapp bei Kasse sein ließ. Als Setting stellte der Spielleiter die Bedingung, dass wir einen Zoo brauchten, allerdings war ihm Hagenbecks Tierpark in Hamburg zu groß, so dass wir auf den Tierpark Schwarze Berge im Süden der Hanstestadt auswichen.

Von unserem Chef wurden wir dann auch gleich losgeschickt, einen verschwundenen Affen aus dem Tierpark nachzuspüren. Die drei ungleichen Charaktere stolperten dann auch bald durch die Geschichte, schafften es grandios die Hälfte der Hinweise zu übersehen und steuerten dennoch Stück für Stück weiter ins Grauen hinein. Soweit so gut.

Missfallen haben mir dann doch ein paar kleine Details, was aber vermutlich generell an Cthulhu oder genauer genommen Kriminal-Abenteuern liegt. Das Würfeln auf „Idee“ um einen entscheidenen Fingerzeig vom Spielleiter zu bekommen, hat Roach immer wieder eingebracht, nur um dann deprimiert festzustellen, dass unser Würfelglück uns in diesen Momenten kollektiv verlassen hatte. Mir stellte sich unterdessen die Frage, ob ein Werfenlassen auf „Idee“ nicht ohnehin ziemlicher Unsinn ist. Will man eine Runde zwangsweise in eine bestimmte Richtung drängen, dann sollte man dies aber nicht von einem Würfelwurf abmachen lassen, sondern entweder die Hinweise deutlicher und ohne Würfeln streuen (warum erkennt man ein zerkratztes Schloss erst nachdem man auf „Verborgenens Erkennen“ gewürfelt hat?) und die unausweichlichen Schlüsse entweder notfalls durch einen NSC machen lassen oder halt wirklich den Spielern outtime stecken. Selbst wenn ich einen Wurf auf „Idee“ tatsächlich wider Erwarten geschafft hatte, fühlte sich dieser „Sieg“ schal an.

Ansonsten fühlt sich Cthulhu Now nicht wirklich anders als die anderen Cthulhu-Inkarnationen an. Es gibt eine einzige Fertigkeit mehr (Computernutzung), die aber quasi austauschbar mit Bibliotheksnutzung ist, allerdings einen massiv niedrigeren Anfangs-Grundwert ausgestattet ist – eine Designentscheidung, die ich nicht wirklich nachvollziehen kann.

Der Plot des Abenteuers, das angeblich eine Adaption eines Abenteuers von Monte Cook für Call of Cthulhu d20 war, vermochte dann aber doch zu gefallen und die einzelnen Puzzleteile reihten sich schrittweise aneinander – also, wie es halt sein sollte. Outtime hatte ich etwa eine Stunde vor dem Finale den großen Aha-Moment gehabt, leider vermochte ich intime nicht meinen Charakter dieselben Denkschritte nachvollziehen zu lassen, da ich ihn als zwar durchaus intelligenten aber rationalen Typen angelegt hatte der nicht an das übernatürliche glauben sollte und der bis dahin noch nicht wirklich genügend mit übernatürlichem konfrontiert war. Dennoch warf mich das ganze nicht heraus und das ganze Spiel wie auch das Finale war letztlich durchaus spannend und mit vielen kleinen netten Popkulturreferenzen inszeniert – wenn ich auch den letzten Poker-Versuch des Spielleiters („Wieviel Schaden war das? Hast Du wirklich drei gesagt? Genausoviel hatte er noch!“) nicht geschluckt sondern einfach ignoriert habe, denn es war wirklich spät genug.

Letztlich bleibt mir ein Fazit: „Cthulhu Now“ ist durchaus interessant, für Horror in der Jetztzeit funktioniert für meinen persönlichen Spielgeschmack aber „Unknown Armies“ besser, allein schon da er nicht nur einen, sondern fünf Einzelaspekte für geistige Stabilität beinhaltet. Danke fürs Meistern, Roach.

Ansonsten: der Rahmen

Irgendwie erschien nicht nur Roach, mit dem ich darüber vor Spielstart sprechen konnte, sondern auch mir die Nordcon dieses Jahr irgendwie etwas magerer als sonst. Sicher waren die üblichen Verdächtigen und auch ein paar mehr da, doch das Angebot an Spielrunden war etwas ausgedünnt und die Koordination derer war nicht nur von der Lokalität her abseits gesetzt – sie war schlichtweg wieder chaotisch, dort braucht es dringend ein anderes, besseres System. Gefühltermaßen gab es dieses Jahr auch weit weniger Runden – oder sie waren unten am Orgastand einfach nicht zu finden, sondern nur auf Anfrage bei den Promoständen der Verlage. Damit ist doch sicher keiner zufrieden?

