Große Klappe, aber was dahinter? Kritik: „Deadpool“

Der etwas andere Marvel-Held bekommt eine Chance auf Wiedergutmachung.

Mal wieder eine Origin-Story

Wade Wilson (Ryan Reynolds, der sich für „Green Lantern“ immer noch schämt) ist ein Söldner mit riesengroßer Klappe. Dennoch, oder gerade deswegen, hat er in Vanessa (Morena Baccarin, deren weiteren Geschichte wir in „Firefly“ gerne gesehen hätten) die Frau seines Lebens gefunden. Doch als die Diagnose Krebs seine Lebenserwartung massiv reduziert, und sein Kumpel Weasel (T.J. Miller, der in „Silicon Valley“ quasi den selben Archetypen spielt wie in allen anderen seiner Filme) endlich die Chance hat, beim rabenschwarzen Todeswetten-Spiel der Kneipe mit der Wette auf Wade abzukassieren, bleibt ihm nur eine Rettung: Ein Programm des verrückten Wissenschaftlers Ajax Francis (Ed Skrein, „Game of Thrones“), das verborgene Superfähigkeiten wecken soll.

Es gibt keinen Grund, warum vor Deadpools Augen weißer Stoff ist. Außer vielleicht faule Comiczeichner, okay. (Foto: 20th Century Fox)
Es gibt keinen Grund, warum vor Deadpools Augen weißer Stoff ist. Außer vielleicht faule Comiczeichner, okay. (Foto: 20th Century Fox)

Das Programm gelingt, nur leider ist Wade nun völlig deformiert, da er zwar übernatürliche Regenerationskräfte erlangt hat, allerdings dabei sein Körper völlig mit Narbengewebe und Tumoren überseht ist. So kann er Vanessa natürlich nicht mehr unter die Augen treten, und daher will er sich nun Ajax Francis vorknöpfen, damit der es wieder richtet. Wobei die Art und Weise, wie er es macht (aka: mit viel Gewalt und Toten), bei den X-Men bitter aufstößt und diese daher Colossus (Stefan Kapicic u.a.) und dessen Azubine Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) losschicken.

Einen Schandfleck ausmercen

„Deadpool“ tauchte nach einem erfolglosen Anlauf auf einen eigenen Film 2009 erstmals in dem unsäglichen „X-Men Origins: Wolverine“ auf und wurde in diesem Schandfleck der X-Men-Filmreihe noch dazu extrem problematisch behandelt: Der „Söldner mit der großen Klappe“ bekam selbige einfach mal zugeklebt und wurde plötzlich zum durchgeknallten Antagonisten. Gespielt wurde er damals bereits von Ryan Reynolds, der ein Händchen dafür zu entwickeln begann, schlechte Superheldenrollen anzunehmen (ja, der „Green Lantern“-Film ist halt echt Murks).

Danach war es lange ruhig, bis Reynolds selbst mit ein paar anderen Produzenten Fox davon überzeugen wollte, dass Deadpool immer noch Potenzial bot. Ein Kurzfilm wurde produziert und den Studiobossen gezeigt. Als die dann nicht schnell genug reagierten, gelang er auf seltsame Weise ins Internet und der jubelnde Fan-Chor überzeugte dann doch noch Fox.

Wer ist eigentlich dieser Deadpool?

„Deadpool“ selbst ist ein etwas anderer Superheld und ein Favorit vieler Comicleser. Das eine Besondere an ihm ist das regelmäßige Durchbrechen der vierten Wand im Comic, bei der sich Deadpool selbst kommentiert, sich direkt an den Leser wendet oder zynische Metakritiken liefert.

Frühsport auf der Autobahn (Foto: 20th Century Fox)
Frühsport auf der Autobahn (Foto: 20th Century Fox)

Deadpool ist Söldner, erkrankt unheilbar an Krebs und wird durch ein streng geheimes Forschungsprojekt zum Superheld mit Pizza-Gesicht. Das andere Besondere ist, dass seine Comics generell für ein älteres Publikum bestimmt sind: sie strotzen vor Gewalt, Sex und kranken Humor.

Wie, der ist ab FSK 16? Dachte es geht um Gewalt, Sex und kranken Humor?

