Fantasy Filmfest Favorit: „They call me Jeeg Robot“ (Filmkritik)

Enzo Ceccotti (Claudio Santamaria) ist Krimineller. Auf der Flucht vor der Polizei muss er im wahrsten Sinne des Wortes abtauchen und gerät dabei in im Tiber lagernde Atomabfälle, die ihm zu seiner großen Überraschung Regenerationskräfte und Superstärke verleihen. Das ist zum einen äußerst praktisch, wenn man gerade neun Stockwerke herunterstürzt – zum anderen hilft es auch, an Geld zu kommen, wenn man den Geldautomaten einfach aus der Wand reißen und mitnehmen kann.

Als aber seine attraktive, aber geistig auf einem infantilem Niveau verharrten Nachbarin Alessia (Ilenia Pastorelli) die einzige Spur für ein paar durchgeknallte Mafia-Schergen nach geschmuggelter Ware ist, muss sich Enzo dazu durchringen, seine neugefundenen Kräfte nicht nur für sein eigenes Wohl einzusetzen – das vor allen aus einfachen Joghurts und Pornofilmen auf DVD besteht –, sondern auch andere zu beschützen. Nur irritierend, dass Alessia ihn für den Helden Jeeg Robot aus einer 80er-Jahre-Anime-TV-Serie hält und sich selbst als Prinzessin ansieht. Doch da werden schon die ersten Zehen abgehakt …

Liebevolle Charaktere

Auf der einen Seite ist „They call me Jeeg Robot“ ein klassischer Superheldenfilm: Wir erfahren eine Origin-Story, der Held bekommt eine Liebesgeschichte, es gibt eine Entwicklung zum Altruismus hin und schließlich auch ein Showdown, bei dem vieles zubruch geht. Aber, wie so oft, sind es die Details, die eine Geschichte wirklich gut machen: Und hier sind es vor allen die Ideen der Charaktere selbst. Enzo ist ein Eigenbrödler, der sich mehr schlecht als recht durchschlägt und der auch vor allen ständig etwas verplant erscheint. Bei Alessia merkt man schnell, dass ihre Flucht in die Fantasiewelt der Serie ihrer Kindheit mehr ist, als nur eine geistige Verwirrung, sondern dass dies wohl durch an ihr verübte Gewalt forciert wurde. Und auch der Antagonist, Fabio Cannizzaro (Luca Marinelli), ist nicht nur einfach ein schleimiger Ekel, sondern ein schleimiger Ekel, der einst in einer Talentshow im Fernsehen auftrat und seitdem nicht nur eine Profilneurose mit sich herumträgt.

Dass das Genre der Superhelden mehr als Marvel bietet, hat sich nicht zuletzt durch Filme wie „Super“ oder „Chronicle“ schon gezeigt. Dass aber auch die Italiener hier mitspielen wollen ist neu – und eine angenehme Überraschung. Gerne mehr davon!

„They call me Jeeg“ („Lo chiamavano Jeeg Robot“, I 2016)

Regie: Gabriele Mainetti

Drehbuch: Nicola Guaglianone & Menotti

Darsteller: Claudio Santamaria, Ilenia Pastorelli, Luca Marinelli

Score: Erinnert, vermutlich bewusst gewollt, vereinzelt an Hans Zimmers „Man of Steel“-Musik.

★★★★

Offenlegung: Ich wurde von Pandastorm Pictures in den Film im Rahmen des Fantasy Filmfests eingeladen.

Spanisches „Misery“: „Shrew’s Nest“

Blu-ray-Kritik zum Fresh Blood-Gewinner des Fantasy Filmfest 2015

Spanien in den 1950ern. Die Näherin Montse (Macarena Gómez, „Witching and Bitching“) lebt mit ihrer Schwester Niña (Nadia de Santiago, „Las 13 rosas“), die sie selbst nach dem Tod der Mutter im Wochenbett und dem Verschwinden des Vaters aufgezogen hat, in einem Stadthaus. Während Niña langsam erwachsen wird, versucht ihre tiefreligiöse ältere Schwester, sie vor all dem Bösen in der Welt zu bewahren – vor allem vor den Männern.

Montse und Ninas trautes Glück steht kurz vor einem Zusammenbruch (Foto: OFDB Filmworks)
Montse (Macarena Gómez, rechts) und Ninas (Nadia de Santiago) trautes Glück steht kurz vor einem Zusammenbruch (Foto: OFDB Filmworks)

Dabei hat Montse selbst wenig Erfahrung mit dem Leben da draußen – sie leidet unter einer starken Agoraphobie (Platzangst) und vermag die Wohnung daher nicht mehr zu verlassen. Ihre Schwester ist so der einzige Kontakt nach außen, doch diese wird nun langsam aber sicher erwachsen und wird über kurz oder lang einen Mann finden und ihre eigene Familie gründen.

