Kurzkritik: „The Congress“ (FFF 2013)

Robin Wright in „The Congress“ (Pandora Filmproduktion)
Robin Wright in „The Congress“ (Pandora Filmproduktion)

Hollywoodkritik vermischt mit sanktionierten Drogenkonsum und Forrest Gumps Jenny. Ein ungewöhnliches Filmerlebnis.

Robin Wright (Robin Wright) ist eine Schauspielerin, deren beste Tage bereits lange hinter ihr liegen. Nun wird ihr ein ultimatives Angebot gemacht: Sie lässt sich komplett digitalisieren und in Zukunft tritt nur noch ihr digitales Double in den Filmen auf. Nach einigem Hin- und Her lässt sie sich darauf ein, auch um ihren Sohn Aaron (Kodi Smit-McPhee) bei dessen Krankheit besser unterstützen zu können.

20 Jahre später ist sie eingeladen auf einen Kongress, der die Welt ein für alle mal verändern soll: Mit Hilfe von allerlei Drogen kann jeder zu jedem werden. Robin gerät mitten in diese Revolution, will doch aber eigentlich nur ihren Sohn nochmal sehen …

Mixtur aus Lem und Zeichentrick

Man nehme: Stanislaw Lems Futurologischer Kongress, vermenge ihn mit einer Kritik an Hollywoods Umgang mit vergehenden Stars, mische ordentlich psychodelischen Zeichentrick hinzu und quirrle alles gut durch. Herauskommt eine sehr bizarre Mixtur, die sich teilweise nicht wirklich entscheiden kann, was sie eigentlich sein will. Sie entfernt sich vom Original einerseits stark, macht aber dann doch immer wieder Referenzen auf das Buch, die ohne Kenntnis dessen nicht oder nur schlecht in dieser Version funktionieren. Plötzlich hat Robin eine starke Psychose, die nur in zwei Szenen wirklich auftritt: einmal von ihrem Manager (Harvey Keitel) angesprochen und eine Szene später im Hotel. Davor und danach spielt sie nahezu überhaupt keine Rolle.

Auf der anderen Seite ist diese Verspieltheit und die gerade im Zeichentrick perfekt möglichen Anspielungen auf Hollywood-Grinsebacken und andere Stars enorm faszinierend. Wenn ich den Film nicht im Kino gesehen hätte, hätte ich wohl alle paar Minuten auf die Pausetaste drücken wollen, nur um alle Kleinigkeiten entdecken zu können.

Eintauchen in die Zeichentrickwelt in „The Congress“ (Pandora Filmproduktion)
Eintauchen in die Zeichentrickwelt in „The Congress“ (Pandora Filmproduktion)

As you wish …

Dazu kommt eine durch die Bank gute schauspielerische Leistung von Wright und ihren Kollegen. Allerdings war Wright nicht die erste Wahl des Regisseurs. Wie dieser im Q&A im Anschluss erzählte, sollte ursprünglich Cate Blanchett die Hauptrolle spielen, einzelne Buchfragmente machen so mehr Sinn (unter anderen in einem Bashing auf „Herr der Ringe“) und im Gegensatz zu Wright kann man sich bei Blanchett weit mehr vorstellen, wie sich das fiktive Studio „Miramount“ sich um sie als einzigen großen Star reißt.

Es bleibt eine faszinierende Bilderflut im Zeichentrick, eine tolle Story, die aber etwas zu verworrend umgesetzt wurde. Kein Meisterwerk. Aber dennoch lohnenswert.

„The Congress“ (ISR, D, PL, LUX, F, B)

Regie: 

Buch:  (Vorlage),  (Adaptation)

Darsteller:  (nur Stimme)

Rollenspielinspirationsfaktor: Nicht umsetzbar ohne eine Revolte der Spieler wegen unberechenbarer Spielleiterwillkür.

Score: Gut, aber gerät schnell ins Vergessen.

Deutscher Verleih: Ab 12. September im Kino.

