EU-Überwachungsdystopie: „Drohnenland“ von Tim Hillenbrand

Kommissar Aart van der Westerhuizen arbeitet für die Europol der Zukunft an einen brisanten Fall: Ein Mitglied des Europäischen Parlaments ist ermordet worden. Seine Aufklärungsarbeit wird sofort, wie immer, durch unzählige kleine und großen Drohnen unterstützt, welche den Tatort komplett vermessen und aufzeichnen, so dass er sich alle Details später zusammen mit seiner Analystin, Ava, in einer virtuellen Simulation im „Mirrorspace“ anschauen kann. Schnell wird beiden klar, dass sie mit diesem Fall aber in ein Wespennest gestochen haben und dass der Mord nur ein Teil einer großen Intrige ist.

Pack’ es mal lieber zu den Krimis, die verkaufen sich besser als Science Fiction!

Auf dem Cover steht „Kriminalroman“. Das ist er auch, zweifelsohne, aber eigentlich gehört das Buch in die Abteilung Dystopie oder Science Fiction. Letztlich geht es nämlich um Überwachung. Tom Hillenbrand zeichnet mit „Drohnenland“ aber nicht nur eine dystopische Zukunft, die sich bei Motiven aus „1984“ oder „Minority Report“ bedient, sondern vor allen eine in vielen Punkten reell wirkenden Extrapolation der heutigen Europäischen Union. Seien es separatistische Strömungen, welche Großbritannien sich von der Union abspalten lassen wollen, oder Auseinandersetzungen mit Nordafrika bei der es tatsächlich nicht um Flüchtlinge sondern um die Annektion von Wüstenregionen zur Solarenergiegewinnung geht. Dazu viele kleine Spielereien, wie der offenbar wieder modern gewordene „Steinkirk“ als Krawattenersatz oder eine Hyperinflation des Euros, die am Rande auftauchen aber dann doch die Welt etwas plastischer wirken lassen. Bei der US-Fixierung anderer Autoren ein angenehmer Gegenentwurf – wobei ich Hillenbrands Idee, dass Hollywood ausgerechnet von der Südkoreanischen Filmindustrie abgelöst wird, dann wieder doch etwas befremdlich fand, zumal er Indiens Schicksal in seiner Zukunftsvision (und die bereits heute Hollywood überragende Dominanz von Bollywood) gar nicht erwähnt.

Ist das ein Plotloch auf dem Cover?

Die Cover-Gestaltung von „Drohnenland“ versteht man auch nachdem man das Buch gelesen hat nicht. Aber sie ist plakativ. (Verlag: Kiepenheuer&Witsch)
Die Cover-Gestaltung von „Drohnenland“ versteht man auch nachdem man das Buch gelesen hat nicht. Sollen das Drohnenflugmuster sein? Aber sie ist immerhin plakativ. (Verlag: Kiepenheuer&Witsch)

Stilistisch und sprachlich habe ich dann auch nichts an dem Buch auszusetzen. Allerdings gibt es mehrere Plotlöcher, die er eher hektisch als sinnvoll versucht zu übertuschen. <SPOILER> Darunter, ist vor allem leider das wichtigste an einem Kriminalroman: das Mordmotiv selbst. Es ist sicher plausibel, dass der Täter damit das wichtige Geheimnis sichern wollte, dass durch den MEP gefährdet wurde, aber es bleibt unklar, warum der Täter überhaupt den MEP so stark im Visier hatte und warum seine Überwachung zu dem Zeitpunkt ausreichte, ihn zu eliminieren, aber nicht ausreichte den Zeugen des Anschlags ebenfalls gleich aus den Weg zu räumen. Kleine weitere Fehler, wie die Tischreservierung für drei Personen, die dann deutlich doch nur für zwei Personen war, irritieren ebenfalls. </SPOILER>

Es bleibt ein unterhaltsamer Kriminalroman mit interessantem Weltenbau, ein paar schönen Wendungen und einem angenehmen Film-Noir-Flair, nur dass der Protagonist nicht Ketteraucht, sondern stattdessen Salzlakritzsüchtig ist.

Aufmerksam wurde ich auf den Autoren übrigens durch seine kurzweilige Kurzgeschichten-Kolumne, die derzeit regelmäßig in der deutschen WIRED erscheint.

Tom Hillenbrand:

„Drohnenland: Kriminalroman“

Verlag Kiepenheuer&Witsch, 2014

ISBN: 978-3-462-04662, 432 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3-462-30793-1, E-Book

Die Rezension bezieht sich auf das E-Book.

★★★★