Als dann ein Nachbar von ihnen, Carlos (Hugo Silva, „Witching and Bitching“), die Treppe herunterstürzt und im Notfall ihre Tür die einzige ist, welche er noch erreichen kann, nimmt sie diesen notgedrungen zu sich in die Wohnung auf. Und fixiert erstmal nicht nur dessen gebrochenes Bein …

Natürlich erinnert der Film an „Misery“ (1990), auch hier steht eine vermeintlich schwache Frau am Krankenbett eines auf Hilfe angewiesenen Mannes. Doch der Film schlägt dann doch einige sehr andere Richtungen ein und bleibt eigenständig, vor allem da er sich mehr auf Montse konzentriert und Carlos als Randfigur, eigentlich sogar nur als Auslöser im Hintergrund belässt.

Carlos liegt den größten Teil des Films einfach nur herum (Foto: OFDB Filmworks)
Carlos (Hugo Silva) liegt den größten Teil des Films einfach nur herum (Foto: OFDB Filmworks)

Auch wenn es streng genommen einige Szenen außerhalb der Wohnung gibt, ist es vor allem durch die Agoraphobie bedingt ein Kammerspiel, in dem hier der psychologische Abgrund erkundet wird, dessen Grundlagen vielschichtig im Film seziert werden. Ein Kammerspiel braucht aber immer besonders starke Protagonisten und diese findet der Film zum einen in Montse: Gómez spielt die gleichermaßen gebeutelte wie auch grausame Frau mit einer gewaltigen Hingabe und Wucht und vermag vor allem im Zusammenspiel mit de Santiago eine faszinierende Palette von Emotionen darzubieten. Leider versagt der Film aber mit dem Casting von Hugo Silva, dessen Rolle zwar ohnehin schon nicht besonders viel hergibt, aber dessen facettenlosen Spiel ihr auch eher schadet. Vielleicht sollte sich der spanische Sonnyboy doch lieber aufs Actionfach konzentrieren.

Montse vermag unmöglich die Schwelle ihrer Wohnung zu überschreiten (Foto: OFDB Filmworks)
Montse (Macarena Gómez) vermag unmöglich die Schwelle ihrer Wohnung zu überschreiten (Foto: OFDB Filmworks)

„Shrew’s Nest“ gewann beim Fantasy Filmfest letzten Sommer den „Fresh Blood Award“, einen Publikumspreis für Nachwuchsregisseure und ist nach „Blancanieves“ (2013) der zweite spanische Gewinner. Leider hatte ich ihn letztes Jahr terminlich nicht schaffen können, wobei wir spanische Filme generell ganz gerne mit auf unsere Liste nehmen, denn das kleine Filmland bietet im fantastischen Genre eine weit breitere Auswahl als wir hierzulande.

SHREWS_NEST_Info„Shrew’s Nest“ („Musarañas“, E 2014)

Regie: Juanfer Andrés, Esteban Roel

Drehbuch: Juanfer Andrés und Sofía Cuenca

Darsteller: Macarena Gómez, Nadia de Santiago, Hugo Silva

Extras: Making-Of, Deleted Scenes, Alternatives Ende, Trailer

★★★★

„Shrew’s Nest“ erscheint am 8. Januar 2016 bei OFDb Filmworks auf DVD, Blu-ray und VoD. Offenlegung: Ich habe die Blu-ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten. Aufmacherbild: OFDb Filmworks.

Kritik: „Tale of Tales“ (Fantasy Filmfest 2015)

Eine Königin (Salma Hayek) sehnt sich so sehr nach einem Kind, dass sie bereit ist, alles andere dafür zu opfern. Sie hat schon unzählige Scharlatane befragt, als ihr ein Nekromant offenbart, dass sie das Herz eines Seemonsters essen müsste, dass ihr von einer Jungfrau zubereitet werden würde. Sie wird tatsächlich schwanger, aber die Jungfrau gebiert ebenfalls ein Kind, dass ihrem zum Verwechseln ähnelt.

