Spielbericht „Unknown Armies“: „Carcosa, NJ“

Tom (@HPLCthulhu) hat mich getreten, hier einen kleinen Spielbericht zu hinterlassen, alle andere können weitergehen, wenn sie möchten, hier gibt es ggf. Spoiler zu einem frei herunterladbaren Abenteuer.

Noch da?

Na gut. Das Abenteuer heißt „Carcosa, NJ“ (von Gareth Hanrahan, aus dem Englischen von David Borke), und gibt es auf Unknown-Armies.de als Bestandteil der kostenlosen Lite-Regeln. Genauergesagt gibt es dies noch einmal mehr, denn bei den Lite-Regeln fehlen aus irgendwelchen Gründen die vorgefertigten Charakterbögen. Will man diese haben, gibt es das Abenteuer aber nochmal als zweites in den „X-Mas Files“ (nicht fragen, ist einfach so).

„Unknown Armies“?

Ach so. Vielleicht kurz ein kleiner Schwenker noch. „Unknown Armies“ ist ein strunzgeiles System für Erwachsene, in dem geflucht, gefickt und gefleddert werden darf, wie man mag – kurz: es ist eigentlich ideal für Leute ab 18, oder die es noch werden wollen. Kurzerhand geht es um einen „Okkulten Untergrund“, der entstanden ist, nachdem man festgestellt hat, dass Magie tatsächlich funktioniert. Zwar nicht ganz so wie erwartet – oder besser gesagt, alles andere als wie man erwartet hätte – aber sie funktioniert. Und sie bietet einen Macht – wenn man denn bereit ist, auch die Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Denn Magie zu wirken ist nicht wirklich realitätsnah. Aber wenn man dieses Manko („Realität“) erstmal überwunden hat, ist sie ziemlich geil. Dennoch sollte möglich niemand von den Otto-Normal-Fuzzis mitbekommen, dass Magie da ist. Und sei es nur wegen diesen netten Menschen, die hinter Dir aufräumen – und dabei meist Dich gleich mit in die Tonne treten.

Kurz: Wir haben eine magische Realität, die im Schatten der unsrigen existiert, die wir in der Regel nicht beachten (wollen) und die ihre ganz eigenen Gesetze hat. Die man erstmal verstehen lernen sollte. Wenn man überleben will.

Und soetwas spielst Du gerne?

Von den angepeilten vier Spielern, die sich von mir als Spielleiter freiwillig quälen lassen wollten, waren dann drei da (eine war kurzfristig leider krank geworden oder hatte keine bessere Ausrede). Sie durften sich aus den vier von mir vorselektierten (aus den sechs vorgefertigten Charakteren) dann jeweils einen aussuchen und entschlossen sich für Darla, Franklin und Cohen. Damit war der Teamleader, Mr. Dante, raus und eben dieser wurde kurzerhand zum NSC degradiert und nach einiger Zeit brach er auch schon mit schrecklicher Migräne und der Bitte auf den Lippen zusammen, dass sie doch bitte alleine zu dem Typen in diesem irischen Pub gehen mögen. Was die drei SCs dann auch brav taten.

„Nachdem die üblichen paranoiden Kennenlern-Manöver des okkulten Untergrundes überstanden sind“  – Abenteuerbeschreibung

Äh? Öhm. Okay, was sind die eigentlich? Da steht gar nix dazu. Gut, ich improvisierte erstmal hoffnungsfroh und ließ die Spieler eiskalt auflaufen. Letztlich verlangte dieser Informant eine „Legitimation“, weswegen die Spieler kurzerhand vom Migräne-geplagten und mittlerweile durch „Selbstmedikation“ (Bourbon) Mr. Dante den Führerschein klauten und diesen vorlegten. Sie bekamen nun die Infos, dafür war kurz später Dante aus dem klapprigen alten VW-Bulli entflohen (sie hatten extra den Schlüssel konfisziert, diese klugen Bestien von Spielern, als ob sie geahnt hätten, dass ich diesen Dante ausbauen will). Sie fanden ihn anderthalb Häuserblöcke wieder, wo er gerade aus einem neben einen großen Supermarkt angesiedelten Liquorstore abgeführt wurde – er hatte offenbar randaliert, als dieser Assi von Kassierer auf das Vorzeigen des Führerscheins bestand („Sind Sie schon 21?“) und er eben diesen nicht in seiner Jacke mehr fand (na, wo war der denn geblieben?). Die Bullen kassierten ihn ein und steckten ihn in die Ausnüchterungszelle, die SCs waren auf sich allein gestellt. Yeah.