★★★★

www.thecongress-movie.com

Kurzkritik „Europa Report“ (FFF 2013)

Gang auf dem Mond – aus „Europa Report“, Magnet/Magnolia Pictures.  (Photo courtesy of Magnet Releasing).
Gang auf dem Mond – aus „Europa Report“, Magnet/Magnolia Pictures. (Photo courtesy of Magnet Releasing).

„Europa Report“ ist ein Rückschritt im Science-Fiction-Genre. Eine Rückbesinnung. Es ist Hard-Sci-Fi. Bis ins letzte Detail. Und dennoch oder gerade deswegen spannend.

Eine internationale Crew wurde zusammengestellt, um eine fast vierjährige Mission zu dem Jupiter-Mond Europa zu unternehmen. Dort soll sie unter der kilometerdicken Eisschicht nach Leben Ausschau halten.

Fragmente einer Dokumentation

Sharlto Copley in „Europa Report“, Magnet/Magnolia Pictures (Photo courtesy of Magnet Releasing.)
Sharlto Copley in „Europa Report“, Magnet/Magnolia Pictures (Photo courtesy of Magnet Releasing.)

In dokumentarischen Fragmenten der vielen Bord-Kameras, angereichert mit externen Kommentaren, werden wir auf einer chronologisch manchmal leicht verwirrenden, aber immer interessanten und faszinierenden Entdeckungsreise in die Leere geschickt, die unser nur vermeintlich so kleines Sonnensystem ausfüllt.

Schon bald wird klar, dass bei dieser Reise nicht alles gut gegangen ist – es gab wohl mindestens einen Toten, aber es bleibt länger unklar, weshalb und wann jemand gestorben ist.

Stück für Stück setzt sich aber das Puzzle zusammen und beinhaltet dabei auch ein paar faszinierende Wendungen. Dabei bleibt der Film sachlich und nachvollziehbar, es gibt im Skript keine unglaubwürdige Lovestory, kein mysteriöser Saboteur, kein durchgeknallter Amokläufer oder ähnliches, die die Handlung vorantreiben sollen. Stattdessen sehen wir das Leben einer Gruppe Menschen an Bord, monatelang auf sich selbst gestellt, nachdem das Funkmodul zur Erde ausfällt.

Die harte Wirklichkeit des Weltraums

Der Film gleitet an keiner Stelle ins Fantastische ab sondern orientiert sich nur an der harten Realität. Dutzende NASA-Experten standen dem Film als Berater zur Seite. Und so ist er vielleicht der erste wirkliche Hard-Science-Fiction-Film überhaupt.

Dazu eine gelungene Mischung aus bekannten (Sharlto Copley, Michael Nyqvist) und weniger bekannten Darstellern sowie einem beklemmenden Score von Bear McCreary. Regisseur Sebastián Cordero ist hier ein toller kleiner Film gelungen, der mit seiner Konsequenz das Genre Science-Fiction eine neue Richtung geben vermag.

„Europa Report“, USA 2013

Regie: 

Darsteller:  u. a.

Score: Bear McCreary, absolut rollenspieltauglich.

Inspirationquelle fürs Rollenspiel: Nur bedingt, weil man vermutlich selten „so harte“ Science-Fiction hinlegen möchte.

Deutscher Verleih: Leider bisher offenbar keiner gefunden. Bleibt zu hoffen, dass dieses Kleinod zumindest eine DVD-Veröffentlichung bekommt.

★★★★

Fantasy Filmfest 2013: Der Plan

Poster Fantasy Filmfest 2013 (Rosebud Entertainment)
Poster Fantasy Filmfest 2013 (Rosebud Entertainment)

Es ist endlich wieder soweit: Das Fantasy Filmfest steht wieder vor der Tür, nächste Woche Mittwoch geht es hier in Hamburg los.