Die düstere Königin nimmt ein opulentes Mahl zu sich (Salma Hayek in „Tale of Tales“, Foto: Concorde Filmverleih)
Die düstere Königin nimmt ein opulentes Mahl zu sich (Salma Hayek in „Tale of Tales“, Foto: Concorde Filmverleih)

Ein König (Toby Jones) züchtet einen Floh zu riesigen Maßen heran und als dieser schließlich mit den Ausmaßen eines Kalbes stirbt, lädt er sein ganzes Land ein, zu erraten, welches Tier diese Haut zierte. Dem Gewinner verspricht er hochmütig die Hand seiner einzigen Tochter, er rechnet nicht damit, dass tatsächlich einer dies erraten können würde …

Wäre die alte Dora doch nur so schön wie diese junge Frau (Stacy Martin in „Tale of Tales“, Foto: Concorde Filmverleih)
Wäre die alte Dora doch nur so schön wie diese junge Frau (Stacy Martin in „Tale of Tales“, Foto: Concorde Filmverleih)

Ein anderer König (Vincent Cassell) verliebt sich in die bezaubernde Stimme, deren Gesang er über seine Stadt erschallen hört, nicht wissend, dass es sich dabei um eine alte Frau handelt. Er macht ihr den Hof, während sie nur hinter ihrer Tür mit ihm redet. Schließlich gelingt es ihm, sie in sein Bett zu locken, doch sie besteht darauf, dass alle Lichter in dieser Nacht erloschen sein sollten …

Drei Märchen, die erstmal nichts miteinander zu tun haben, und die auch erst ganz zum Schluss halbherzig vereint werden. Bis dahin muss man sich allerdings durch viele zähe Filmminuten quälen, die Geschichten haben tatsächlich ihre Schwierigkeit die 125 Filmminuten zu füllen. Ein altes Prinzip der Geschichtserzählung ist „Show, don’t tell“, aber in diesem Fall wären kurze Zusammenfassungen mancher Handlungsebenen sehr wünschenswert gewesen, zu lange hält sich der Film streckenweise an Belanglosigkeiten auf, zu oft werden neue Ideen eingeführt, um sie danach nie mehr aufzunehmen, während andere Bereiche gar nicht mehr richtig aufgelöst werden.

Der gelangweilte König spielt mit seinem Volk um die Hand seiner Tochter (Toby Jones und Bebe Cave in „Tale of Tales“, Foto: Concorde Filmverleih)
Der gelangweilte König spielt mit seinem Volk um die Hand seiner Tochter (Toby Jones und Bebe Cave in „Tale of Tales“, Foto: Concorde Filmverleih)

Dabei ist der Film optisch eine Wucht, die Kostüme, Handlungsorte, die Ausstattung – alles wunderhübsch anzuschauen. Und auch die Darsteller haben spürbar ihre Freude an den Rollen und den extravaganten Kostümen. Er hat also durchaus seine Schauwerte, seine Momente, doch all das zerfällt durch eine inkohärente Erzählstruktur und viel zu ausgedehnten Längen.

Das Filmplakat zeigt nochmal die überaus beeindruckende Kostümvielfalt der Märchen (Concorde Filmverleih)
Das Filmplakat zeigt nochmal die überaus beeindruckende Kostümvielfalt der Märchen (Concorde Filmverleih)

„Das Märchen der Märchen“/„Tale of Tales“ („Il racconto dei racconti“, IT 2015)

Regie: Matteo Garrone

Buch: Edoardo Albinati, Ugo Chiti, Matteo Garrone und Massimo Gaudioso basierend auf einem Buch von Giambattista Basile

Darsteller: Salma Hayek, Vincent Cassel, Toby Jones

Score: Alexandre Desplat liefert wieder routiniert großartiges ab, hier gibt es absolut nichts zu meckern.

Rollenspielinspirationsfaktor: Märchen eignen sich zwar wenig fürs Rollenspiel, da sie zu sehr abgeschlossen sind, aber dieser Film bietet dennoch viele sehr nette einzelne Ideen für Charaktere oder Spielorte.

★★★☆☆

Concorde Filmverleih bringt „Das Märchen der Märchen“ ab dem 27. August 2015 in die deutschen Lichtspielhäuser. Offenlegung: Ich habe zwar eine freundliche Einladung zu einer Pressevorführung ausgeschlagen, ihn dann aber auf dem Fantasy Filmfest doch angeschaut und aus eigener Tasche den Eintritt bezahlt und nutze hier allerdings das zur Verfügung gestellte Pressematerial (Fotos, Video).

Kritik: „Der Bunker“ (Fantasy Filmfest 2015)

Ein Student sucht sich ein möglichst abgeschiedenes Zimmer, um dort endlich seine Suche nach dem Hicks-Partikel beenden zu können und findet dies in einem Bunker, weit draußen im Wald. Dieser wurde von einer spießbürgerlichen Familie wohnlich gemacht, die dort allerlei Marotten angesammelt hat.