Die SCs folgten nun der Spur ins Casino/Hotel. Dort checkten sie sich erstmal ein. Und überlegten im Hotelzimmer, was sie denn mal so machen könnten, um diesen gesuchten Static Harvey zu finden – der ja hier auch sein sollte. Franklin, der die hohe Kunst der Astralprojektion beherrscht, zeigte erstaunliches geschick, dies in dieser superentspannten Situation nicht zu schaffen (Jens bewies mal sein Würfelpech). Wie sollte das denn erst später unter Druck gelingen? Letztlich entschlossen sie sich, einfach unter dem Namen „Static Harvey“ nochmal einzuchecken und abzuwarten, was passiert. Sie namen dazu einfach das Zimmer nebenan. An der Rezeption fanden sie letztlich heraus, dass offenbar ein weiterer Static Harvey bereits eingecheckt hatte und bekamen die Zimmernummer heraus. Dort fanden sie aber nur eine verschlossene Tür vor. Nach einigem Hin und Her kamen sie auf die großartige Idee, an der Rezeption einfach zu behaupten, dass sie einen falschen Zimmerschlüssel bekommen hätten und mit dem anderen Static Harvey verwechselt worden wären. Ich ließ diese Geschichte gewähren, sie war zwar nicht wirklich schlüssig, aber innovativ.

Drinnen fanden sie dann zwei Hotel-Pagen-Leichen und konnten vom Balkon aus zusehen, wie gerade im fünften Stock jemand heraufkletterte und sich dort offenbar Zugang verschaffte. Dann bekam Darla ihre Vision, wie sie – oder nein, ein Typ, mit dessen Körper sie offenbar gerade empathisch verbunden war, gerade umgebracht wurde (ja, ich straffte hier langsam aber sicher etwas den Plot). Danach ging die Hölle los – irgendetwas mit Heizungrohren, Geistern und so ein Zeug, was meine Spieler ganz klar derzeit nicht interessierte. Die sofort in den fünften Stock gerannt, fanden dort zwei tote Wachleute und kamen in Konflikt mit der Bande rund um Columbanus. Der wollte gerade so richtig loslegen, als der Spieler von Cohen selbst seine Waffe nutze und auf Columbanus schoss. Der Spieler würfelte. Eine 01. Ein kritischer Treffer. Columbanus war sofort tot. Sein Bruder hielt minimal länger durch, der Buddha wurde auch recht flott niedergemacht und die Spieler übernahmen die Oberhand im Geschehen. Geil.

„Schußwechsel in #Unknown_Armies lebend überstanden. Puh.“ – @Myrkvid

Die Spieler hatten nun Static Harvey. Diesen komischen greisen Typen auf dem Bett. Und zwei Henchmen vom Buddha. Letztere beide ließen sie, nachdem diese sich ergeben hatten, einfach gehen. Cohen kümmerte sich um Static Harvey und den Typen, Franklin geleitete die Typen zum Fahrstuhl und Darla war, nachdem sie ein paar mal ihren Namen durch eine geisterhafte Stimme gehört hatte („Öhm? Sandra? Guckst Du mal bitte auf Deinen Charakternamen kurz?“ – „Oh … Ah ja“) dieser in das Zimmer gefolgt, in dem nun ein Toter auf sie wartete. Oder besser: eine Leiche und ein Toter. Ein Toter, der sich nun als ihr Vater offenbarte („Darla … ich bin Dein Vater!“) und sie aufklärte, dass da unten etwas ganz fieses mit Geistern und einer Maschine im Heizungssystem und so vorging, und sie doch bitte ihren Körper für ihren Vater geben möge. Letztlich kam Franklin dazu und wurde kurzerhand von Darla und ihrem Daddy überredet, den Körper herzugeben – er würde ja eh nicht so stark daran hängen.

„Habe gerade meinen Körper vermietet“ – @Myrkvid

Unterdessen wurde Cohen von diesem greisen Typen, Shaxson, der sich als Casinobesitzer herausstellte, davon überzeugt, dass sie unbedingt in den Keller müssten, da die Maschine fast am explodieren wäre, er müsse dort „Dampf ablassen“. Cohen willigte ein und begleitete (samt Static Harvey) Shaxson in dessen Privataufzug nach unten, nur um dort gleich auf eine fiese Misttöle von dreiköpfigen Höllenhund zu treffen, der erstmal Static Harvey verspeiste. Was Cohen aber gar nicht mitbekam, da er eher Probleme hatte, nicht direkt seine Hosen nass zu machen und voll Panik (versiebter Stresswurf) sich in einer Ecke des Heizungskellers/Magielabors zu verkriechen vor diesem Vieh.

