Filmkritik: „The Timber“

Die tief verschneiten Berge Kanadas am Ende des Goldrauschs des 19. Jahrhunderts. Immer mehr Familien sind tief verschuldet, so auch die Familie rund um die Brüder Wyatt (James Ransone, bisher maximal aus Nebenrollen bekannt) und Samuel (Josh Peck, bekannt aus der Nickelodeon-Kinder-Serie „Drake & Josh“). Doch ein Banker macht Ihnen ein Angebot: Wenn die beiden ihren entfremdeten Vater Jebediah gefangen nehmen, der sich oben an einer Mine im Wald verschanzt hat, würden sie die 5000 Dollar Belohnung erhalten und könnten damit das kleine Familiengrundstück behalten.

Gerade für den jungen Familienvater Samuel ist die Entscheidung nicht einfach, muss er doch sein gerade geborenen Kind und seine Frau (Elisa Lasowski) alleine mit seiner Mutter (Maria Doyle Kennedy, immerhin ein bekannteres Gesicht aus „Orphan Black“) zurücklassen. Andererseits erscheint dies die einzige Alternative zu sein.

„Hast Du einen Schluck Whisky für mich?“

Ich tue mich immer schwer damit, das Genre Western zu definieren. Für viele ist es lediglich eine Settingbeschreibung, die vor allen durch die Spaghetti-Western zu einiger Bekanntheit kamen. Hierzulande sind auch immer noch Karl Mays Romane tief kulturell verwurzelt und prägen unsere Erwartung ans Genre. Dennoch ist das Genre mehr als ein Setting, es gibt Western im Weltraum („Outland“, „Firefly“) oder in der heutigen Zeit („No Country for Old Men“). Und dann ist das Genre auch noch eigentlich zu unterteilen in den klassischen, heroischen Western, in dem sich noch die Cowboys und Indianer prügeln, als auch in den heute dominanteren sogenannten „revisionistischen Western“, der grüblerische und durchaus philosophische Themen anschlägt.

„The Timber“ möchte wohl zu der revisionischten Gruppe gehören, er nimmt sich jedenfalls streckenweise sehr ernst, und die Protagonisten stapfen nicht nur durch zähe hohe Schneewelten sondern durch eben solche Dialoge. Abgewechselt wird dies durch schnell inszenierte Actionszenen, die immerhin einigermaßen übersichtlich bleiben, aber die Handlung kaum vorantreiben – aber hey, es sind Actionszenen.

„Wenn ich groß bin, lass ich mir eine Hand abhacken und mit einer Kettensäge ersetzen“ (Junger Ash-Doppelgänger James Ransone in „The Timber“, WVG Medien)
„Wenn ich groß bin, lass ich mir eine Hand abhacken und mit einer Kettensäge ersetzen“ (Junger Ash-Doppelgänger James Ransone in „The Timber“, WVG Medien)

Letztlich ist der Film so aber, vom Setting abgesehen, als Genre eher ein Roadmovie, bei dem ein Weg – in diesem Fall die Reise der beiden Brüder um ihren Vater zu töten – die Protagonisten verändern soll. Das Problem: Er verändert sie nicht wirklich. Die Charakterentwicklung bleibt ebenso irgendwo im zähen Schnee stecken, der rebellische Bruder kommt zur Einsicht, dass er seinem Vater doch mehr ähnelt als er glaubt und sich nun zwischen Rebellion und Altruismus entscheiden muss und der familienorientierte Bruder kommt zur Einsicht, dass er dann doch zuhause bei seiner Familie sein muss.

Alles andere auf dem Weg dahin sind Zufallsbegegnungen, welche der Spielleiter auf einer Tabelle gefunden und ausgewürfelt hat.

Szenenbild ist nicht nur eine Lari-Fari-Kategorie bei den Oscars

Stilsicher im Goldrausch, ob das dem harten Winter angemessen ist, ist eine andere Frage. Aus „The Timber“ (WVG Medien)
Stilsicher im Goldrausch – ob das dem harten Winter angemessen ist, ist eine andere Frage. Aus „The Timber“ (WVG Medien)

Mir ist selten in einem Film die Ausstattung so negativ aufgefallen. Viele Szenen wirken einfach nicht authentisch sondern im Hansaland gedreht, die Kleidung erscheint zwar zeitgemäß aber eher aus dem Kostümfundus einer Vorstadtbühne entliehen und vielfach einfach nicht dreckig genug oder übertrieben vielschichtig.

Zeitlich mehrfach nicht passende Verwendung von Fonts für Banner in „The Timber“ (Screenshot)

Ein Gesucht-Plakat wirkt frisch aus dem Tintenstrahldrucker gezogen und praktischerweise gleich in Graustufen gedruckt und auf Bannern im Ort hat jemand mit Word-Art Fonts verzerrt*. Gut, das wirft vielleicht nur jemanden, der zeitweise als Grafiker arbeitet heraus, aber ein wenig mehr liebe zum historischen Detail hätte hier gut getan.

* Darüber, dass wie die verwendeten serifenlosen Fonts erst Mitte des 20. Jahrhunderts wirklich populär wurden, kann mal vielleicht noch gerade hinwegsehen, da die Akzidenz-Grotesk 1896 herauskam, was tatsächlich gerade zum Höhepunkt des Goldrauschs am Yukon wäre. Ob sie dann tatsächlich bereits dort für ein Banner herhalten würden, erst recht bei so traditionellen Institutionen wie Banken, sei aber mal zumindest kritisch hinterfragt.

„The Timber“ erscheint am 27. Februar 2015 in Deutschland direkt auf DVD und Blu-Ray. Offenlegung: Ich habe die Blu-Ray freundlicherweise bereits vor der Veröffentlichung als Rezensionsexemplar erhalten.

Timber-BluRay-Cover-3D„The Timber“ (USA 2014)

Regie: Anthony O’Brien

Buch: Anthony O’Brien, Steve Allrich und Colin Ossiander

Darsteller: James Ransone, Josh Peck, Elisa Lasowski, Maria Doyle Kennedy

Rollenspiel-Inspirationsfaktor: Für ein paar Zufallsbegegnungen

Score: Überraschend gut.

Extras auf der Blu-Ray: 3 pauschal als „Making-Of“ titulierte Extras, eines davon ist ein Hintergrundgespräch zwischen Elisa Lasowski und Josh Peck, zwei andere beleuchten jeweils eine Szene. Darüberhinaus nur der Film-Trailer.

★★☆☆☆