Wer es nicht kennen sollte: Das Fantasy Filmfest bietet Genrefilme aus den Bereichen Horror, Thriller, Science-Fiction und – ganz selten – auch Fantasy. In einer knappen Woche laufen 66 Filme (wenn ich richtig gezählt haben sollte), einige davon auch doppelt, damit sie auch mitbekommen kann, wenn ein attraktiver anderer Film parallel läuft – denn das Festival läuft zeitgleich in zwei Kinosälen.

Wir haben uns dieses Jahr für folgende fünf feilgebote Filme fertiggemacht:

The Congress

Der Trailer verspricht schon einiges und sei es nur die Dekonstruktion der Hollywoodschen Star-Maschine. Der Eröffnungsfilm des FFF ist noch dazu vom „Waltz with Bashir“-Regisseur Ari Folman, der damals bewies, dass Zeichentrick nicht nur für knuffige Disney-Figuren ein angemessenes Medium sein kann, sondern auch knallharte Themen dokumentarisch darstellen kann. Dazu als Aufhänger „Der Futurologische Kongress“ von Lem. Das wird bizarr und hoffentlich gut. Noch dazu mit dem Regisseur im Publikum.

The Numbers Station

Einsamer Posten, der kodierte Nachrichten an Agenten überall auf der Welt aussendet, mit John Cusack. Kann gut werden, muss aber nicht. Interessant genug aber allemal.

Europa Report

Endlich wieder Science-Fiction auf dem FFF. Der Film soll langsam seine Geschichte aufbauen, die sich um eine Reise zum Jupiter-Mond Europa dreht und dabei sehr Hard-Sci-Fi sein. Ein No-Brainer, dass wir den aufs Programm setzen.

Haunter

Vincenzo Natali ist der Hauptgrund für diesen Film. Der „Cube“-Macher hat bereits bewiesen, dass er kein One-Hit-Wonder ist, aber, von „Nothing“ einmal abgesehen, waren seine Filme nie so brillant wie sein klaustrophobisches Erstlingswerk. Hier schickt er Little Miss Sunshine Abigail Breslin auf Geistermission.

The Philosophers

Was-wäre-wenn-Szenarien sind nicht nur beliebte Elemente der Science-Fiction, sondern auch wichtiges Lehrinstrument unter anderen in der Philosophie. Ein Lehrer wagt nun ein komplexes Experiment mit einer Gruppe Studenten, dass viele moralische Dilemma aufwirft. Bleibt die Frage, ob der Film tatsächlich seine interessante Prämisse ausbreiten kann oder sich irgendwann in genretypisches Gore flüchtet.

FFF 2012: „The Ghostmaker“ (aka „Box of Shadows“)

Eine Spaßige Idee eigentlich

Kyle ist ein Junkie, der sich eigentlich nur durch seine hübsche aber einfältige Freundin Julie und seinen am Rollstuhl gefesselten Freund Sutton über Wasser halten kann. Gelegentlich arbeitet er aber dann doch mal und kommt so beim Entrumpeln des Hauses einer alten Dame an einen seltsamen Sarg aus dem 15. Jahrhundert. In diesem befindet sich ein eigentümliches Uhrwerk, das denjenigen, der im Sarg liegt, solange es spielt zu einem Geist macht, der von niemanden gesehen wird, aber alles beobachten kann.

Aber das man mit seinem eigenen Tod nicht spielen sollte, ist doch eigentlich bekannt …

Nix halbes und nix gares

Irgendwie fühlt man sich an Flatliners (1990) erinnert, aber dieser Film trägt noch nicht einmal wesentlich zum Bacon-Faktor-Spiel bei. Wirklich neue Ideen sucht man vergeblich, Plot-Twists sind meilenweit erkennbar und eine wirkliche Entwicklung sucht man bei den Figuren vergeblich. Solche Filme hätten in den 80er-Jahren vielleicht noch unterhalten aber nicht mehr im Zeitalter komplexer Filmstoffe.

