FFF 2012: „Chained“

Die Prämisse: Heftig. Die Erwartung: nicht erfüllt. Zum Glück.

„Chained“ (Capelight Pictures)
„Chained“ (Capelight Pictures)

Ein Junge und seine Mutter werden von einem sadistischen Taxifahrer entführt. Während dieser die Mutter vergewaltigt und umbringt, lässt er den Jungen am Leben, bindet ihn an eine Kette und „erzieht“ ihn nach seinen Wertvorstellungen. Erst Jahre später ist der Junge groß genug, um sich zur Wehr zu setzen. Doch ist er auch stark genug?

Ganz ehrlich: ich hatte mich hier bereits wieder auf einen Film voller Folter eingestellt. Überrascht hat mich aber dann, dass der Film sich tatsächlich sehr viel mehr auf die psychologischen Effekte und Komplikationen dieses Setups konzentriert hat. Sicher, er hat seine gezielten Tritte in die Magenkuhle. Aber diese bleiben doch überraschend dezent.

Der Junge, der von seinem sadistischen Herren fortan nur noch „Rabbit“ genannt wird und im Verlaufe des Filmes von zwei wirklich guten Nachwuchsdarstellern unterschiedlicher Altersstufen gespielt wird, unternimmt eine Höllenfahrt, wird erniedrigt und unterjocht, und bleibt doch für seine Möglichkeiten immer stark. Und Bob, sein Unterjocher, der von Vincent D’Onofrio wirklich beängstigend als Bösewicht dargestellt wird, bleibt nicht die unerklärliche Bestie, sondern seine gestörte Psyche wird ordentlich analysiert.

Jennifer Lynch ist cool – und selbst mit dem Finale unzufrieden.

Leider krankt der Film aber an dem letzten Twist. Dieser ist zu unvorbereitet, zu radikal und wirkt einfach unpassend. Bis dahin war ich von dem Film wirklich positiv überrascht, aber das Ende hat ihn für mich dann doch kaputt gemacht.

Dass das Ende tatsächlich suboptimal funktioniert, räumte dann auch die Regisseurin Jennifer Lynch im anschließenden Q&A offen ein. Sie hofft darauf, einen Director’s Cut für den Film machen zu können, in dem sie das Ende besser strukturieren kann. Und tatsächlich: Ihre Erläuterungen zu dem Ende wirken sehr viel plausibler und hätten vermutlich den Film herausgerissen. Hätten ist aber nicht haben.

Aber: Die Regisseurin ist wirklich eine klasse Persönlichkeit, sie stellte sich von sich aus der Kritik und erzählte pointiert Anekdoten aus den Dreharbeiten und den anschließenden Problemen mit den Verleihern und der MPAA. Es fällt leicht, ihr einen Director’s Cut für den Film zu wünschen – doch da die MPAA dem Film kein R-Rating zugestanden hat, sondern nur ein NC-17, was einen regulären Kinoverleih in den USA quasi ausschließt, ist die Hoffnung auf einen solchen leider eher gering.

„Chained“, USA 2012

Regie: Jennifer Chambers Lynch

Darsteller: Vincent D’OnofrioEamon FarrenEvan BirdJulia OrmondJake Weber

Im regulären Kino zu erwarten: Leider nein. Anfang Oktober erscheint er in den USA fürs Heimkino. Sehr wahrscheinlich, dass er auch hierzulande nur dort erscheinen wird.

★★★☆☆