Der Vater der Familie ist ein Kontrollfreak, der dem Rest seiner Familie hinterherwischt und -kocht und die Mutter hört Stimmen, die ihr befehlen, dass ihr Sohn Klaus so zu unterrichten sei, dass er seiner Bestimmung, der nächste Präsident zu werden, folgen kann. Diesen Unterricht leistete bisher recht erfolglos der Vater, doch nun offenbart der Student ihnen eine neue Chance. Beginnen soll er mit dem wichtigsten: Das Auswendiglernen aller Hauptstädte der Erde …

Eine absurde Farce mit lediglich vier Darstellern, die stark von dem Kontrast zwischen hoffnungslos veralteten und brutalen Erziehungsmethoden, dem Retro-Charme der Ausstattung und der Absurdität der Situationen lebt. Die Idee, den achtjährigen Klaus mit dem 30jährigen Schauspieler Daniel Fripan zu besetzen, erscheint in dem Kontext dann fast schon als normal.

Mit niedrigsten Budget gelingt es den Machern aber ein Maximum aus der Idee herauszuholen, die, wie der sympathische Regisseur Nikias Chryssos im Q&A im Anschluss berichtet, durch die Bunker-Ferienwohnung seiner eigenen Großeltern in der Schweiz entstand. Gedreht haben sie das ganze zwar nicht dort, sondern in einem Wohnhaus bei Berlin, dennoch gelingt es ihnen durch entsprechende Umgestaltung und Tapezierung die Klaustrophobie eines Bunkers tatsächlich zu vermitteln.

Ein ungewöhnlicher Film, dessen Finanzierung ohne Unterstützung von Landesmedienanstalten oder TV-Sendern ebenso ungewöhnlich wie zu begrüßen ist, denn der deutsche Film braucht einfach mehr solcher unterhaltsamer Experimente.

„Der Bunker“ (D 2015)

Regie und Buch: Nikias Chryssos

Darsteller: Pit Bukowski, Daniel Fripan, Oona von Maydell und David Scheller

Score: Ebenso absurd wie der ganze Film, eine Mischung aus Klassik, Heavy Metal und Techno.

★★★★

Kritik: „What We Do in the Shadows“ (dt.: „5 Zimmer Küche Sarg“, Fantasy Filmfest 2014)

Typische WG-Probleme

Die Freunde Vladislav (Jemaine Clement), Viago (Taika Waititi), Deacon (Jonathan Brugh) und Petyr (Ben Fransham) haben im neuseeländischen Wellington eine WG gegründet. Derzeit haben sie allerdings Besuch von einem Team von Dokumentarfilmern, welche die sozialen Interaktionen zwischen den vieren und ihren Opfern filmen wollen. Die vier sind nämlich Vampire und Deacon hat seit Jahren das Geschirr nicht mehr abgewaschen.

Ein glückliches Gruppenfoto der ungleichen Freunde („What We Do in the Shadows“ in Deutschland bei Weltkino Filmverleih)

Natürlich sind alle Filmer mit Kruzifixen ausgestattet und haben eine Zusicherung der übernatürlichen Critter bekommen, dass ihnen bei den Dreharbeiten nichts passieren wird. Aber spätestens als der extrovertierte Nick und sein bester überaus bodenständiger Freund Stu zu der Gruppe stoßen, ziehen nicht nur seltsame moderne Sitten und Technik ins Haus, sondern gerät auch einiges im Futterplan durcheinander.

Die generische Feindschaft zu den Werwölfen ist kurz vor der Eskalation, die Bestie, der Erzfeind von Vladislav, wirft ihre Schatten voraus, Deacons Vertraute fordert immer lautstärker, dass er sie nicht nur ausnutzen, sondern auch endlich unsterblich machen soll und auch Viago muss endlich einmal für sich herausfinden, ob seine alte Liebe, für die er einst überhaupt erst nach Neuseeland gezogen ist, es noch wert ist, weiter zu verfolgen.

“We are were wolves, not swear wolves!”

Was für eine herrlich schräge und unkonventionelle Komödie. Der Film hat durchaus das Zeug, ein Kultkaliber von Monty Python zu entwickeln. Er macht vor keinem Vampir-Klischee halt (selbst „Twilight“ wird kurz gemolken), schafft es aber dennoch seine tollen Figuren ernst zu nehmen und das ganze gleichzeitig im Mockumentary-Stil konsequent verpackt zu halten. Kurz: Ich habe mich lange nicht mehr so prächtig im Kino amüsiert.

An diesem Film habe ich rein gar nichts auszusetzen, außer vielleicht seine Kürze von gerade einmal 86 Minuten. Aber die sind so vollgepfropft mit Anspielungen, kleinen Details und bizarren Übertreibungen, dass man manchmal vor lauter Lachen gar nicht mehr den nächsten Gag mitbekommt. Wirklich Groß-art-ig!