Für mich persönlich der Reinfall des diesjährigen Fantasy Filmfests. Einzig positiv bleibt zu bemerken, dass der Film mit ein Auftakt einer neuen Horror-Film-Reihe sein wird, in der die bereits in den USA bekannten Reihe „After Dark Films“ nun von Los Banditos Films GmbH und Kinostar nach Deutschland gebracht wird. Vielleicht etabliert sich das ja und dann kommen irgendwann später sogar bessere Filme …

„Ghostmaker“ auch bekannt als „Box of Shadows“, USA 2011

Regie: Mauro Borrelli

Darsteller: Aaron Dean Eisenberg (Bacon-Faktor 3), J. Walter Holland (Bacon-Faktor 3), Liz Fenning (Bacon-Faktor 3), Jared Grey (Bacon-Faktor 2)

Bei uns im Kino: ab 29. November 2012

★★☆☆☆

FFF 2012: Beasts of the Southern Wild

Wo das Land mit dem Meer verschmilzt

„Beasts of the Southern Wild“ – Fox SearchlightHushpuppy ist ein kleines, sechsjähriges Mädchen, dass in einer fremdartigen Umgebung aufwächst. Jenseits des Punktes, an dem im Süden Louisianas das Land mit dem Golf von Mexiko verschmelzt und für Menschen eigentlich schon fast unbewohnbar ist, wird sie von ihrem Vater aufgezogen, der mit einer Gruppe anderer Gleichgesinnter diese Region als Heimat ansieht und auf keinem Fall aufgeben will – selbst wenn die Region wie Slums zunehmend verwahrlost und viele bereits geflohen sind.

“They think we’re all gonna drown down here. But we ain’t going nowhere.” 
— Hushpuppy

Als dann das Meer kommt und gleichzeitig ihr Vater gesundheitliche Probleme aufzeigt, begibt sich Hushpuppy auf ein Abenteuer gegen die wilden Bestien, auf die Suche nach ihrer Mutter und durch eine für unsere Augen unwirkliche Welt.

Dafür gibt es Kino

Ich hatte schon von dem Publikumserfolg dieses Filmes in Sundance und Cannes gehört und war entsprechend gespannt. Tatsächlich reißt er einen vom Anfang an in eine Welt hinein, die gleichzeitig real und unwirklich ist. Und voller Abenteuer, denn wir erleben den Film in aller seiner Bildgewalt aus der Perspektive des jungen Mädchens Hushpuppy (übrigens benannt nach einer in Louisiana bekannten frittierten Maismehl-Beilage).

Der Film ist wirklich ein Erlebnis, schwer mit Worten zu fassen oder zu beschreiben. Irgendwie erinnert er an ein Bilderbuch wie „Wo die wilden Kerle wohnen“, dass mit einem Mark Twain-Abenteuer verschmolzen wurden und in einem nahen Science-Fiction-Setting, das so aber durchaus in unserer Realität bereits existieren könnte, alptraum- und traumhaft kulminiert.

Schwer vorstellbar ist, dass der Film mit einem Budget von gerade einmal 1,3 Mio. US-Dollar realisiert wurde. Und dies vom Spielfilm-Regie-Newcomer Benh Zeitlin ausschließlich mit auf der Straße vor Ort gecasteten Laien-Darstellern – die Hauptdarstellerin, Quvenzhané Wallis, war zum Zeitpunkt des Castings gerade einmal fünf Jahre alt. Zu intensiv sind die gezeigten Emotionen, zu intensiv ist die Immersion in eine wunderbare Geschichte, die man im Film erleben kann. Und darüber schwebt der auch direkt vom Regisseur geschriebene Soundtrack.

Zu Recht hat der Film den diesjährigen Fresh Blood-Award des Fantasy Filmfests gewonnen. Der Regisseur war selbst während der Vorführung in Hamburg anwesend und im Anschluss bei einem Q&A sehr auskunftsfreudig und überaus sympathisch. Für mich die Entdeckung des Festivals.

Beasts of the Southern Wild, USA 2012

Regie: Benh Zeitlin

Darsteller: Quvenzhané WallisDwight Henry

welcometothebathtub.com

Soundtrack: Große Empfehlung und bereits zu haben.

