Doctor Who in Deutschland

Heute vor 50 Jahren startete in Großbritannien ein popkulturelles Phänomen, dass die britische TV-Industrie signifikant für ein halbes Jahrhundert prägte. Nun ja, erstmal eigentlich nur 26 Jahre lang prägte, bis die Serie zunächst abgesetzt wurde und auch durch einen Film sieben Jahre später noch nicht wiederbelebt werden konnte. Dies gelang erst 2005 wieder und nicht erst seitdem hat sich die Serie zu einer der erfolgreichsten Science-Fiction-Serie der Welt entwickelt, deren Folgen in dutzenden von Ländern weltweit mit Spannung erwartet wird.

Doctor Who (Copyright: BBC)
Doctor Who (Copyright: BBC)

In allen Ländern? Nein, eine kleine Enklave in Europa leistet anscheinend immer noch erbitterten Widerstand, dieses britische Exportgut zuzulassen: Deutschland tut sich wiederholt schwer mit dem Doctor.

Der Kniff der Langlebigkeit

Das Besondere an der Serie ist eine eingebaute Verjüngung. Alle paar Jahre regeneriert die Hauptfigur, der Doctor, und nimmt dabei eine andere Form an. So wird nicht nur regelmäßig ein neuer Darsteller dem Publikum vorgestellt, sondern es kann auch eine neue Richtung eingeschlagen werden. Dies ist zwar nicht immer erfolgreich, aber so kann auch ein missliebiger Darsteller des Hauptcharakters unter Umständen einfach ersetzt werden.

Mittlerweile gab es über 40 Darsteller des Doctors, von denen aber nur 11 als „canon“ gelten, also abgesegnet von der Produktionfirma. Der derzeitige Doctor wird dargestellt von Matt Smith, aber bereits jetzt ist der nächste Doctor Peter Capaldi angekündigt.

Die Deutschen gehen nicht zu so einen Doctor

Das ZDF hatte bereits Ende der sechsziger Jahre überlegt, die Serie anzukaufen, entschied sich aber dagegen. Womit uns immerhin eine seltsame Synchronisation in der Art von Star Trek erspart blieb. Es dauerte dann bis Mitte der 80er-Jahre, als RTL plus die Serie für sein Jugendprogramm kaufte, gleich mit dem damals aktuellen siebten Doctor, dargestellt von Sylvester McCoy. Gestern vor 24 Jahren, am 22. November 1989, wurden die Deutschen erstmals mit dem Doctor konfrontiert. Im Kinderprogramm.

Zufällig war ich damals fast noch ein Kind. Und so war Sylvester McCoy tatsächlich mein erster Doctor, die übercoole Companion Ace lief mit ihrem geschulterten Ghettoblaster ebenfalls durchs Bild (nein, kein Witz!) und ich lernte erstmals die übergroßen Pfefferstreuer namens Daleks kennen. Ich fand es einerseits cool, andererseits ziemlich peinlich. Es gab Cooleres damals. Und daher habe ich mich auch nicht wirklich so stark um den Doctor gekümmert, bekam nur am Rande mit, dass RTL die Serie erst wild im Programm herumschob und schließlich an Vox abtrat, der sie aber auch nur irgendwo am Rande der Aufmerksamkeit versendeten.

Mein Fehlstart mit dem Doctor

Als dann 2005 ein Neustart anstand, erinnerte ich mich dennoch an das seltsame Programm, dass ich 16 Jahre vorher gesehen hatte. Und ich gab der Neuauflage eine Chance und schaute mir den Pilotfilm „Rose“ an.

Um es kurz zu sagen: Ich war maßlos enttäuscht. Die zum Leben erwachten Schaufensterpuppen waren geradezu peinlich, die billigen Morphing-Szenen waren ein Jahrzehnt vorher bereits besser gewesen und die Geschichte war auch noch leidlich uninteressant. Dazu nuschelte die Hauptdarstellerin fürchterlich in ihrem Cockney-Akzent. Danke, das war’s.

Na ja, nicht ganz. Es lief nichts besseres und so gab ich der zweiten Episode noch eine Chance. Und wurde kalt erwischt. Im Gegensatz zur Pilot-Episode waren die Effekte weit ansehnlicher, die Darsteller hatten spürbar mehr Lust auf ihre Aufgaben und die Geschichte brachte tatsächlich Spaß. Ich entschied mich, die Serie dann doch noch nicht für mich aufzugeben und wurde mit Kindern in Gasmasken, die nach ihrer „Mummy“ fragten, einem chronisch gut aufgelegten bisexuellen Zeitreisecaptain aus der Zukunft sowie mit „Bad Wolf“ belohnt.

Ich war angefixt.

Der Doctor regenerierte, ich lernte den zehnten, gespielt von David Tennant, kennen und lieben, verzweifelte mit ihm am Doomsday, hasste die Companion Donna Nobel zuerst und mochte sie dann irgendwann sehr, strengte mich an, nicht zu blinzeln und blieb zukünftig in Bibliotheken still.