„What We Do in the Shadows“ („5 Zimmer Küche Sarg“) (Neuseeland 2014)

Regie, Buch und Darsteller: Jemaine Clement, Taika Waititi

Weitere Darsteller: Jonathan Brugh, Cori Gonzalez-MacuerStuart Rutherford

Rollenspielinspirationsfaktor: Absurd.

Kinostart in Deutschland: Am 30. Oktober 2014 (Weltkino Filmverleih).

★★★★★

Kritik: „Cold in July“ (Fantasy Filmfest 2014)

Dieses Jahr haben wir aus unterschiedlichsten Gründen leider nur zwei Filme beim Fantasy Filmfest realisieren können, und das am neuen Festivalspielort in Hamburg, dem Savoy. Ungewohnt aber toll dort ist, dass man sich nicht eine halbe Stunde vor Filmbeginn bereits die Beine in den Bauch stehen muss, um halbwegs gute Plätze zu erlagen – diesmal reicht es aus, rechtzeitig die Platzreservierungen im Internet vorzunehmen (wobei man da durchaus auch einige Konkurrenz hat). Aber keine lange Vorrede, gleich zum ersten Film.

„Wir hatten uns doch auf Blumendekor fürs Sofa geeinigt!“

Richard Dane (Michael C. Hall) schreckt mitten in der Nacht auf, ein Einbrecher ist in das Haus seiner jungen Familie eingestiegen. Zitternd vor Angst schafft er es kaum, die Pistolenkugeln in seine Knarre einzulegen, die er für solche Zwecke als wehrhafter amerikanischer Staatsbürger natürlich in einem Schuhkarton im Kleiderschrank aufbewahrt. Er ertappt den Einbrecher und in einem Schreckensmoment drückt er ab – und tötet den jungen Mann vor sich.

Fix und fertig mit der Situation muss Richard nun nicht nur verarbeiten, dass er einen Menschen getötet hat, sondern erfährt auch nebenbei, dass der schlechte Apfel wohl nicht weit vom Stamm gefallen ist – der Vater (Sam Shepard) des toten Einbrechers wurde gerade auf Bewährung nach einer langen Haftstrafe freigelassen. Und da auch die Presse gerade über Richard und seine Familie samt Foto groß berichtet hat, ist Richard klar, dass dieser Vater nun auf Rache aus sein wird.

Doch es längst ist nicht alles nicht so klar, wie es lange Zeit scheint. Der Sheriff scheint auch seine eigene Gründe zu haben, warum er Richards Familie als Lockvogel nutzen will, und dann gibt es da noch eine Wendung, die alles auf den Kopf stellt und den Film eine ganz andere Richtung gibt.

In den 80ern trägt man noch Vokuhila

Lange bleibt unklar, in welche Richtung sich der Film eigentlich entwickeln will. Ist es nun ein Horrorthriller mit einem übermächtigen Gegner? Oder eine Studie der Entwicklung eines einfachen Familienvaters, der jemanden getötet hat und nun Stück für Stück paranoid wird? In der Tat ist die schauspielerische Leistung von Michael C. Hall durchweg gut, hervorragend getarnt durch den Schnauzer und der Vokuhila-Frisur ist mir auch den gesamten Film nicht klar geworden, dass hier tatsächlich der Darsteller aus „Six Feet Under“ (und ja, auch aus „Dexter“) den Protagonisten mimt, so anders und nuanciert spielt Hall den einfachen Handwerker, der über sich hinauswachsen muss. Auch Shepard und der erst zur zweiten Hälfte des Filmes auftauchende Don Johnson („Miami Vice“) machen ihre Sache durchaus gut.

Das Problem ist ein anderes: Der Regisseur Jim Mickle (mir vom 2011er Fantasy Filmfest durch „Stakeland“ noch bekannt) weiß nicht so recht, welchen Erzählfaden er fertig spinnen soll und verzettelt sich. Letztlich ist er dann doch ein Rache-Thriller, dessen Twist mitten in der Geschichte zwar durchaus überrascht, aber der einiges Potenzial gerade hin zur Auflösung leider verschenkt.

„Cold in July“ (USA 2014)

Regie: Jim Mickle

Buch: Nick Damici basierend auf dem Roman von Joe R. Lansdale

Darsteller: Michael C. Hall, Sam Shepard, Don Johnson

Rollenspielinspirationsfaktor: Mäßig. Der Charakterweg, den der Protagonist im Film nimmt, ist zwar durchaus faszinierend, aber leider nicht konsequent durchdacht, kann aber durchaus für Method-Actors einiges an Inspiration bieten.

Score: Überraschend kultiger Synthesizer-80er-Revival-Elektro-Pop-lastig, der Score von Jeff Grace gefällt. Im Trailer hört man „Cosmo Black“ von Dynatron (oben via Soundcloud eingebettet).

