FFF 2012: „The Ghostmaker“ (aka „Box of Shadows“)

12.
Okt.
2012

Eine Spaßige Idee eigentlich

Kyle ist ein Junkie, der sich eigentlich nur durch seine hübsche aber einfältige Freundin Julie und seinen am Rollstuhl gefesselten Freund Sutton über Wasser halten kann. Gelegentlich arbeitet er aber dann doch mal und kommt so beim Entrumpeln des Hauses einer alten Dame an einen seltsamen Sarg aus dem 15. Jahrhundert. In diesem befindet sich ein eigentümliches Uhrwerk, das denjenigen, der im Sarg liegt, solange es spielt zu einem Geist macht, der von niemanden gesehen wird, aber alles beobachten kann.

Aber das man mit seinem eigenen Tod nicht spielen sollte, ist doch eigentlich bekannt …

Nix halbes und nix gares

Irgendwie fühlt man sich an Flatliners (1990) erinnert, aber dieser Film trägt noch nicht einmal wesentlich zum Bacon-Faktor-Spiel bei. Wirklich neue Ideen sucht man vergeblich, Plot-Twists sind meilenweit erkennbar und eine wirkliche Entwicklung sucht man bei den Figuren vergeblich. Solche Filme hätten in den 80er-Jahren vielleicht noch unterhalten aber nicht mehr im Zeitalter komplexer Filmstoffe.

Für mich persönlich der Reinfall des diesjährigen Fantasy Filmfests. Einzig positiv bleibt zu bemerken, dass der Film mit ein Auftakt einer neuen Horror-Film-Reihe sein wird, in der die bereits in den USA bekannten Reihe „After Dark Films“ nun von Los Banditos Films GmbH und Kinostar nach Deutschland gebracht wird. Vielleicht etabliert sich das ja und dann kommen irgendwann später sogar bessere Filme …

„Ghostmaker“ auch bekannt als „Box of Shadows“, USA 2011

Regie: Mauro Borrelli

Darsteller: Aaron Dean Eisenberg (Bacon-Faktor 3), J. Walter Holland (Bacon-Faktor 3), Liz Fenning (Bacon-Faktor 3), Jared Grey (Bacon-Faktor 2)

Bei uns im Kino: ab 29. November 2012

★★★☆☆☆☆☆☆☆

FFF 2012: Beasts of the Southern Wild

11.
Okt.
2012

Wo das Land mit dem Meer verschmilzt

„Beasts of the Southern Wild“ – Fox SearchlightHushpuppy ist ein kleines, sechsjähriges Mädchen, dass in einer fremdartigen Umgebung aufwächst. Jenseits des Punktes, an dem im Süden Louisianas das Land mit dem Golf von Mexiko verschmelzt und für Menschen eigentlich schon fast unbewohnbar ist, wird sie von ihrem Vater aufgezogen, der mit einer Gruppe anderer Gleichgesinnter diese Region als Heimat ansieht und auf keinem Fall aufgeben will – selbst wenn die Region wie Slums zunehmend verwahrlost und viele bereits geflohen sind.

“They think we’re all gonna drown down here. But we ain’t going nowhere.” 
— Hushpuppy

Als dann das Meer kommt und gleichzeitig ihr Vater gesundheitliche Probleme aufzeigt, begibt sich Hushpuppy auf ein Abenteuer gegen die wilden Bestien, auf die Suche nach ihrer Mutter und durch eine für unsere Augen unwirkliche Welt.

Dafür gibt es Kino

Ich hatte schon von dem Publikumserfolg dieses Filmes in Sundance und Cannes gehört und war entsprechend gespannt. Tatsächlich reißt er einen vom Anfang an in eine Welt hinein, die gleichzeitig real und unwirklich ist. Und voller Abenteuer, denn wir erleben den Film in aller seiner Bildgewalt aus der Perspektive des jungen Mädchens Hushpuppy (übrigens benannt nach einer in Louisiana bekannten frittierten Maismehl-Beilage).