Bei uns im Kino: Voraussichtlich ab 20. Dezember 2012

★★★★★

(Ja, das sind volle Punkte!)

FFF 2012: „God Bless America“

Irgendwie klemmte ich nach dem letzten Film auf dem FFF dieses Jahres fest und fand keine Muße für weitere Rezensionen. Langsam läuft die Kreativität, auch dank eines ausgedehnten Urlaubes, wieder an, daher nun weiter mit den verbliebenen Filmen.

Wenn Du ohnehin sterben musst …

„God Bless America“, StudioCanalErst verliert Frank (Joel Murray) seinen Job, dann diagnostiziert sein Arzt bei ihm einen Gehirntumor: Frank hat nur noch kurze Zeit zu leben. Und das in einer schrecklich öden Welt, deren Kultur Franks Meinung nach zunehmend verblödet. Alle unterhalten sich nur noch über den armen Trottel, der sich gestern Abend bei „American Superstars“ vor der fiesen Jury lächerlich gemacht hat. Oder über die verwöhnte Teenie-Göre Chloe, deren Vater ihr nicht das richtige Traumauto zum 16. Geburtstag überreicht hat, und die deswegen in ihrer Doku-Soap einen Nevenzusammenbruch markiert.

Frank überlegt, sich einfach umzubringen, entscheidet sich jedoch erst einmal dazu, aufzuräumen und bringt zunächst einmal diese schreckliche Chloe um. Dies wird ausgerechnet von deren Mitschülerin Roxy (Tara Lynne Barr) beobachtet, die sich ihm – spontan begeistert – anschließt. Gemeinsam machen sie sich auf, die Popkultur der USA zu retten – oder zumindest etwas zu kitten, in dem sie all die Ikonen zu Fall zu bringen, die „nicht nett sind“.

… warum tust Du dann nicht der Welt noch etwas Gutes?

Ja, es ist mittlerweile ein gut eingefahrenes Trope. Ein bis dahin eher unauffälliger und eigentlich in seinen Werten grund-konservativ lebender Mensch wird mit einem dramatischen Ereignis konfrontiert. Daraufhin bricht dieser aus seinem Alltagstrott aus und will noch eine letzte Sache zum Guten wenden. Koste es, was es wolle. Die restliche Ethik wird einfach solange zurückgestellt, die Konsequenzen sind ja ohnehin egal. „Breaking Bad“ fällt als Musterbeispiel für dieses Trope ein – und ist zurecht derzeit die beste TV-Serie.

Dieser Film ist aber lange nicht in einem solch ernsthaften Bereich angesiedelt wie die geniale Serie. Aber auch nicht in einem skurillen Bereich, wie das letztjährige FFF-Highlight „Super“, dass das Möchtegern-Comic-Helden-Genre herausragend auf die Spitze trieb. „God Bless America“ liegt irgendwo dazwischen. Und schlägt sich wacker.

Es bringt einfach eine Menge Spaß, Frank und Roxy bei ihrer Killer-Tour durch all die schlimmen Medienauswüchse, die das Fernsehen zu bieten hat, zuzusehen. Letztlich scheitert er knapp daran, wirklich brillant zu werden, denn er kann sich nicht richtig entscheiden, ob er als überdrehte Komödie mit rabenschwarzen Humor überzeugen will, oder eben doch die berechtigt kritischen Töne unterbringen soll. Gerade die Figur der Roxy reicht dabei auch nicht an Ellen Pages Libby aus „Super“ heran. Aber wie gesagt: der Film scheitert nur knapp und bleibt dennoch ein wirkliche Freude, anzusehen.

„God Bless America“, USA 2011

Regie: Bobcat Goldthwait

Darsteller: Joel MurrayTara Lynne Barr

Bei uns im Kino: Extrem unwahrscheinlich. Holt ihn Euch auf einer Silberscheibe: In Großbritannien ist der Film bereits auf DVD erhältlich, in den USA auch auf Blu-Ray. Pläne für eine Veröffentlichung auf dem D-A-CH-Markt sind mir bisher leider nicht bekannt.