Über 25% mehr kostet der Eintritt zur Nordcon mittlerweile und dazu war es auch dieses Jahr nicht mehr möglich, nur den Sonnabend auf die Con zu gehen. Sicher, Preiserhöhungen gehören dazu, aber dies ist langsam etwas unverschämt. 2007 habe ich noch 6,– € für den Sonnabend gezahlt, dieses Jahr 10,– € (+66%). Und warum muss man auf einen Gelände, das nur einen Ein- und Ausgang hat, an zwei weiteren Punkten sein Armband vorzeigen?

Und: so schön auch das Außenareal des neuen Gelände sein mag, irgendwie sind die engen Flure der Schule auf vielen Etagen verteilt, insgesamt unübersichtlicher. Drängeln tut man sich zwar immer noch, das Messefeeling einer Halle hat man aber nicht mehr, sondern kommt sich eher auf einen Flohmarkt vor …

6 Gedanken zu „Nordcon 2009“

  1. Du wirst lachen, aber genau diese letzten dreiTrefferpunkte waren kein Pokern sondern die Wahrheit. Beim Treffer davor htte ich mir noch kurz überlegt, ob ich den Kamopf auf diese Weise beenden sollte, aber da zum einen sowieso wahscheinlich nur noch ein Treffer nötig war und ihr endlich euer Würfelpech überwunden hattet, hatte ich beschossen, es doch ‚korrekt‘ durchzuziehen.
    Das Abenteuer ist allerdings nicht ursprünglich von Monte Cook sonder von Jonatrhan Stout.
    Was die Ideen-Würfe angeht, kann das System sicher für einiges an rust sorgen, allerdings hattet ihr einen Gutteil der Zeit auch abnormes Würfelpech.
    Was den Stil betrifft, ist Cthulhu bei mir meist eher Richtung Mystery als Richtung „echter Horror“, was dazu führt, dass man meist erst ziemlich gegen Ende des Abenteuers auf die wirklich seltsamen Ereignisse trifft. ‚Affig‘ ist in diesem Punkt zugegebenermaßen extrem, noch mehr als dies bei meinen eigenen Abenteuern der Fall ist.

  2. @Chris: Wieso Mike uns versetzt hat? Keinen blassen Schimmer, die Orga unten wusste auch nix genaueres.

    @Roach: Das hätte ich jetzt auch gesagt mit den drei Trefferpunkten, zumal wir nur bedingt das Würfelpech überhaupt überwunden hatten – die drei TP waren ja nur von einem einzigen W6 Schaden … Was das Würfelpech angeht: ja, das ist bei mir als Spieler immer so, selbst zum Schluss, als ich endlich mal ein paar Würfe geschafft hatte (Autofahren, Nicht-verrückt-werden), war dies eigentlich genau das Gegenteil von dem, was der Spieler wollte, da ich eigentlich zum Schluss gerne noch erlebt hätte, wie Du Crash-Regeln improvisierst oder mein Charakter austickt. Aber ich beuge mich ja dem Würfel … 😉

    Und: Mystery mag ich meist auch sehr viel lieber als blanken Horror.

  3. Hallo,

    als angemeldeter SL hättest du dir nach dem Spiel den Eintritt wieder zurück erstatten lassen können, wie ich es nach meiner LabLord-Runde getan habe.

    Gruß

    Xemides

  4. @Eintrittskarten: Es war ja Stadtteilfestival und es durfte kostenlos jeder auf den Schulhof, aber eben nicht auf Wiese und in die Schule. Daher mehrere Kontrollen. Gab ja auch keine Staus, oder so.

    Ansonsten war es vbon den Ständen etwas besser besucht als letztes Jahr, hatte ich im Gefühl. Die Spielrundenorga fand ich auch weniger chaotisch, ehrlich gesagt – insbesondere, dass sie nicht den Aufgang blockierten.

  5. Das Eintrittsgeld hat sich unser Spielleiter dann auch – zurecht – wiedergeholt, ja.

    Dass wieder das Stadtteilfest parallel lief fand ich im übrigen auch nicht so günstig, da damit eine der besseren Parkplatzmöglichkeiten in der Gegend auch dieses Jahr wieder verbaut war und ich mich prompt verfahren hatte, da plötzlich eine Strasse komplett gesperrt war.

Kommentare sind geschlossen.