„Spielleiter-Zitat des Tages: ‚Sie, dein Körper und du gehen zum Fahrstuhl.‘“ – @Myrkvid

Die drei anderen folgten, darunter Franklin in Astralform, während Daddy sich ja in seinen Körper es gemütlich gemacht hatte. Alle den Fahrstuhl runter, treffen auf Shaxson am Geisterauskochen an dieser idiotischen Maschinerie und diesem Vieh von Höllenhund. Ein paar Stresswürfe später schafft es Darla über magisches Dingens den Höllenhund davon zu überzeugen, sich selbst anzugreifen.

„Der dreiköpfige Höllenhund versucht sich selbst zu verspeisen. Er knabbert noch an dem Problem“ – @Myrkvid

Einige Kampfrunden später hat es fast eine Aussöhnung zwischen Shaxson und Daddy gegeben – sehr zum Entsetzen vom im Astralraum festhängenden Franklin aber es gelingt dann Darla und Cohen doch noch, alle anderen im Raum umzubringen. Ja, auch den Körper von Franklin.

Da sie aber zwischendurch das Tagebuch gefunden hatten, konnten sie die Destillation gerade noch zu Ende bringen. Und eben diesen Jungbrunnen-Trunk flößen sie dann Franklin ein. Das war zwar nie vorgesehen, aber die Lösung gefällt mir klar, dass ich es klappen lasse. Der geschundene Körper von Franklin kommt vom Tode wieder, schlägt die Augen auf, alles ist gut.

Nur ganz zum Ende zwinkert er verdächtig noch einmal in Richtung der Maschine. Ist er am Ende doch Daddy?

Kritik am Abenteuer

„Unknown Armies“-Abenteuer brauchen Spielleiter, die bereit sind zu improvisieren. Zwar haben die vorgefertigten Ideen viele mögliche Weiterentwicklungen bereits vorgesehen, aber die halten in der Regel eh nie, bis sie Kontakt zu der anderen Spielrunde hatten. Und warum auch nicht, gemeinsam entsteht eh der beste Plot, ein Abenteuer muss nicht so enden, wie geplant. „Carcosa, NJ“ schlägt direkt in die Kerbe. Es bietet vielfältige Optionen, was wann wo stattfinden kann – aber nix davon ist in Stein gemeißelt.

Was bei uns negativ auffiel: die Charakterbögen sind – teilweise ziemlich unausgegoren. Vor allem im Bereich der Härtekerben waren die drei eigentlich viel zu tough. Cohen sollte eigentlich weniger Härtekerben im Bereich Übernatürliches haben, wenn er selbst die Existenz von Magie eigentlich noch leugnet. Und ähnliches. Dann fehlen auf den Charakterbögen auch noch ausgerechnet die Obsessionsfertigkeiten ausgezeichnet. Und Cohens Fertigkeit „Avatar des Herrenlosen Mannes“ fehlt sogar ganz auf dem Charakterbogen! Klar, ich habe das für meine Spieler abgefedert.

Insgesamt hatten wir aber ordentlich Spaß, maße ich mir mal an zu behaupten. Ich habe „Unknown Armies“ auch schon zuvor häufiger gemeistert, daher ist mir das System und das Setting nicht neu – den drei Spielern war es das aber. Dennoch kamen sie zügig herein, Kritikpunkte hatten sie aber mit der etwas ungewohnten Aufteilung in einfache, ehrgeizige und entscheidene Würfe, kamen aber damit zurecht. Auch stolperten sie anfänglich noch über das Initiativesystem und mir fiel wieder auf, dass ich es auch selbst nicht so besonders elegant finde, denn es bedeutet eine Menge Schreibkram.

„Scheint echt ’ne lustige Runde gewesen zu sein.“ – @HPLCthulhu

Ja. Okay. Kann man so sagen. 🙂

2 Gedanken zu „Spielbericht „Unknown Armies“: „Carcosa, NJ““

  1. Danke für den Spielbericht. Der ging ja richtig schnell. Bei mir dauert das oft Monate oder das ganze versandet. Ich versuch mal heute Abend ein wenig auf die Kritik einzugehen.

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