Eli Roths Urban-Horror-Serie – Kritik: „Hemlock Grove“, Staffel 1

Ein Mord schreckt das Städtchen Hemlock Grove auf: eine Siebzehnjährige des Ortes wurde offenbar brutal ermordet, indem ihr Torso zerfleischt wurde. Schnell fällt in der Stadt ein Verdacht auf den Außenseiter Peter Rumancek (Landon Liboiron), einem Roma, der gerade erst in die Stadt mit seiner Mutter in einen heruntergekommenen Trailer knapp außerhalb der Stadt in den Wald gezogen ist. Die Bewohner munkeln bereits, er könnte ein Werwolf sein, was bei Roman Godfrey (Bill Skarsgård), dem stinkreichen Spross einer Industriellenfamilie, eine seltsame Faszination weckt. Roman ist sonst eher auf blutige und masochistische Sexspielchen aus, doch es entwickelt sich zwischen beiden eine eigenartige Freundschaft. Gemeinsam versuchen sie, nicht nur Peters Unschuld zu beweisen, sondern auch dahinterzukommen, welche Biotech-Experimente in der Stadt laufen, denen offenbar auch Romans Schwester Shelley zum Opfer fiel, die seitdem grausam verunstaltet wie Frankensteins Monster durch die Schulflure schlurft.

Peter und Roman machen auch mal eine Bro-Pause (Foto: Concorde Home Entertainment)
Peter (Landon Liboiron) und Roman (Bill Skarsgård) machen mal eine Pause (Foto: Concorde Home Entertainment)

Doch die Mütter von Peter und Roman haben jeweils ihre eigenen Agenden und halten wenig von dem Interesse der beiden Jungen. Und neben dem überforderten Sheriff ist plötzlich auch die ortsfremde Dr. Chaussier dem Mörder auf der Spur, und sie scheint davon überzeugt zu sein, dass es Werwölfe tatsächlich gibt – und auch zu wissen, wie man diese töten muss.

Die zweite eigene Netflix-Serie

Schade, dass Concorde sich nicht für dieses brillante Motiv auf dem Blu-ray-Cover begeistern konnte (Foto: Netflix)
Schade, dass Concorde sich nicht für dieses brillante Motiv auf dem Blu-ray-Cover begeistern konnte (Foto: Netflix)

2013 zeigte Netflix erstmals Serien, die sie selbst in Produktion gegeben hatten. Vorher hatten sie mit der Koproduktion der Serie „Lilyhammer“ bereits gute Erfahrungen gemacht. Die erste komplett eigene Serie war dann auch „House of Cards“, welche alle Rekorde brach und in aller Munde war. Doch mit der zweiten eigenen Serie waren die Mainstream-Kritiker mal wieder überfordert: „Hemlock Grove“ war zu sehr Horror-fixiert, zu wenig Emmy-würdig wie das Politdrama, und die innovative Komplettveröffentlichung der Staffel auf einem Schlag war bereits zwei Monate früher abgefrühstückt worden.

Dabei ist die Serie äußerst unterhaltsam, gerade weil sie sich so wenig um den Mainstream kümmert. Hier werden übernatürliche Schrecken eben nicht nur durch eine traurige Mimik attraktiver Darsteller gezeigt, welche sich ansonsten mehr darum kümmern, wer mit wem ins Bett hüpft und wie lange man das durch unerwidertes Anschmachten einen Plot herauszögern kann. Wenn man eine Skala anlegen will, nimmt der Schmachtfaktor von „Vampire Diaries“ über „True Blood“ bis hin zu „Hemlock Grove“ kontinuierlich weiter ab, dafür aber der Horror zu. Dennoch ist dies mit Nichten keine reine Slasher-Serie – trotz des erfahrenen Horrorfilm-Regisseurs Eli Roth als Produzenten, der damit erstmals in Fernsehen expandierte. Stattdessen ist sie eine eigenartige, selbständige Mixtur, welche einige Zeit scheinbar in den nebelverhangenen Wäldern und verrosteten Industrieruinen festzuhängen scheint und zwischendurch unwirklich langsam den Plot fortschreiten lässt.

Die ungleichen Verbündeten: Landon Liboiron und Bill Skarsgard (Foto: Gavin Bond for Netflix)
Die ungleichen Verbündeten: Peter (Landon Liboiron) und Roman (Bill Skarsgård) (Foto: Gavin Bond for Netflix)

Gerettet wird sie aber von ihren Hauptdarstellern, Landon Liboiron („Terra Nova“) und vor allem Bill Skarsgård („Im Weltraum gibt es keine Gefühle“), welche einen einfach in den Bann ziehen und die Serie tragen. Skarsgård, bei dem klar die Begabung in der Familie liegt – er ist der Bruder von Alexander Skarsgård („True Blood“) und Sohn von Stellan Skarsgård („Thor“) –, versteht es trotz der gefährlichen Rolle als unsympathischer, stinkreicher Unternehmersohn, immer wieder seine Menschlichkeit hinter der Fassade durchblicken zu lassen und trägt dadurch ein Großteil des Horrors mit, wie sich bei der Werwolf-Verwandlungsszene deutlich zeigt: Diese ist zwar allein schon durch die grausame Darstellung und den Effekten, bei dem der gerade aus dem Menschen herausgebrochene Wolf seine menschlichen Hautüberreste selbst auffrisst, imposant, aber durch die gleichermaßen faszinierte wie auch angeekelte Betrachung Skarsgårds umso beeindruckender.

Und genauso ergeht es auch dem Betrachter der Serie: gleichermaßen fasziniert und angeekelt arbeitet er sich durch die stark uneinheitliche Serie. Netflix spendierte der Serie bereits eine letzte, dritte Staffel, welche am 23. Oktober dort anlaufen soll.

Blu-ray-Cover „Hemlock Grove – Die komplette erste Staffel“ (Concorde Home Entertainment)
Blu-ray-Cover „Hemlock Grove – Die komplette erste Staffel“ (Concorde Home Entertainment)

„Hemlock Grove – Das Monster in Dir – Die komplette erste Staffel“ („Hemlock Grove“, 2013)

Extras: Sechs Featurettes (alle OmU) über die Charakterkonstellationen, über Eli Roths Inszenierung des Tatorts der ersten Episode, über die Neuerfindung der klassischen Monster-Typen und die neue Medien-Welt durch Streaming/Netflix, über die innovative Werwolf-Transformation, über die psychologischen Monster und über die Gestaltung der Stadt, in der die Serie spielt.

Rollenspiel-Inspirationsfaktor: Äußerst hoch, Urban Fantasy ist ein beliebtes Rollenspielszenario und gerade bei den beiden Protagonisten kann man sich einiges an Inspiration holen.

★★★☆☆

„Hemlock Grove – Das Monster in Dir – Die komplette erste Staffel“ erscheint am 8. Oktober auf DVD und Blu-Ray. Auf Netflix können bereits die ersten beiden Staffeln angeschaut werden, Staffel 3 erscheint dort voraussichtlich am 23. Oktober. Offenlegung: Ich habe die Blu-Ray freundlicherweise als Muster erhalten.