Kritik: „’71“ – Eine Nacht in Belfast des Nordirlandkonflikts

Nachdem es einige Zeit schon schwelte, brechen Anfang 1971 die Unruhen in Nordirland brutal aus, es kommt regelmäßig sogar zu Schießereien zwischen britischen Soldaten und der Irish Republican Army (IRA) in Belfast. Mitten in diesen Konflikt wird die Einheit des jungen britischen Soldaten Gary Hook (Jack O’Connell) versetzt, welche die örtliche Polizei unterstützen soll.

Noch ahnt Gary nicht, was ihn in der Nacht alles ereilen wird (Jack O’Connell in „’71“, Foto: Ascot Elite Home Entertainment)
Noch ahnt Gary nicht, was ihn in der Nacht alles ereilen wird (Jack O’Connell in „’71“, Foto: Ascot Elite Home Entertainment)

Die geht jedoch alles andere als zimperlich mit den Einwohnern um, die Situation eskaliert und Gary wird von seinen Kameraden getrennt. Er wird unfreiwillig Zeuge eines Bombenattentats, dabei verletzt und schließlich von der IRA verfolgt. Es beginnt eine Odyssee durch eine gewaltgetränkte Nacht, in welcher die Fronten zwar verhärtet, aber dennoch gelegentlich immer noch Menschlichkeit durchschimmert.

Beeindruckende Momentaufnahme

Als ich Anfang der 90er Jahre England bereiste, war der Nordirlandkonflikt noch immer schwelend präsent. Ich hatte damals viel zu wenig über den Terror der IRA selbst gelesen und mich betraf er auch nur insoweit, als dass ich bei einem London-Besuch mitten in eine Räumung der Oxford-Street geriet und danach Probleme hatte, noch rechtzeitig den Bus zu erreichen. Erst später am Abend erfuhr ich, dass statt auf der beliebten Einkaufsmeile die Bombe tatsächlich auf dem Picadilly Circus hochgegangen war, nur kurze Zeit später, nachdem ich über den Platz gen Bus gehetzt war. Ein solches Ereignis prägt einen Jugendlichen und mein Interesse an dem Konflikt ist bis heute immer noch gegeben. Daher interessierte ich mich auch spontan sehr für der Film.

Der Terror zwischen Protestanten und Katholiken bricht aus („’71“, Foto: Ascot Elite Home Entertainment)
Der Terror zwischen Protestanten und Katholiken bricht aus („’71“, Foto: Ascot Elite Home Entertainment)

Und dieser enttäuscht überhaupt nicht, es ist ein überaus dichter, spannender Thriller mit beeindruckenden und bisweilen auch schwer vorhersehbaren Actionsequenzen. Das Spielfilm-Debüt des Regisseurs Yann Demange („Dead Set“) überzeugt tatsächlich auf voller Linie, auch durch seinen sehr starken Hauptdarsteller Jack O’Connell („Unbroken“). Dieser muss die schwierige Rolle eines unerfahrenen Soldaten stemmen, der eigentlich auf eine Stationierung in Deutschland vorbereitet worden war und sich in den politischen Verwicklungen Nordirlands kaum auskannte und nun mit Gewalt beider Seiten konfrontiert wird. Eine Situation in die er ebenso unverhofft wie die Zuschauer hineingeworfen wird. Dabei ergreift der Film wohlweislich nicht selbst Partei sondern zeigt beide Seiten zugleich als Fanatiker, Täter, Opfer aber auch bisweilen als stille Helden.

„’71 – Hinter feindlichen Linien“ („’71“, UK 2014)

Regie: Yann Demange

Buch: Gregory Burke

Darsteller: Jack O’Connell, Paul Anderson, Sam Ried, Sean Harris, Charlie Murphy

Extras: Interviews (OmU) und B-Roll

Score: Eindringlich aber zugleich zurückhaltend schafft der nordirische Komponist David Holmes („Ocean’s Eleven“, „Haywire“) eine immer passende klangliche Kulisse. Hoffe tatsächlich, dass der Score irgendwann mal veröffentlicht wird.

★★★★

„’71 – Hinter feindlichen Linien“ erscheint am 18. August 2015 auf DVD, Blu-Ray und als VoD. Offenlegung: Ich habe die Blu-Ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.