Asylbewerber als Nachbarn – Doku-Kritik: „Willkommen auf Deutsch“

Eingangs-Hinweis in eigener Sache: Dokumentationen und noch dazu tagesaktuelle politische bespreche ich hier eigentlich nicht, Edieh.de hat einen ganz anderen Fokus. Ich mache hier aber eine Ausnahme, denn die Dokumentation „Willkommen auf Deutsch“ wurde nämlich quasi bei mir um die Ecke aufgenommen. Ich bin im Landkreis Harburg geboren und wohne immer noch hier vor den Toren Hamburgs. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass diese Dokumentation auch für andere Landkreise Deutschlands genauso relevant und beeindruckend ist.

Protest der Bürgerinitiative Appel. (Foto: Boris Mahlau © Pier53)
Protest der Bürgerinitiative Appel vor dem geplanten Asylbewerberheim. (Foto: Boris Mahlau © Pier53)

Das kleine Dorf Appel liegt nur wenige Kilometer südlich von Hamburg und hat nur ein paar hundert Einwohner. Die Sozialbehörde des Landkreises hat hier aber eine Option ausgemacht, Asylbewerber unterbringen zu können: Ein brachliegendes Altersheim sollte mit wenig Aufwand Platz für 53 Menschen bieten können. Der eigentlich sonst sehr ruhige Ort läuft gegen die Idee Sturm, eine solch sprunghafte Steigerung von Ausländern erschreckt nicht nur die Eigenheimbesitzer, welche um den Wert ihrer Immobilien fürchten, sondern die Bewohner haben Angst um ihre persönliche Sicherheit.

Larisa mit ihrer Mutter und ihren fünf Brüdern aus Tschetschenien. (Foto: Torsten Reimers © Pier53)
Larisa mit ihrer Mutter und ihren fünf Brüdern aus Tschetschenien. (Foto: Torsten Reimers © Pier53)

Einige Kilometer weiter östlich, aber immer noch im Landkreis Harburg, liegt das Dorf Tespe. Tespe hat etwas über 4000 Einwohner und hier wird gerade die ehemalige Sparkasse umgebaut, um Asylbewerber unterbringen zu können. Im ersten Stock leben dort bereits eine Mutter mit ihren sechs Kindern aus Tschetschenien, die aus dem Krieg geflüchtet sind. Es ist unbekannt, ob der Vater den Krieg überlebt hat, er ist verschollen. Die Mutter hatte kürzlich einen Nervenzusammenbruch und wird mittlerweile in der Lüneburger Psychiatrischen Klinik stationär betreut. Deshalb kümmert sich derzeit die älteste Schwester Larisa (21) um ihre Geschwister. Sie meistert diesen enormen Druck so gerade, der noch dazu durch externe Befürchtungen gestärkt wird: „Wir haben immer Angst, abgeschoben zu werden. […] Wenn ein Auto vorbeifährt oder ein Brief ankommt, haben wir jedes Mal Herzklopfen.“ Und Larisas Albtraum tritt leider ein: Die Asylbehörde entscheidet, dass sie zurück nach Polen muss, da nur dort ihr Asylantrag bearbeitet werden kann. Dies gilt aber auch nur für sie als Erwachsene und Gesunde, sie soll deshalb von den Rest der Geschwistern und der Mutter getrennt werden. Eine unerträgliche Situation für alle, auch für die Kirchengemeinde, die bereits diskutiert, ihr Kirchenasyl zu gewähren und für viele Ehrenamtliche des Ortes, wie die über 80jährige Rentnerin Ingebort Neupert, die sich um die Familie und andere Asylbewerber aufopferungsbereit kümmert.

Puh.

Ein Film, der betroffen macht, gerade weil er nur dokumentiert und sich mit keiner Seite gemein macht. Neben den beiden Orten, die er über mehrere Monate begleitet und dabei sowohl in Asylbewerbern wie Larissa aber auch in Hartmut Prahm einen Mitbegründer der Bürgerinitiative gegen das geplante Asylbewerberheim in Appel, seine Protagonisten findet, zeigt er aber auch die teilweise überforderte Verwaltung und lässt diese durch den Leiter des Fachbereichs Soziales des Landkreis Harburg, Reiner Kaminski, genauso zu Wort kommen wie viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer aus Kirche und Initiativen.

Containerunterkunft in Meckelfeld (Foto: Boris Mahlau © Pier53)
Containerunterkunft in Meckelfeld (Foto: Boris Mahlau © Pier53)

Der Film überlässt auch das Fazit dem Zuschauer, er stellt nur das Problem dar und begleitet das schwierige Zusammenleben in diesen kleinen Orten. Er zeigt die Situation auf, wie sie sich 2014 spürbar zuspitzt. Mittlerweile wissen wir, dass dies nur der Anfang war, was den Film aber nur umso beeindruckender und aktueller macht. Sehr sehenswert.

„Willkommen auf Deutsch“ (D 2014)

Buch und Regie: Carsten Rau und Hauke Wendler

Protagonisten: Larisa, Ingeborg Neupert, Reiner Kaminski, Hartmut Prahm, Reinhard Kolkmann, Abida, Malik u.v.a.

Sprache: Deutsch mit untertitelten Passagen

Extras: Interview mit den Regisseuren Carsten Rau und Hauke Wendler, Kinotrailer, ausgewählte Szenen

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www.willkommen-auf-deutsch.de

★★★★

„Willkommen auf Deutsch“ erscheint am 27. November 2015 im Verleih von Brown Sugar Film und im Vertrieb von Indigo auf DVD, derzeit kann der Film noch in einzelnen Kinos gesehen werden. Offenlegung: Ich habe freundlicherweise ein Ansichtsexemplar erhalten, bei dem die oben genannten Extras leider noch nicht vorhanden waren.