Erstmal: Ja, wir bekommen in Deutschland die ungeschnittene Fassung zu sehen. Allerdings ist diese mit nichten so blutig, wie man vielleicht als Comicleser hoffen vermuten mag: Es fliegen ein paar Köpfe, es werden Gliedmaßen abgetrennt, aber es fließt viel weniger Blut und Gore, als man vielleicht vermuten würde. Man bekommt noch nicht einmal Brüste zu sehen! Der Film ist tatsächlich übermäßig brav für ein heutiges Publikum und für FSK 18 hätte man deutlich mehrere Schippen zulegen müssen – insofern keine Kritik an die deutsche FSK sondern wenn dann an das nicht-eingelöste Versprechen der US-Amerikaner, die aber ohnehin eher das Problem mit ihren Jugendfreigaben in der derben Sprache und sexuellen Anzüglichkeiten haben als wir.

Therapievorschlag: Foltern ( (Ryan Reynolds, Gina Carano und Ed Skrein, Foto: 20th Century Fox))
Therapievorschlag: Folter (Ryan Reynolds, Gina Carano und Ed Skrein, Foto: 20th Century Fox)

Um es nochmal zu sagen: Ja, es gibt etwas mehr Gewalt als in anderen Superheldenfilmen. Aber wirklich nicht überaus mehr, häufig schreckt der Regisseur davor zurück, mehr zu zeigen, als er könnte. Es gibt mehr Gore in den Arnold Schwarzenegger-Filmen der 80er. Er hätte einfach mehr zeigen können, bei Deadpool vielleicht auch einfach mehr zeigen müssen, um wirklich kontrovers zu sein. So ist er dann doch viel zu brav.

Und wie ist der Film sonst so?

Dazu kommt eine Story, die sehr vorhersehbar ist und, mal wieder, durch den Kniff der mehrlagigen Erzählstruktur, die über mehrere Handlungsebenen hin- und herspringt, gewinnen soll, aber eigentlich nur von ihrer Eindimensionalität ablenkt.

Auch machen viele Storybeats nur bedingt Sinn, wenn überhaupt: Warum muss die Story krampfhaft im X-Men-Universum eingebettet werden? Sicher, Cyclops und Negasonic Teenage Warhead sind spaßige Nebencharaktere, die aber eigentlich der Geschichte nichts wesentliches hinzufügen außer zu sagen: Hey, schaut mal, wir spielen im selben Universum wie die anderen X-Men-Filme. Beide bekommen beim finalen Showdown noch ein paar nette kleine Szenen, aber … das ist einfach zu wenig. Auch die Einführung von Deadpool-Nebencharaktere wie Weasel und Blind Al (Leslie Uggams) erfreuen auch eher nur die Kenner der Comics und sind für ein paar nettere Gags gut.

Ein Traumpaar: Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) und Deadpool (Ryan Reynolds) – wobei der Poolboy leider schon vergeben ist (Foto: 20th Century Fox)

Selbst das Spiel mit der vierten Wand, bei der Deadpool aus der eigentlichen Story ausscheren darf, bietet keine neuen kreativen Aspekte, die nicht auch schon Kevin Spacey als Frank Underwood in „House of Cards“ angebracht hätte. Deadpool darf im Prinzip nur kommentieren, bisweilen in die Metaebene abdriften („Wer ist jetzt gerade Professor X? Stewart oder McAvoy?“), aber das war es dann auch schon. Dabei bietet das Spiel mit der vierten Wand doch gerade solch ungemeine Freiheiten (siehe bspw. Hanekes Meisterwerk „Funny Games“), die gerade bei Deadpool so gut aufbewahrt wären. Wenn der Comiccharakter über seine eigenen Sprechblasen einem unangenehmen Panel entkommen kann, dann sollte doch im Film mehr möglich sein, als ein Kaugummi auf ein Kameraobjektiv zu flanschen, oder?

Dennoch: Als Teenager hätte ich sicher meinen Heidenspaß an den vermeintlich subversiven Humor dieses Helden gehabt. Als Erwachsener muss ich aber das heidnische daraus streichen und habe nur noch Spaß. Da hätte mehr drin sein können, Mister Wade Wilson!

Deadpool_Poster_CampC_IMAX_SundL_A4„Deadpool“ (USA 2016)

Regie: Tim Miller

Drehbuch: Rhett Reese und Paul Wernick, basierend auf einem Comic-Charakter von Rob Liefield und Fabian Nicieza

Darsteller: Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, Gina Carano

Score: Netter DJ-Funk, bei dem aber nicht wirklich etwas im Ohr haften bleibt.

★★★☆☆

„Deadpool“ läuft am 11. Februar 2016 in unseren Lichtspielhäusern und einen Tag später auch in anderen Weltteilen an.