Als der zehnte Doctor wieder regenerierte, war ich ganz bei ihm, als er sagte, dass er nicht gehen wolle. Ich wollte ihn auch nicht missen. Aber ich gewöhnte mich, im Gegensatz zu vielen meiner mittlerweile angefixten Freunde, schnell an Matt Smiths elften Doctor, mochte die Peter Pan-Referenzen, das Märchenhafte und Schaurige und das Komplexe der Plots von dem neuen Showrunner Steven Moffat. Wo der alte Showrunner, Russel T. Davies, vor allem die Emotionen bedienen konnte, vermochte Moffat, intelligente Plots zu schreiben, die das Gehirn richtig verknoteten. Und daneben lernten wir Idris kennen, die den Doctor gestohlen hatte, vergassen, was „The Silence“ war, und lernten zusammen mit Rory und Amy, zu warten.

Die BBC muss sparen

Warten mussten wir wirklich lernen. Zwar wurde mit der Ära Moffat das Produktionsniveau deutlich nach oben gedreht, aber Camerons Regierung legte der BBC ein enges Spar-Korsett auf. Statt 13 Folgen pro Jahr, mussten sie teilweise fast ein Jahr aussetzen oder teilten eine Staffel in der Mitte, um sie zu strecken.

In Deutschland sah es nicht besser aus. Im Gegenteil. ProSieben versuchte sich 2008 an der Ausstrahlung der Serie im frühen Samstag-Nachmittagsprogramm. Und scheiterte. Ein zweiter Versuch am Sonntag-Nachmittag brachte keine Besserung. ProSieben gab gänzlich auf, weswegen die dritte und vierte Staffel der neuen Serie gar nicht erst synchronisiert wurden. Erst 2011 holte sich der Pay-TV-Sender Fox die Serie, startete aber neu mit der fünften Staffel, also mit Matt Smith. Und hatte genügend Erfolg, dass sie mittlerweile auch die beiden ausgesetzten Staffel übersetzt und ausgestrahlt haben. Geronimo.

Dennoch wäre eine Ausstrahlung im deutschen Free-TV immer noch wünschenswert. Denn so kann der Doctor nicht nur aus dem Nischenprogramm bei uns heraustreten, sondern auch der BBC mehr Lizenz-Gelder einbringen. Und die kann die dann in mehr Output stecken. Schon jetzt ist die Serie zu großen Anteilen durch die werbefinanzierte Ausstrahlung in den USA gedeckelt (was auch ein Grund ist, warum die Serie zwischenzeitlich einen deutlichen USA-Touch entwickelte).

Die drei Doctors der Jubiläumsfolge (Copyright: BBC)
Die drei Doctors der Jubiläumsfolge (Copyright: BBC)

Aber jetzt geht es erstmal daran, das 50. Jahr des Doctors zu feiern. Heute Abend gibt es die Jubiläumsfolge, zeitgleich ausgestrahlt bei der BBC, aber auch bei Fox in Deutschland und weltweit bei vielen Sendern.

Jetzt auch im Kino

Die Tatsache, dass Doctor Who mittlerweile gar nicht mehr so das Nischendasein in Deutschland hat, zeigt auch, dass es in vielen Kinosälen Deutschlands zeitgleich aufgeführt wird. Die Vorstellung im Dammtor in Hamburg war binnen weniger Stunden ausverkauft, ein weiterer Saal musste her. Jetzt müssen nur noch die Free-TV-Sender merken, was sie sich da derzeit durch die Lappen gehen lassen. Sie sollten nur nicht den Fehler machen, und mit „Rose“ anfangen zu gucken …

Tipp: Meine Kollegen vom Ausgespielt-Podcast widmen eine neue, zwölfteilige Sendereihe allen Doctors, die erste Folge über den ersten Doctor, gespielt von William Hartnell, ist seit gestern online.

3 Gedanken zu „Doctor Who in Deutschland“

  1. „Schon jetzt ist die Serie zu großen Anteilen durch die werbefinanzierte Ausstrahlung in den USA gedeckelt “ – Gedeckelt? Vermutlich gedeckt?

    Spannendes Phänomen, hatte in den zehnten Doctor ab und an rein gezappt und meine Freude gehabt, war aber nie regelmäßiger Zuschauer.

    Mein früheres Erlebnis mit RTL fand ich eher verwirrend …

    1. Ja, das war eine faslche Vokabel von mir an der Stelle. „Gedeckt“ war gemeint.

      Ich habe mir zum Jubiläum ein paar alte Folgen gegönnt, allerdings lange nicht so umfangreich wie Sandra und Jens, und stelle dann doch fest, dass die auf ihre Art cool waren – aber vieles heutzutage einfach nicht mehr klappen würde. Beispiel: Der Doctor und sein Companion treffen auf ein paar Soldaten, der Doctor redet Technobabbel, das keiner versteht, es gibt ein Alarm und die Soldaten nehmen den Doctor einfach als Hilfe mit („Hey, your groups lack a wizard!“).

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