Das britische „The Wire“ – Kritik: „Happy Valley“

Calderdale, Nordengland. Im lokalen Polizeijargon wird die Drogen-verseuchte Gegend „Happy Valley“ genannt. Catherine Cawood (Sarah Lancashire) ist hier eine abgebrühte Polizei-Sergeant, die einst im Kriminaldienst gearbeitet hatte, nun aber wieder Streife fährt, denn hinter ihrer harten Schale lauern einige Dämonen: Ihre Tochter verübte Selbstmord und Catherine ist der Überzeugung, dass eine Vergewaltigung durch Tommy Lee Royce (James Norton) dies ausgelöst hat. Nun zieht Catherine ihren elternlosen Enkel allein auf.

Eine Polizistin unter Druck: Catherine Cawood (Sarah Lancashire in „Happy Valley“, Foto: Polyband/BBC Germany)
Srgt. Cawood im Streifendienst. Ja, das ist kein Handy sondern ein Funkgerät an ihrem Riemen. (Sarah Lancashire in „Happy Valley“, Foto: Polyband/BBC Germany)

Dieser Royce war jahrelang wegen einer anderen Geschichte im Bau, doch jetzt ist er wieder frei und auch noch im Happy Valley zurück. Natürlich dreht er gerade ein neues, krummes Ding: Zusammen mit Kevin Weatherill (Steve Pemberton ) und Ashley Cowgill (Joe Armstrong) hat er Ann Gallagher (Charlie Murphy) entführt. Sie haben es bisher geschafft, die Polizei aus der Millionen-Erpressung herauszuhalten, aber nun kommt ihm die nicht-lockerlassen-wollende Cawood in die Quere …

Das Broadchurch der BBC

Als die sechsteilige Serie auf der BBC 2014 anlief wurde sie von der britischen Presse schnell mit „Broadchurch“ verglichen, geht es doch hier auch um einen Kriminalfall und welche Auswirkungen dieser auf die Bevölkerung einer Kleinstadt hat. Doch eigentlich ist die Serie eher eine Art britisches „The Wire“, hart, kompromisslos, brutal, ohne wirkliche Identifikationsfiguren oder gar strahlende Helden. Sie ist ein Tritt in die Magenkuhle und kein Schmunzelkrimi, wie man zu Unrecht bei dem Namen vermuten kann. Und es ist ein Drama, das es vermag, seine Spannung zu halten und gleichzeitig narrativ einen guten Bogen zu schlagen.

Vor allen ist „Happy Valley“ aber ein Vehikel für eine brillante Schauspielerin: Sarah Lancashire besticht hier in der Rolle der eigentlich gebrochenen Mutter, die aber gleichzeitig sowohl für ihren Enkel, als auch für den Rest ihrer Polizei-Abteilung stark sein muss. Schrittweise erlebt man ihren Zusammenbruch, den man aufgrund des Informationsvorsprungs als Zuschauer immer klar vor Augen sieht, aber doch nicht abwenden kann.

Tommy Lee Royce (James Norton, links) versucht sich im Valley durchzuschlagen (hier mit Adam Long in „Happy Valley“, Foto: Polyband/BBC Germany)
Tommy Lee Royce (James Norton, links) versucht sich im Valley durchzuschlagen (hier mit Adam Long in „Happy Valley“, Foto: Polyband/BBC Germany)

Lancashire erhielt für diese Rolle eine BAFTA-Nominierung, gewann ihn aber nicht, dafür gewann aber die Serie den BAFTA 2015, ebenso wie die Auszeichnung Beste Europäische Drama Serie bei dem Monte-Carlo TV Festival (bei dem auch Sarah Lancashire als Beste Hauptdarstellerin gewann). Eine zweite Staffel ist angekündigt, befindet sich derzeit aber immer noch in den Vorarbeiten und wird dieses Jahr offenbar nicht mehr im britischen TV laufen. Das ist aber durchaus zu begrüßen, je mehr Zeit sie sich lassen, um so eher können sie eine weitere Staffel mit einer solch hohen Qualität liefern, „Broadchurch“ hat sich auch länger Zeit gelassen gehabt.

Blu-ray-Cover „Happy Valley“ (Polyband)
Blu-ray-Cover „Happy Valley“ (Polyband)

„Happy Valley – In einer kleinen Stadt: Die komplette Staffel 1“ („Happy Valley – Series 1“, UK 2014)

Regie: Euros Lyn (Ep. 1–3), Sally Wainwright (Ep. 4), Tim Fywell (Ep. 5–6)

Drehbuch: Sally Wainwright

Darsteller: Sarah Lancashire, James Norton, Siobhan Finneran

Extras: Keine

Score: Ben Foster

★★★★★

„Happy Valley“ erscheint am 22.10.2015 bei Polyband/BBC Germany auf DVD und Blu-Ray. Offenlegung: Ich habe die Blu-Ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.