★★★★

FFF 2012: „Chained“

Die Prämisse: Heftig. Die Erwartung: nicht erfüllt. Zum Glück.

„Chained“ (Capelight Pictures)
„Chained“ (Capelight Pictures)

Ein Junge und seine Mutter werden von einem sadistischen Taxifahrer entführt. Während dieser die Mutter vergewaltigt und umbringt, lässt er den Jungen am Leben, bindet ihn an eine Kette und „erzieht“ ihn nach seinen Wertvorstellungen. Erst Jahre später ist der Junge groß genug, um sich zur Wehr zu setzen. Doch ist er auch stark genug?

Ganz ehrlich: ich hatte mich hier bereits wieder auf einen Film voller Folter eingestellt. Überrascht hat mich aber dann, dass der Film sich tatsächlich sehr viel mehr auf die psychologischen Effekte und Komplikationen dieses Setups konzentriert hat. Sicher, er hat seine gezielten Tritte in die Magenkuhle. Aber diese bleiben doch überraschend dezent.

Der Junge, der von seinem sadistischen Herren fortan nur noch „Rabbit“ genannt wird und im Verlaufe des Filmes von zwei wirklich guten Nachwuchsdarstellern unterschiedlicher Altersstufen gespielt wird, unternimmt eine Höllenfahrt, wird erniedrigt und unterjocht, und bleibt doch für seine Möglichkeiten immer stark. Und Bob, sein Unterjocher, der von Vincent D’Onofrio wirklich beängstigend als Bösewicht dargestellt wird, bleibt nicht die unerklärliche Bestie, sondern seine gestörte Psyche wird ordentlich analysiert.

Jennifer Lynch ist cool – und selbst mit dem Finale unzufrieden.

Leider krankt der Film aber an dem letzten Twist. Dieser ist zu unvorbereitet, zu radikal und wirkt einfach unpassend. Bis dahin war ich von dem Film wirklich positiv überrascht, aber das Ende hat ihn für mich dann doch kaputt gemacht.

Dass das Ende tatsächlich suboptimal funktioniert, räumte dann auch die Regisseurin Jennifer Lynch im anschließenden Q&A offen ein. Sie hofft darauf, einen Director’s Cut für den Film machen zu können, in dem sie das Ende besser strukturieren kann. Und tatsächlich: Ihre Erläuterungen zu dem Ende wirken sehr viel plausibler und hätten vermutlich den Film herausgerissen. Hätten ist aber nicht haben.

Aber: Die Regisseurin ist wirklich eine klasse Persönlichkeit, sie stellte sich von sich aus der Kritik und erzählte pointiert Anekdoten aus den Dreharbeiten und den anschließenden Problemen mit den Verleihern und der MPAA. Es fällt leicht, ihr einen Director’s Cut für den Film zu wünschen – doch da die MPAA dem Film kein R-Rating zugestanden hat, sondern nur ein NC-17, was einen regulären Kinoverleih in den USA quasi ausschließt, ist die Hoffnung auf einen solchen leider eher gering.

„Chained“, USA 2012

Regie: Jennifer Chambers Lynch

Darsteller: Vincent D’OnofrioEamon FarrenEvan BirdJulia OrmondJake Weber

Im regulären Kino zu erwarten: Leider nein. Anfang Oktober erscheint er in den USA fürs Heimkino. Sehr wahrscheinlich, dass er auch hierzulande nur dort erscheinen wird.

★★★☆☆

FFF 2012: „The Tall Man“

Für den nächsten Film war mir von unterschiedlichen Seiten empfohlen worden, mich vorher nicht ausführlich über den Film zu informieren, um einen ordentlichen What-the-Fuck-Moment erleben zu können.