Kinostart in Deutschland: Nicht geplant, eher unwahrscheinlich, dass er hierzulande mehr als nur fürs Heimkino veröffentlicht wird.

★★★☆☆

Fantasy Filmfest Nights 2014: Kurzkritiken „Snowpiercer“ und „Witching and Bitching“

Dieses Jahr haben wir nur zwei Filme auf den Fantasy Filmfest Nights uns herausgepickt, was uns am Sonnabend zuvor die Gelegenheit gab, noch „Odd Thomas“ endlich nachzuholen, den wir auf dem letztjährigen Fantasy Filmfest leider zeitlich nicht schaffen konnten (netter kleiner Mystery-Film mit einem tollen Anton Yelchin).

Erst am Sonntag dann also ins neue Hamburger Festivalkino, dem Savoy. Hatten wir das letztes Jahr erstmalig besucht und nicht die besten Eindrücke behalten – wir saßen auf Kippsesseln, die nicht arretierbar waren (oder wir waren einfach zu doof dazu) und wackelten daher anstrengend durch den gesamten dritten Cornetto-Film – waren wir dieses Jahr eine Reihe weiter nach hinten gerutscht. Dort gab es zusätzlich zu Kippsesseln noch kleine zugestellte Fußablagen – herrlich bequem, wir konnten die Filme quasi im Liegen genießen. Und auch sonst war das Festival noch nie so entspannend wie diesmal – durch Platzvorreservierungen gab es am Einlass kein ungestümes Gedränge, das Kartenreservierungssystem des Savoy hatte einen Warenkorb, so dass man die Karten alle auf einmal kaufen konnte und nicht wie bisher beim Cinemaxx-System jeweils einen Vorgang pro Film abschließen musste. Selbst einen Parkplatz hatten wir nur wenige Meter weiter gefunden. Das ist ja nahezu Luxus. Wobei die 3 € für die Fritz-Cola auch schon etwas „anspruchsvoller“ waren …

„Snowpiercer“

KOR/USA/FRA/CZE, 2013

Ein Film mit einer langen und komplizierten Verleihgeschichte – kurz: die Weinstein Brüder hatten den Vertrieb übernommen, wollten den Film aber nur geschnitten an die Kinokassen bringen, das wollte der Regisseur nicht, der daraufhin einen Eklat in der Filmszene auslöste. Die Chance, den Film ungeschnitten und vor allem im Kino sehen zu können, erschien daher nur auf dem Fantasy Filmfest gegeben zu sein. Letztlich gab The Weinstein Company aber doch nach und nun wird der Film auch nicht nur in den US-, sondern auch bereits nächste Woche in die deutschen Kinos kommen.

Der Film selbst basiert auf einer mir unbekannten Comicvorlage und geht kurzgesagt um einen ewig-langen Zug, der durch eine Eiszeit-Apokalypse rund um die Welt mit einem Affentempo fährt und die einzige Zufluchtstätte des kläglichen Rests der Menschheit ist. Dabei gibt es im Zug natürlich unterschiedliche Abteile – ganz vorne die Erste-Klasse-Passagiere, hinten im Zug der Abschaum, der von dem Rest des Zuges unterdrückt wird und mit einfachen Protein-Gelee-Riegeln abgespeist wird, während die Reichen vorne schlemmen. Der Gedanke des Aufstands wächst, schon einige Male ging die Revolution aber schief. Und den ganzen Weg bis nach vorne zu der Maschine, die den Zug antreibt, sich zu erkämpfen, scheint eigentlich aussichtslos.

Snowpiercer Poster (MFA+/Escot Elite)
Anerkennenswert: Das deutsche Poster zu „Snowpiercer“ (MFA+/Ascot Elite) erwähnt sogar die Quelle, die Graphic Novel „Schneekreuzer“, die hierzulande gerade mal erst seit 2013 erhältlich ist.

Mit überraschend viel Star-Power (unter anderen mit Jamie Bell, Ed Harris und John Hurt) besetzter Action-Sci-Fi-Film, der mit teilweise absurden Ideen glänzt, gleichzeitig aber auch dem Actionheld Chris Evans als unfreiwilligen Revolutionsführer Curtis hier tatsächlich etwas schauspielerisches zu tun gibt – was dieser überraschenderweise sogar ganz ordentlich meistert. Als Antagonistin brilliert Tilda Swinton, deren skurille, absurde und abstößige Performance als Sprachrohr der Priviligierten Mason so bizarr überzeichnet ist, als hätte sie sich für einen Auftritt in den „Tribute von Panem“-Filmen bewerben wollen.

