Parkour im Nebel – Kinokritik: „Assassin’s Creed“

Callum Lynch muss als Kind miterleben, wie sein Vater seine Mutter umbringt, bevor eine Gruppe feindlicher Menschen ihr Haus stürmt. Er kann fliehen, aber dreißig Jahre später wird der Erwachsene Cal (Michael Fassbender) dann wegen eines Mordes gefangen genommen und hingerichtet.

Doch er kommt einige Zeit später wieder zu sich und findet sich in einer streng geheimen Forschungsanstalt von Abstergo Industries in Madrid wieder. Dort experimentiert die Forscherin Sofia (Marion Cotillard) unter der strengen Ägide ihres Vaters Rikkin (Jeremy Irons) mit einer faszinierenden Technik: Die „Animus“ getaufte Konstruktion erlaubt es Nutzern, die Erlebnisse ihrer genetischer Vorfahren nachzuerleben. Ausgerechnet Callum ist der letzte lebende Nachfahre von Aguilar, einem Assassinen, der 1492 in Spanien gegen die Templer kämpfte und als letzter über den Aufenthaltsort eines legendären Gegenstands weiß. Und diesen will Rikkin finden – um jeden Preis. Doch mit der regelmäßigen Nutzung des Animus erwachen auch in Callum ungeahnte Talente.

„Willkommen bei der Spanischen Inquisition“

Nach der atemberaubend schönen Verfilmung von  „Macbeth“ letztes Jahres – bei dem das selbe Team um Fassbender, Cotillard, Regisseur Justin Kurzel und Kamermann Adam Arkapaw bewiesen, wie sie einem kompliziertem literarischen Meisterwerk eine neue Ebene der Tiefe durch schauspielerische Leistung und brillanten Bilder mitgeben können – hatte ich auch hier große Hoffnungen, dass mehr als nur eine 08-15-Videospiel-Verfilmung heraus kommt.

Aguilar flieht über die Dächer Madrids des 15. Jahrhunderts (Michael Fassbender, Foto: 20th Century Fox)

In der Tat ist die Cinematographie abermals grandios – das Spiel mit Nebel oder Sandpartikeln in der Luft, die vereinzelt von Lichtstrahlen durchdrungen werden, schafft abermals eine faszinierende Kulisse, vor dem sich die Handlung entfalten kann. Es ist aber genau diese, welche das Problem des Films darstellt: Die Story, oder genauer: Die Motivation ihrer Figuren.

Weder die Entwicklung von Cal noch die von Sofia werden nachvollziehbar gezeigt. Cal wechselt Allianzen hin- und her, noch dazu ohne wirkliche Konsequenzen für ihn, und selbst die Konfrontation mit seinem Vater Joseph (Brendan Gleeson, der in jüngeren Jahren von dessen Sohn Brian Gleeson gemimt wird) bringt keine nennenswerte Katharsis, die dem Zuschauer gezeigt wird. Neben dem sonst weit besseren Gleeson, der in seiner Rolle hier nur vor sich hinvegetieren darf, wird aber auch Charlotte Rampling völlig unterbenutzt und bleibt auf wenige Dialogzeilen reduziert.

All das tut dem Film nicht gut – aber immerhin trösten die faszinierenden Bilder etwas darüber hinweg. Immer einmal wieder fliegt ein Vogel über die Protagonisten hinweg um das Hinabtauchen in die Welt des Animus zu versinnbildlichen oder springen diese durch waghalsigen Parkour von viel zu schmalen Fensterbänken über Wäscheleinen auf den nächsten Dachvorsprung.

Vergleich mit den Videospielen Assassin’s Creed

Ubisoft hat seit 2007 mit seiner „Assassin’s Creed“-Reihe eine der erfolgreichsten Computerspielreihen in seinem Portfolio, das mittlerweile acht Hauptspiele und zahlreiche DLC umfasst und entsprechend schon einiges an Grundlagen gesetzt. Natürlich weicht der Film davon in einigen Punkten ab, aber insgesamt erscheint er doch überraschend werkgetreu.

Zwar wird anstelle der Eden-Splitter wird hier „nur“ der Edenapfel gesucht (womit aber andere Eden-Splitter nicht ausgeschlossen sind), der Kampf zwischen Templern und Assassinen, die Entwicklerfirma des Animus, Abstergo, und deren CEO Rikkin sind deutlich aus den Spielen adaptiert. Allerdings verzichtet der Film auf einen Sprung von einem Turm der Protagonisten in einen Heuhaufen.

Cal lernt durch seine Sitzungen im Animus auch richtiges Kämpfen (Michael Fassbender, Foto: 20th Century Fox)

Die Technik des Animus hingegen ist deutlich cineastischer umgesetzt: Anstelle eines Stuhls mit futuristischem Aufsatz, der seine Nutzer in eine überwachte Traumwelt-Simulation versetzt, ist es im Film ein riesiger Greifarm, der die Immersion der Probanden durch parallele Bewegungssimulation unterstützt – er hebt sie hoch und bildet so die waghalsigen Sprünge in der geräumigen Versuchhalle nach, projiziert aus dem genetischen Gedächtnis die relevanten Bilder in den Raum und erzeugt auch die passenden Geräusche. Das sieht auf der Leinwand imposant aus, wenn einzelne Szenen durch Umschalten zwischen beider Rollen Fassbenders (Cal und Aguilar) stimmig zueinander gezeigt werden – eine durchaus faszinierende Weiterentwicklung des Holodeck-Konzepts.

„Was nun, Pioneer?“

Bilder oho, Charaktere mau, bleibt zumindest eine gute Geschichte? Sicherlich, als Zuschauer muss man erstmal schlucken, wenn einem die Idee des genetischen Gedächtnisses präsentiert wird, aber akzeptiert man dies als gegeben bringt die Story durchaus Spaß – wenn man vom finalen Akt absieht, der letztlich genauso unbefriedigend wie unspannend bleibt. Es ist zwar durchaus eine mutige Entscheidung, den finalen Kampf nur im Hintergrund stattfinden zu lassen, aber dann sollte im Vordergrund etwas interessanteres seinen Platz einnehmen.

Sofie beobachtet von Außen die Ereignisse im Animus (Marion Cottilard, Foto: 20th Century Fox)

Wir suchen also weiterhin nach einer wirklich überzeugenden Videospieladaption auf der Leinwand. „Assassin’s Creed“ ist es noch nicht, denn auch wenn es visuell zu wirklich zu beeindrucken weiß, fehlt es ausgerechnet bei dieser Star-Riege an überzeugenden Charakteren.

„Assassin’s Creed“ (USA 2016)

Regie: Justin Kurzel

Darsteller: Michael Fassbender, Marion Cottilard, Jeremy Irons

Score: Abermals überzeugt der jüngere Bruder des Regisseurs, Jed Kurzel, mit einem überaus gelungenen Score, der vor allen in den atmosphärischen Szenen zu überzeugen weiß.

Lohnt sich 3D?: Die Parkour-Szenen wirken schon imposant im 3D-Effekt, aber in der Konversion des Films sind mir keine wirklichen Wow-Szenen aufgefallen.

★★★☆☆

„Assassin’s Creed“ läuft ab dem 27. Dezember 2016 in unseren Lichtspielhäusern im Verleih von 20th Century Fox.

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