Sie hatten Recht. Und auch ich versuche dann auch nicht zu spoilern.

Eine Mutter auf der verzweifelten Suche nach ihrem Kind

Poster „The Tall Man“ (SND Groupe M6)Cold Rock, Washington, USA ist mittlerweile ein trostloser Ort. Wer es sich leisten konnte, ist bereits in Richtung Seattle geflüchtet, seit der Schließung der Mine gibt es kaum noch Arbeit im Ort. Entsprechend übel ist die Situation auch für die Kinder des Ortes.

Nun verschwinden Kinder aber, und der vermeitnlich Schuldige ist der „Tall Man“, eine Legende, die man sich hier erzählt über einen großen Mann, der Kinder entführt. Als dann der kleine David verschwindet, versucht die verzweifelte Mutter sich dieser Legende zu stellen und alles, um ihr Kind zurückzubekommen.

Was für ein Klischee, so einen Film kenne ich doch …

Nein, ich darf nicht mehr erzählen, was im Film passiert. Der Film unternimmt auf halbe Strecke eine wirklich vollkommen unerwartete und großartige Wendung, die man einfach nicht spoilern darf. Vielleicht nur so viel: das ist nicht die typische Geschichte vom Boogey-Man …

Ich jedenfalls saß mit offenen Mund im Kino, war vollkommen irritiert, bis sich in meinen Kopf das Puzzle endlich wieder richtig zusammengefügt hat. Und dafür liebe ich diesen Film jetzt bereits, denn mittlerweile überraschen mich nur noch wenige Filme wirklich.

Dazu kommt die wirklich gelungene eingefangene Atmosphäre im Film, die tiefen urigen Wälder Washingtons, die verlassenen und verfallenen Häuser, sowie die wirklich großartig spielende Jessica Biel („Texas Chainsaw Massacre“) in der Hauptrolle.

Meine Mit-Cineasten waren ebenfalls sehr angetan, bemängelten aber den etwas langgezogenen Schluss, der etwas zuviel erklärte. Ich hatte damit weniger ein Problem, für mich ist der Film eindeutig bisher ein Highlight des Festivals.

„The Tall Man“ (2012)

Regie: Pascal Laugier

Darsteller: Jessica BielJodelle FerlandStephen McHattieWilliam B. Davis

Kommt er ins reguläre Kino? Leider gibt es bisher keinen Termin für Deutschland. Sollte er aber. Auf jeden Fall.

★★★★★

FFF 2012: „Sushi Girl“

Eigentlich hatte ich ja für gepflegte niveaulose Unterhaltung im neuen „Universal Soldier“-Sequel plädiert, wurde dann aber von meinen Mitgehern überstimmt. Aber warum auch nicht, so gerate ich immer mal wieder an sehr gute Filme, auf die mein Radar aus irgendwelchen Gründen nicht anspringt beim Festival.

Diesmal hätte ich auf mein Radar hören sollen.

Es ist angerichtet.

Gut, eigentlich hat „Sushi Girl“ alles, was ein ordentlicher Actionkracher in der Schule von Tarantino und Co. bieten sollte. Gut abgehangene Altstars wie Tony Todd, Michael Biehn, Jeff Fahey Mark Hamill und Danny Trejo. Und als Bonbon sogar ein Widersehen mit dem Kinderstar Noah Hathaway aus der „Unendlichen Geschichte“.

Dazu ein sehr leckeres Thema: Nach sechs Jahren treffen sich die Mitglieder eines Raubzuges wieder um herauszufinden, wer die Beute damals unterschlagen hat. Im Rahmen eines Sushi-Buffets, das auf einem nackten Mädchen (Cortney Palm) serviert wird, nähern sie sich Bissen für Bissen der Wahrheit.

Bäh!