Letztlich verliert der Film aber auf der ganzen Länge etwas an Dampf, ist tatsächlich etwas langatmig und auch ist die Prämisse des Films doch nicht nur absurd sondern auch noch nicht einmal komplett in sich komplett sinnvoll durchdacht. Wenn man aber die Logikkompensatoren voll ausfährt und über das halbgare Ende lieber nicht weiter nachdenkt, bringt er Spaß in einem Genre, dass sonst viel zu stiefmütterlich von Hollywood behandelt wird.

★★★★

(Läuft in Deutschland offiziell am 3. April 2014 an.)

„Witching and Bitching“

ESP/FRA, 2013 („Las brujas de Zugarramurdi“)

Nur zwei Gangster und ein zehnjähriger Sohn kommen einigermaßen ungeschoren von einem Pfandhaus-Überfall mit den erbeuteten verpfändeten goldenen Eheringen davon. Eine Verfolgungsjagd im gekaperten Taxi führt dann in den eigentlich so verschlafenen kleinen Ort Zugarramurdi, in dem sie aber bereits von einem alten Hexenorden erwartet werden.

Ja, das wäre auf dem Hauptfestival sicher ein Film, der unter dem „Midnight Madness“-Label laufen würde, so durchgeknallt und irre ist dieser. Unter der wirren Fassade verbirgt sich aber eigentlich nur eine Kopie von „From Dusk Till Dawn“, nur dass hier statt Vampire halt Hexen auf die Hauptzutaten ihres Festmahls warten. Das ganze wird mit durchaus spaßigen Spezialeffekten, einer Hexenchor-Einlage und allerlei absurden Ideen angereichert, die allesamt eine Allegorie auf die Probleme von Männern mit Frauen sein sollen.

Ja, das hört sich eigentlich ganz nett an – ist aber letztlich zu abgedreht und zu unschlüssig um eine wirklich interessante Geschichte zu erzählen.

★★☆☆☆

(Nicht in den Kinos hierzulande zu erwarten.)

Kurzkritik „The Philosophers“ (FFF 2013)

Lauter hübsche Menschen passen nicht alle in einen Bunker

Man nehme: Ein Haufen junger Erwachsener, die zusammen Philosophie in Indonesien studieren (wo auch sonst, die Universitäten dort sollen laut Geldgeber laut Film ja auch sehr gut sein). Einen Lehrer, der das letzte Seminar hält und ihnen als Aufgabe ein Gedankenexperiment stellt: Die Apokalypse (der Einfachheit halber nuklear), alle im Raum haben überlebt und können in einen Bunker fliehen. Der hat aber nur Ressourcen für zehn von den zwanzig Schülern (und dem einen Lehrer). Darüberhinaus hat jeder eine mehr oder weniger wichtige Rolle: Einer ist Botaniker, eine andere Soldatin, ein dritter Eishersteller. Wie entscheiden Sie, wer mit in den Bunker kommt, und wer stirbt?

Eigentlich ja ein spannendes Experiment, das noch dazu in plastischen Bildern gezeigt wird, während die Studenten und ihr Lehrer herumfantasieren. Aber: es wird schnell sehr fade. Die spannende Fragen sollte sich aus den Gewissensbissen und ethischen Dilemmas ergeben – stattdessen wirft der Lehrer immer wieder neue Unwägbarkeiten hinein um die Situation in die eine oder andere Richtung spürbar vom Kurs abzubringen.

Railroading im Film

Es ist so auch eigentlich kein Gedankenexperiment, sondern ein Rollenspiel, mit dem Lehrer gleichzeitig als Spielleiter und als Mitspieler. Jeder erfahrene Rollenspieler weiß, dass soetwas nur selten Spaß bringen wird. Der Lehrer braucht keinen Regeln folgen und überrascht die Gruppe stattdessen immer mit neuen, deprimierenden Wendungen.

Es bleibt ansonsten eine Gruppe bildhübscher Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich mit platten Klischees ihren Charakteren stellen, Vorurteile verbreiten und Sex haben wollen. Interessante philosophische Herausforderungen sehen anders aus. Vielleicht bei dem Film lieber den Ton ausschalten und die … öhm … „Schauwerte“ genießen.

„The Philosophers“, USA, INO 2013

Regie und Drehbuch: 

Darsteller:

Rollenspielinspirationsfaktor: Dieser Film geht um ein Rollenspiel. Und um einen Spielleiter, der dabei versagt. Macht daraus, was ihr wollt.

Score: Ganz nett.

Auf deutschen Kinoleinwänden: Sehr unwahrscheinlich. Keine Infos bezüglich DVD.