Der Film ist wirklich ein Erlebnis, schwer mit Worten zu fassen oder zu beschreiben. Irgendwie erinnert er an ein Bilderbuch wie „Wo die wilden Kerle wohnen“, dass mit einem Mark Twain-Abenteuer verschmolzen wurden und in einem nahen Science-Fiction-Setting, das so aber durchaus in unserer Realität bereits existieren könnte, alptraum- und traumhaft kulminiert.

Schwer vorstellbar ist, dass der Film mit einem Budget von gerade einmal 1,3 Mio. US-Dollar realisiert wurde. Und dies vom Spielfilm-Regie-Newcomer Benh Zeitlin ausschließlich mit auf der Straße vor Ort gecasteten Laien-Darstellern – die Hauptdarstellerin, Quvenzhané Wallis, war zum Zeitpunkt des Castings gerade einmal fünf Jahre alt. Zu intensiv sind die gezeigten Emotionen, zu intensiv ist die Immersion in eine wunderbare Geschichte, die man im Film erleben kann. Und darüber schwebt der auch direkt vom Regisseur geschriebene Soundtrack.

Zu Recht hat der Film den diesjährigen Fresh Blood-Award des Fantasy Filmfests gewonnen. Der Regisseur war selbst während der Vorführung in Hamburg anwesend und im Anschluss bei einem Q&A sehr auskunftsfreudig und überaus sympathisch. Für mich die Entdeckung des Festivals.

Beasts of the Southern Wild, USA 2012

Regie: Benh Zeitlin

Darsteller: Quvenzhané WallisDwight Henry

welcometothebathtub.com

Soundtrack: Große Empfehlung und bereits zu haben.

Bei uns im Kino: Voraussichtlich ab 20. Dezember 2012

★★★★★★★★★★ (Ja, das sind 10 Sterne!)

FFF 2012: „God Bless America“

6.
Okt.
2012

Irgendwie klemmte ich nach dem letzten Film auf dem FFF dieses Jahres fest und fand keine Muße für weitere Rezensionen. Langsam läuft die Kreativität, auch dank eines ausgedehnten Urlaubes, wieder an, daher nun weiter mit den verbliebenen Filmen.

Wenn Du ohnehin sterben musst …

„God Bless America“, StudioCanalErst verliert Frank (Joel Murray) seinen Job, dann diagnostiziert sein Arzt bei ihm einen Gehirntumor: Frank hat nur noch kurze Zeit zu leben. Und das in einer schrecklich öden Welt, deren Kultur Franks Meinung nach zunehmend verblödet. Alle unterhalten sich nur noch über den armen Trottel, der sich gestern Abend bei „American Superstars“ vor der fiesen Jury lächerlich gemacht hat. Oder über die verwöhnte Teenie-Göre Chloe, deren Vater ihr nicht das richtige Traumauto zum 16. Geburtstag überreicht hat, und die deswegen in ihrer Doku-Soap einen Nevenzusammenbruch markiert.

Frank überlegt, sich einfach umzubringen, entscheidet sich jedoch erst einmal dazu, aufzuräumen und bringt zunächst einmal diese schreckliche Chloe um. Dies wird ausgerechnet von deren Mitschülerin Roxy (Tara Lynne Barr) beobachtet, die sich ihm – spontan begeistert – anschließt. Gemeinsam machen sie sich auf, die Popkultur der USA zu retten – oder zumindest etwas zu kitten, in dem sie all die Ikonen zu Fall zu bringen, die „nicht nett sind“.

… warum tust Du dann nicht der Welt noch etwas Gutes?

Ja, es ist mittlerweile ein gut eingefahrenes Trope. Ein bis dahin eher unauffälliger und eigentlich in seinen Werten grund-konservativ lebender Mensch wird mit einem dramatischen Ereignis konfrontiert. Daraufhin bricht dieser aus seinem Alltagstrott aus und will noch eine letzte Sache zum Guten wenden. Koste es, was es wolle. Die restliche Ethik wird einfach solange zurückgestellt, die Konsequenzen sind ja ohnehin egal. „Breaking Bad“ fällt als Musterbeispiel für dieses Trope ein – und ist zurecht derzeit die beste TV-Serie.