Vielleicht liegt es daran, dass ich Sushi nicht wirklich mag, aber der Film hat nach einigen tollen Szenen, in denen vor allen der kaum wiederzuerkennende Mark Hamill noch glänzt (Wirklich? Das war mal Luke Skywalker?), nur noch wenig zu bieten. Klar, der Film will sich an „Kill Bill“ anlehnen, ohne aber ansatzweise in dessen Qualität vorzudringen. Anstatt eines interessanten psychologischen Kammerspiels, oder eine knallharten Actiongeschichte gibt es vor allem ekligen „Torture Porn“, der noch nicht einmal mit irgendwelchen Innovationen glänzt. Eine berechenbare Wendung plus eine weitere ziemlich halbgare ist alles, was zu diesem Buffet gereicht wird.

Letztlich bleibt ein fragwürdiges Grummeln im Magen zurück.

„Sushi Girl“ (2012)

Darsteller: Tony Todd, James Duval, Noah Hathaway, Andy Mackenzie, Mark Hamill, Cortney Palm.

Leider nur viel zu kurz zu sehen: Jeff Fahey, Danny Trejo.

Regie: Kern Saxton

★★☆☆☆

Fantasy Filmfest 2012: Der Plan

Wie in den letzten Jahren auch, werden wir auch dieses Jahr auf dem Fantasy Filmfest in Hamburg versumpfen. Für dieses Jahr haben wir uns sechs Filme vorgenommen.

Wie gehabt werde ich versuchen, zu jeden der Filme kurz nachher hier im Blog eine Rezi zu hinterlassen.

Hier schon einmal der erste Eindruck von unserer diesjährigen Auslese:

Donnerstag, 23. August

„The Tall Man“ klingt irgendwie sehr nach Alltags-Horror-Kost, bedient zumindest im Trailer alle Klischees. Allerdings hieß es in der Vorberichterstattung, dass hier mitten im Film eine 180°-Wende passieren soll und etwas völlig unerwartetes eintritt – man am Besten gar nichts weiteres über den Film erfahren soll. Und ich mag ja Überraschungen!

In „Sushi Girl“ hat mich Andi gezogen, der Trailer hat mich ehrlicherweise etwas kalt gelassen. Ich hatte ja eigentlich für den x-ten „Universal Soldier“-Aufguss plädiert, „Universal Soldier – Day of Reckoning 3D“, allerdings hat sich da Jörg pauschal geweigert, so dass wir nun statt den alten Haudegen Jean-Claude van Damme und Dolph Lundgren die alten Haudegen Michael Biehn, Dann Trejo, Tony Todd und Noah Hathaway anschauen. Ja, genau jener Noah Hathaway, der mir in früher Jugend einst klar gemacht hat, dass Verfilmungen von geliebten Büchern in der Regel schief gehen.

Sonntag, 26. August

Das Centerpiece des Fantasy Filmfests ist dieses Jahr „Chained“ von Jennifer Lynch. Vincent D’Onofrio als Serienkiller, der sich aus einem Opfer einen Nachfolger heranzüchtet klingt einfach sehr spannend.

Danach könnte „God Bless America“ den illegitimen Nachfolger vom letztjährigen Highlight „Super“ stellen – oder einfach nur „Kick Ass“ nachäffen (was aber auch nicht schlecht wäre).

Montag, 27. August

Das Highlight erwarte ich am Montag mit „Beasts of the Southern Wild“. Der Film hat bereits Cannes und Sundance erobert und klingt einfach soweit ab vom herkömmlichen Film, dass hier vielleicht wieder genau der Zauber entzündet werden könnte, den ich am Kino so liebe. Die Kritiken lassen jedenfalls auf viel hoffen.

Danach noch ein letzter Absacker: „The Ghostmaker“ (aka „Box of Shadows“) eine Horror-Komödie, die vom Thema erstmal sehr an „Flatliners“ erinnert. Das kann alles werden: sowohl herrlich komisch, als auch einfach flach und blöde. Ich bleibe erstmal optimistisch, und selbst wenn, ein wenig Trash gehört zum Fantasy Filmfest einfach dazu.

Alle Filme und Termine gibt es wie immer auf der Homepage des Festivals.