★★☆☆☆

Kurzkritik „Haunter“ (FFF 2013)

Und täglich spukt Little Miss Sunshine …

Teenager Lisa (Abigail Breslin) ist mit ihrer Familie in einer Zeitschleife gefangen. Jeden Tag ereignet sich die selbe Routine und nur sie durchschaut dies. Ihre Familie kann sie auch mit größter Mühe nicht aus dieser reißen. Jeden Tag gibt es Hackbraten. Jeden Tag muss sie die Wäsche der Familie übernehmen. Jeden Tag regt sich ihre Mutter darüber auf, dass ein paar Stücke nachher fehlen. Doch da ist noch mehr. Eine geheime Tür im Keller. Ein Puppenhaus auf dem Dachboden. Und langsam dämmert es Lisa, dass sie vielleicht gar nicht mehr zu den Lebenden gehört …

Breslin wird erwachsen

„Haunter“ ist zugegebenermaßen nur aufgrund des Regisseurs, Vincenzo Natali, auf unsere Liste geraten. Auch wenn nicht alle seine Filme die gleiche Brillanz aufweisen wie sein 1997er Überraschungshit „Cube“, liefert er doch mindestens immer solide Kost aus den unterschiedlichsten fantastischen Untergenres.

Diesmal widmet er sich dem Genre der Spukstories und Bessenheit durch Geistern und haucht dem wirklich spannendes neues Leben ein. Er experimentiert mit unterschiedlichen Konventionen, Tropes und Stilrichtungen, trotzdem lässt er die Geschichte nicht aus dem Fokus und hat mit Breslin die junge Schauspielerin gefunden, die wirklich den gesamten Film alleine tragen kann und hier erneut nach „Zombieland“ beweist, dass mehr als nur das kleine pummelige Mädchen aus „Little Miss Sunshine“ in ihr steckt.

Natalis erster Ausflug ins rein übernatürliche

Sicher, „Haunter“ ist kein Splatterfilm, es geht hier mehr in die Grusel-Ecke als in den blutigen Horror, den Natali sonst so gut beherrscht. Aber gerade diesen Grusel hat man in letzter Zeit viel zu selten erleben dürfen und Natalis Ansatz des Mixes der Geistergeschichten mit Murmeltiertag-Thematik ist einfach eine willkommene Erfrischung des Genres. Und darüberhinaus angenehm gut durchdacht.

„Haunter“, CAN 2013

Regie: 

Buch: 

Darsteller: 

Rollenspielinspirationsfaktor: Gering. Ein One-Shot mit Murmeltier-Trope wäre aber denkbar.

Score: Nicht bemerkenswert.

Kinostart in Deutschland: Ist auch in den USA bisher nicht angelaufen, aber nicht unwahrscheinlich, dass wir den noch auf die Leinwand bekommen. Aber eher 2014.

★★★★

Kurzkritik „The Numbers Station“ (FFF 2013)

Der CIA fehlt es offenbar an moderner Verschlüsselung. Vielleicht sollte sie sich mal bei der NSA informieren?

Emerson Kent (John Cusack) ist CIA-Außenagent, dem plötzlich Gewissensbisse plagen. Von seinem Chef Grey (Liam Cunnigham) wird er daher nach Großbritannien versetzt, dort soll er eine „Numbers Station“ beschützten, einen geheimen Sender, der Zahlenfolgen an Agenten ausstrahlt, aufgrund der sie ihre streng geheimen Aufträge bekommen. Natürlich eskaliert es dort, als einige feindliche Agenten die Station überfallen, um ihre eigenen Mordsziele in Zahlen auszustrahlen …

71 65 69 72 78 …

Lassen wir mal all die Logiklücken dahingestellt, bleibt ein Film, der etwa dreißig Jahre zu spät kommt. Im Zeitalter von Internet und Co. ist das Nutzen von Zahlensendern einfach grober Unfug. Aber nicht nur das – auch die Inszenierung hätte in den 80er-Jahren vermutlich mehr begeistern können als 2013. Der Film spielt nahezu nur in der Bunkeranlage, die anscheinend noch dazu aus mehreren Sets zusammengeklöppelt wurde, da sie fast nie eine einheitliche Atmosphäre aufbaut.

Dazu spielt Cusack die Rolle lustlos und die Malin Akerman versprüht einen spröden Charme, der ihre Rolle als Silk Spectre in „Watchmen“ komplett vergessbar macht. Letztlich: Der Film ist solide inszeniert. Solide. Nicht mehr.

„The Numbers Station“ (UK, US, B, 2013)

Regie: 

Darsteller:  

Rollenspielinspirationsfaktor: Das Setting wäre vielleicht cool, wenn man vor den 90er-Jahren spielt.

Score: Vorhanden.

Start in deutschen Kinos: Unwahrscheinlich.

★★☆☆☆