Filmkritik: „Northmen: A Viking Saga“ – ein FSK-16-Disney-Märchenfilm für Rollenspieler

Um es gleich zu sagen: Dieser Film ist nicht historisch genau, erzählt nicht das wahre Leben der Wikinger und orientiert sich auch nicht an einer Sage, was für Christina Riez von Spiegel Online offenbar die einzigen Kriterien sind, die ein Film über Wikinger erfüllen darf.*

* Hat sie eigentlich „Erik, der Wikinger“ oder „Wickie“ gesehen?

Die Gefährten, äh, die Wikinger-Truppe am Anfang ihrer Quest (Ascot Elite Home Entertainment)

Stattdessen erzählt er, wie eine Gruppe schiffbrüchiger Wikinger zufällig eine schottische Prinzessin (Charlie Murphy, „Philomena“) auflist, die mit einem bösen Stief-Vater geschlagen ist. Der hat kurzerhand eine Gruppe blutrünstiger Söldner ihr hinterher gesandt, die sie nicht etwa aus der Hand der Wikinger-Invasoren unbeschadet retten sollen, sondern alternativ einfach töten, und wie die Söldner der Zeit nun mal so sind, haben sie nur den letzten Part des Satzes im Kurzzeitgedächtnis behalten.

Was die Wikinger nun auch erstmal ziemlich verwirrt, die eigentlich auf ein stattliches Lösegeld hofften. Unerwartet bekommen sie von einem christlichen Mönch (Ryan Kwanten, „True Blood“) Hilfe, der praktischerweise einem D&D-Grundbuch entsprungen scheint und extrem gut mit einem Kampfstab umgehen kann.

Und so geht eine wilde Treibjagd durchs unberührte Schottland los – was man praktischerweise aber im unberührten Südafrika drehen konnte.

Wer es nicht erkannt hat: Eigentlich eine ziemlich klassische Erzähl-Struktur, die mit weit weniger Blutspritzern, grausigen Fallen und Splattereffekten eigentlich auch in einem Disney-Zeichentrickfilm erzählt werden hätte können: Ein schurkischer Held mit seiner Bande trifft auf eine Prinzessin, beide wollen eigentlich nichts voneinander wissen, doch ein gemeinsamer Feind von Außen setzt ihnen so lange zu, bis sie erstaunt feststellen, dass da mehr zwischen ihnen ist.

Garniert wird das ganze mit skurillen und witzigen Nebencharakteren, die mehr oder weniger den Plot ignorieren, aber ohne die der Film nicht halb soviel Spaß bringen würde. Denn genau das tut er trotz des einfach gestrickten Plots: Er bringt einfach Spaß.

Eine simple Story, mit viel Liebe inszeniert

Eigentlich hatte ich nicht viel von dem Film erwartet, wurde dann aber doch sehr positiv überrascht. Überrascht, weil der Film einfach soviel richtig macht und das Geek-Herz aufjauchzen lässt. Die Kämpfe sind blutrünstig und effekthascherisch mit vielen kleinen Gags aber auch einigen Splatter inszeniert, das Drehbuch ist simpel aber klar strukturiert, der Score ist monumental und erinnert zusammen mit den tollen Landschaftsaufnahmen und Einstellungen, in denen beispielsweise eine Helikopter-Kamera über die durch die Steppe laufende Heldentruppe hinweg fliegt, angenehm an „Herr der Ringe“ .

Der Kampf-Mönch Conall (Ryan Kwanten) im Action-Modus (alternativ kann er auch leise vor sich hin beten) (Ascot Elite Home Entertainment)

Nun gut, ein paar Kritikpunkte gibt es doch – vor allen die zu hölzerne Kunst von Hauptdarsteller Tom Hopper (der schon in der TV-Serie „Merlin“ zeigte, dass sein Bizep mehr Mimik als sein Gesicht hat), das furchtbare Over-Acting von Bösewichtdarsteller Ed Skrein (der in „Game of Thrones“ inzwischen zwischen zwei Staffeln einfach ersetzt wurde) und natürlich verliert der Testosteron-triefende Film auch den Bechdel-Test gnadenlos schon auf der ersten Stufe: Es gibt einfach nur eine Frau im ganzen Film.

Der Deutsche Darsteller Ken Duken (hier links) spielt auch mit, als Wikinger Thorald (keine Ahnung, an wessen Seite er hier steht, ich glaube das ist Leo Gregory). (Ascot Elite Home Entertainment)
Der Deutsche Darsteller Ken Duken (hier links) spielt auch mit, als Wikinger Thorald (keine Ahnung, an wessen Seite er hier steht, ich glaube das ist Leo Gregory). (Ascot Elite Home Entertainment)

Aber all das verzeiht man dann doch, wenn ein Axt-schwingender, bärtiger Wikinger das gleiche störrische Gemüt wie Gimli aufweist und der Kampf-Mönch gleichzeitig Legolas kanalisiert. Allgemein wird die Heldentruppe zu einer Gruppe von Gefährten, deren weitere Reisen man einfach gerne zuschauen mag. Vielleicht auch, weil die Abenteuer so sehr an einen spaßigen Pen-&-Paper-Abend mit Bier und Bretzeln erinnern.

Und wenn Ihr noch einen Grund braucht diesen Film zu lieben: Es ist eben keine Produktion aus den USA sondern eine Schweiz-Deutschland-Südafrika-Koproduktion. Ja, wir können also durchaus auch Filme produzieren, die so aussehen, als hätten Sie ein weit größeres Hollywood-Budget. Allein das sollte ein Grund sein, den Film sich mit etwas Geek-Stolz ins Regal zu stellen.

„Northman: A Viking Saga“ erscheint am 23. Februar 2015 erst im Verleih, ab 3. März 2015 dann auch im Verkauf auf DVD und Blu-Ray, sogar als Steelbook. Offenlegung: Ich habe die Blu-Ray freundlicherweise bereits vor der Veröffentlichung als Rezensionsexemplar erhalten.

cover_northmen_steelbook„Northmen – A Viking Saga“ (CH/D/ZA, 2014)

Regie: Claudio Fäh

Darsteller: Tom Hopper, Ryan Kwanten, Charlie Murphy, Ed Skrein

Score: Monumental, tolle Hymnen und actiongeladene orchestrale Musik. Komponist Marcus Trumpp bekommt sogar eine eigene, kurze Featurette zusammen mit dem Metal-Frontman Johan Hegg von Amon Amarth, der sogar eine Rolle im Film übernommen hat.

Rollenspiel-Inspirationsfaktor: Der ganze Film ist ein klassischer Rollenspielplot, ein Action-Adventure, bei dem man als P&P-Spieler immer mal wieder überlegt, welche Spielwerte denn hier verwendet werden.

Extras: Liebevoll zusammengestellte Making-Ofs, Featurettes, eine kurze Blooper-Szene sowie Blicke hinter die Kulissen und die umfangreichen Effekte. Und natürlich gibt es auch das Musikvideo „Deceiver of the Gods“ von der am Film beteiligten Metalband Amon Amarth zum Headbangen.

★★★★