Dieser Film ist aber lange nicht in einem solch ernsthaften Bereich angesiedelt wie die geniale Serie. Aber auch nicht in einem skurillen Bereich, wie das letztjährige FFF-Highlight „Super“, dass das Möchtegern-Comic-Helden-Genre herausragend auf die Spitze trieb. „God Bless America“ liegt irgendwo dazwischen. Und schlägt sich wacker.

Es bringt einfach eine Menge Spaß, Frank und Roxy bei ihrer Killer-Tour durch all die schlimmen Medienauswüchse, die das Fernsehen zu bieten hat, zuzusehen. Letztlich scheitert er knapp daran, wirklich brillant zu werden, denn er kann sich nicht richtig entscheiden, ob er als überdrehte Komödie mit rabenschwarzen Humor überzeugen will, oder eben doch die berechtigt kritischen Töne unterbringen soll. Gerade die Figur der Roxy reicht dabei auch nicht an Ellen Pages Libby aus „Super“ heran. Aber wie gesagt: der Film scheitert nur knapp und bleibt dennoch ein wirkliche Freude, anzusehen.

„God Bless America“, USA 2011

Regie: Bobcat Goldthwait

Darsteller: Joel MurrayTara Lynne Barr

Bei uns im Kino: Extrem unwahrscheinlich. Holt ihn Euch auf einer Silberscheibe: In Großbritannien ist der Film bereits auf DVD erhältlich, in den USA auch auf Blu-Ray. Pläne für eine Veröffentlichung auf dem D-A-CH-Markt sind mir bisher leider nicht bekannt.

★★★★★★★★☆☆

FFF 2012: „Chained“

29.
Aug.
2012

Die Prämisse: Heftig. Die Erwartung: nicht erfüllt. Zum Glück.

„Chained“ (Capelight Pictures)

„Chained“ (Capelight Pictures)

Ein Junge und seine Mutter werden von einem sadistischen Taxifahrer entführt. Während dieser die Mutter vergewaltigt und umbringt, lässt er den Jungen am Leben, bindet ihn an eine Kette und „erzieht“ ihn nach seinen Wertvorstellungen. Erst Jahre später ist der Junge groß genug, um sich zur Wehr zu setzen. Doch ist er auch stark genug?

Ganz ehrlich: ich hatte mich hier bereits wieder auf einen Film voller Folter eingestellt. Überrascht hat mich aber dann, dass der Film sich tatsächlich sehr viel mehr auf die psychologischen Effekte und Komplikationen dieses Setups konzentriert hat. Sicher, er hat seine gezielten Tritte in die Magenkuhle. Aber diese bleiben doch überraschend dezent.

Der Junge, der von seinem sadistischen Herren fortan nur noch „Rabbit“ genannt wird und im Verlaufe des Filmes von zwei wirklich guten Nachwuchsdarstellern unterschiedlicher Altersstufen gespielt wird, unternimmt eine Höllenfahrt, wird erniedrigt und unterjocht, und bleibt doch für seine Möglichkeiten immer stark. Und Bob, sein Unterjocher, der von Vincent D’Onofrio wirklich beängstigend als Bösewicht dargestellt wird, bleibt nicht die unerklärliche Bestie, sondern seine gestörte Psyche wird ordentlich analysiert.

Jennifer Lynch ist cool – und selbst mit dem Finale unzufrieden.

Leider krankt der Film aber an dem letzten Twist. Dieser ist zu unvorbereitet, zu radikal und wirkt einfach unpassend. Bis dahin war ich von dem Film wirklich positiv überrascht, aber das Ende hat ihn für mich dann doch kaputt gemacht.

