Ein unmöglicher Film: „Escape From Tomorrow“

Eine vierköpfige Familie besucht Disneyworld in Orlando, Florida. Der Ehemann hat früh am Morgen noch erfahren, dass er gefeuert wurde, möchte aber seiner Familie den Tag nicht verderben und verheimlicht dies daher. Doch im „Glücklichsten Ort der Welt“ zu sein wird für ihn zunehmend mehr zum Stress und eben dieser entpuppt sich zunehmend als eine surreale Horror-Welt, die sich unter der schönen Fassade versteckt.

Schwer einzuordnen

Es gibt Filme, die mich sofort begeistern. Es gibt Filme, die mich regelrecht abstoßen. Es gibt Filme, die mich kalt lassen. Selten gibt es auch Filme, bei denen ich nachher nicht weiß, was ich von ihnen halten soll. „Escape From Tomorrow“ zählt zu dieser Art Filme.

Erst mal: Klar, surreale Filme sind schwierig und polarisieren, vorrangig weil nicht jeder sie versteht. David Cronenbergs oder David Lynchs Filme sind dafür sehr gute Beispiele, ich bin selten von einen Film der beiden Regisseure komplett begeistert. Aber ich habe jedes mal das Gefühl, einen großen Film-Kunstwerk beigewohnt zu haben, auch wenn ich es vielleicht gerade nicht völlig verstehe. Das ist auch in Ordnung, nicht jeder Film muss völlig und für jeden zugänglich sein, das ist halt Kunst. Und „Escape From Tomorrow“ zielt auf jedem Fall in dieses Kunst-Segment, der Film ist (aus Produktionsgründen) komplett in Schwarz-weiß inszeniert und ein penetranter Soundtrack, der ständig an das nervige Hintergrundgeklimper erinnert, dass in Disneyworld die Ohren heimsucht, unterstützen die Surrealität perfekt.

Undercover vor Ort gefilmt

Dazu kommen eine wirklich faszinierende Guerilla-Produktion: Da den Filmemachern von Anfang an klar war, dass der Disney-Konzern niemals einen solchem Projekt eine Drehgenehmigung gegeben hätte, haben sie nahezu den kompletten Film in Orlando und Anaheim mit einem Undercover-Team gedreht. Getarnt als Familien hielten sie mit ihren Spiegelreflex-Kameras drauf, schafften es, in die Achterbahnen mehrere Sitzreihen gemeinsam zu blockieren und hatten ihre Drehbücher zur Tarnung nicht ausgedruckt, sondern auf dem Smartphone dabei und nutzten diese für Backup-Tonaufnahmen.

Um weiter dem Radar von Disney zu entgehen, floh der Regisseur für den Schnitt nach Südkorea. Und als sie dann endlich eine Erstaufführung auf dem renommierten Sundance-Festival bekamen, war es immer noch nicht ausgestanden. Doch wider Erwarten entschied sich Disney, den Film weitestgehend zu ignorieren, wodurch er dann sogar einen kurzen Lauf in den US-Kinos bekam, der den Film aber nicht aus den roten Zahlen heraus half. Disney nutze hier quasi den umgekehrten Streisand-Effekt: Hätten sie eine Klage angestrebt, wäre dem Film recht sicher weit mehr Aufmerksamkeit zuteil worden denn auf eine Story „Böser Großkonzern gegen kleinen Filmemacher“ wäre besser verkaufen zu werden. Bisher ist in den zwei Jahren nach der Sundance-Premiere Regisseur und Drehbuchautor Randy Moore dann auch mit keinem weiteren Projekt verbunden worden.

Surrealer Abgrund

Aber zurück zum Film: Wenn ich den Film losgelöst von der faszinierenden Entstehungsgeschichte betrachte, bleibt leider wenig über. Es ist letztlich eine Aneinanderreihung von Szenen, die immer weiter ins Surreale abgleiten und dabei sich nicht völlig festlegen will, auf welcher Ebene sie funktionieren will. Ja, es gibt eine Auflösung zum Schluss, die kurze Zeit später wieder sabotiert wird. Es gibt mehrere Deutungsmöglichkeiten. Und es ist auch völlig in Ordnung, wenn ein Film nicht alles auflöst. Aber er sollte bis dahin den Zuschauer unterhalten und Interesse an seine Charaktere und Geschichte wecken. Und hierbei bleibt „Escape From Tomorrow“ leider dann doch hinter seinen Möglichkeiten. Und wenn an einem Film das Making-Of interessanter ist als er selbst, hat er leider ein Problem.

Filmplakat „Escape From Tomorrow“ (Credit: Producers Distribution Agency)

„Escape From Tomorrow“ (USA 2013)

Regie und Buch: Randy Moore

Darsteller: Roy Abramsohn, Elena Schuber

Bonusmaterial: Das erwähnte Making-Of ist durchaus interessant, schön auch die alternative Filmplakat-Galerie. Zwei Kommentare gibt es noch, in die ich aber nicht reingehört habe, muss ich zugeben.

Score: Nervig. Das ist hierbei aber positiv zu sehen, da er das Gesehene unterstützen versucht.

Rollenspielinspirationsfaktor: Ein Abenteuer in einem Vergnügungpark? Been there, done that.

★★★☆☆

„Escape from Tomorrow“ erscheint am 23. April 2015 auf DVD und Blu-Ray. Offenlegung: Ich habe die Blu-Ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.