Dass das Ende tatsächlich suboptimal funktioniert, räumte dann auch die Regisseurin Jennifer Lynch im anschließenden Q&A offen ein. Sie hofft darauf, einen Director’s Cut für den Film machen zu können, in dem sie das Ende besser strukturieren kann. Und tatsächlich: Ihre Erläuterungen zu dem Ende wirken sehr viel plausibler und hätten vermutlich den Film herausgerissen. Hätten ist aber nicht haben.

Aber: Die Regisseurin ist wirklich eine klasse Persönlichkeit, sie stellte sich von sich aus der Kritik und erzählte pointiert Anekdoten aus den Dreharbeiten und den anschließenden Problemen mit den Verleihern und der MPAA. Es fällt leicht, ihr einen Director’s Cut für den Film zu wünschen – doch da die MPAA dem Film kein R-Rating zugestanden hat, sondern nur ein NC-17, was einen regulären Kinoverleih in den USA quasi ausschließt, ist die Hoffnung auf einen solchen leider eher gering.

„Chained“, USA 2012

Regie: Jennifer Chambers Lynch

Darsteller: Vincent D’OnofrioEamon FarrenEvan BirdJulia OrmondJake Weber

Im regulären Kino zu erwarten: Leider nein. Anfang Oktober erscheint er in den USA fürs Heimkino. Sehr wahrscheinlich, dass er auch hierzulande nur dort erscheinen wird.

★★★★★☆☆☆☆☆

FFF 2012: „The Tall Man“

24.
Aug.
2012

Für den nächsten Film war mir von unterschiedlichen Seiten empfohlen worden, mich vorher nicht ausführlich über den Film zu informieren, um einen ordentlichen What-the-Fuck-Moment erleben zu können.

Sie hatten Recht. Und auch ich versuche dann auch nicht zu spoilern.

Eine Mutter auf der verzweifelten Suche nach ihrem Kind

Poster „The Tall Man“ (SND Groupe M6)Cold Rock, Washington, USA ist mittlerweile ein trostloser Ort. Wer es sich leisten konnte, ist bereits in Richtung Seattle geflüchtet, seit der Schließung der Mine gibt es kaum noch Arbeit im Ort. Entsprechend übel ist die Situation auch für die Kinder des Ortes.

Nun verschwinden Kinder aber, und der vermeitnlich Schuldige ist der „Tall Man“, eine Legende, die man sich hier erzählt über einen großen Mann, der Kinder entführt. Als dann der kleine David verschwindet, versucht die verzweifelte Mutter sich dieser Legende zu stellen und alles, um ihr Kind zurückzubekommen.

Was für ein Klischee, so einen Film kenne ich doch …

Nein, ich darf nicht mehr erzählen, was im Film passiert. Der Film unternimmt auf halbe Strecke eine wirklich vollkommen unerwartete und großartige Wendung, die man einfach nicht spoilern darf. Vielleicht nur so viel: das ist nicht die typische Geschichte vom Boogey-Man …

Ich jedenfalls saß mit offenen Mund im Kino, war vollkommen irritiert, bis sich in meinen Kopf das Puzzle endlich wieder richtig zusammengefügt hat. Und dafür liebe ich diesen Film jetzt bereits, denn mittlerweile überraschen mich nur noch wenige Filme wirklich.

Dazu kommt die wirklich gelungene eingefangene Atmosphäre im Film, die tiefen urigen Wälder Washingtons, die verlassenen und verfallenen Häuser, sowie die wirklich großartig spielende Jessica Biel („Texas Chainsaw Massacre“) in der Hauptrolle.

Meine Mit-Cineasten waren ebenfalls sehr angetan, bemängelten aber den etwas langgezogenen Schluss, der etwas zuviel erklärte. Ich hatte damit weniger ein Problem, für mich ist der Film eindeutig bisher ein Highlight des Festivals.

„The Tall Man“ (2012)

Regie: Pascal Laugier

Darsteller: Jessica BielJodelle FerlandStephen McHattieWilliam B. Davis

Kommt er ins reguläre Kino? Leider gibt es bisher keinen Termin für Deutschland. Sollte er aber. Auf jeden Fall.

★★★★★★★★★☆