Dänische Jugendfantasy: „Hüterin der Wahrheit – Dinas Bestimmung“

Dina (Rebecca Emilie Sattrup) ist ein junges, elfjähriges Mädchen, das von all den anderen Kindern ihres Ortes verabscheut wird – denn Dina ist als Tochter einer „Beschämerin“ selbst mit dieser außergewöhnlichen Gabe versehen, die bei direktem Blickkontakt all die Erinnerungen in einem Menschen hervorruft, für dass dieser sich schämt. Für viele sind Dina und ihre Mutter (Maria Bonnevie) daher Hexen, vor denen sie Angst haben.

Als dann aber nahezu die gesamte Familie des Königs ermordet wird, wird erst Dinas Mutter und dann Dina selbst an den Königshof gebracht, um dem einzigen Verdächtigen, dem jungen Prinzen Nicodemus (Jakob Oftebro, „Kon Tiki“), in die Augen zu schauen um dessen Schuld festzustellen. Doch beide stellen bald fest, dass er zwar vieles hat, für dass er sich schämt – aber seine Familie nicht umgebracht hat. Das reicht aber Drakan (Peter Plaugborg, Mini-Serie „1864“) nicht – der offenbar selbst Ambitionen für den Thron hegt und nun Dina in große Gefahr bringt, denn Drakan trinkt das Blut von Drachen und wird dadurch nahezu unbesiegbar …

Dina versucht mit kurzen Haaren unterzutauchen (Rebecca Emilie Sattrup, Foto: Polyband)
Dina versucht mit kurzen Haaren unterzutauchen (Rebecca Emilie Sattrup, Foto: Polyband Medien GmbH)

Eine Fortsetzung im zweiten Teil?

Der Film bietet neben einer tollen Ausstattung in vielen alten Gemäuer – die rund um Prag gefunden wurden, also eigentlich gar nicht dänisch sind – eine durchaus gelungene Geschichte für etwas ältere Kinder mit einer tollen jungen Darstellerin und überraschend guten Effekten – auch wenn die Drachen vielleicht etwas bedrohlicher hätten wirken könnten und den Charakteren bisweilen etwas Tiefe fehlte.

„Die Hüterin der Wahrheit“ ist dabei die aufwendig inszenierte dänische Filmproduktion eines Jugendbuches der Dänin Lene Kaaberbøl, das bereits 2007 in Deutschland als „Dina in der Drachenburg“ erschienen war und mittlerweile als Film-Tie-In auch unter dem Titel „Hüterin der Wahrheit“ neu als Taschenbuch aufgelegt wurde.

Prinz Nicodemus soll um seinen Thron gebracht werden (Jakob Oftebro, Foto: Polyband Medien GmbH)
Prinz Nicodemus soll um seinen Thron gebracht werden (Jakob Oftebro, Foto: Polyband Medien GmbH)

Irritierend ist aber ein doch sehr offenes Ende des Films, zumal der (deutsche) Zuschauer auch nicht darauf hingewiesen wird, dass die Verfilmung nur der erste Teil der vierteiligen Jugendbuchreihe „Skammerens Datter“ (~ „Beschämerins Tochter“) ist, das noch aus den Büchern „Skammertegnet“ (~ „Das Schamzeichen“), „Slangens Gave“ (~ „Geschenk der Schlange“) und dem Abschlussband „Skammer Krigen“ (~ „Die Schamkriege“) besteht. Ob auch die weiteren Bücher verfilmt werden, konnte ich leider auch nach einiger Recherche mit meinen bescheidenen Dänischkenntnissen nicht in Erfahrung bringen. Auch ist bisher leider nur der erste Teil der Bücher auf Deutsch bei Carlsen erschienen, immerhin sind diese auf Englisch erschienen („Shamer Chronicles“), allerdings größtenteils nur noch antiquarisch zu bekommen, so dass es, sollte es keine Fortsetzung geben, schwierig wird, die weitere Geschichte zu erfahren.

Der Bösewicht in diesem Stück (Peter Plaugborg, Foto: Polyband Medien GmbH)
Der Bösewicht in diesem Stück (Peter Plaugborg, Foto: Polyband Medien GmbH)

Grundlagen für Fortsetzungen sind jedenfalls viele gelegt worden, der Film lockte in Deutschland bei einem kurzen Kinogastspiel im März 2016 nur etwas über viertausend Zuschauer an und verschwand nach nur einer Woche wieder aus den Sälen. In Dänemark lief er naturgemäß deutlich besser und lockte über 125 Tausend Besucher in die „Biografen“ (Kinos) und holte auch fünf „Roberts“ (dänischer Film- und Fernsehpreis).

Ob bei diesen Einspielergebnissen eine Fortsetzung des 7,5 Mio. Euro teuren Films möglich sein wird, ist zumindest fraglich – aber wünschenswert, denn der Film strahlt einen skandinavischen Fantasy-Charme aus, den zuletzt die Verfilmung von „Ronja Räubertochter“ hatte.


Update März 2017: 

Aufgrund des Feedbacks einer Leserin aus Wien habe ich nochmal neu in der der dänischen Wikipedia geguckt, und siehe da:

„Sattrup havde allerede i marts 2015 undskrevet en kontrakt på at lave en fortsættelse af filmen. Skammerens Datter 2, som bliver en filmatisering af bogen Skammertegnet fra 2001, er sat til at få premiere i 2018.“

Schnell von mir übersetzt:

„Sattrup hat bereits im März 2015 einen Vertrag für die Fortsetzung unterschrieben. Skammerens Datter 2, eine Adaption des Buchs Skammertegnet von 2001, soll 2018 Premiere feiern.“

Wir können also gespannt sein!


„Die Hüterin der Wahrheit – Dinas Bestimmung“ („Skammerens Datter“, DK 2015)

Regie: Kenneth Kainz

Buch: Anders Thomas Jensen und Lene Kaaberbøl

Darsteller: Rebecca Emilie Sattrup, Jakob Oftebro, Søren Malling, Maria Bonnevie, Stina Ekblad, Peter Plaugborg

Score: Jeppe Kaas („Adams Äpfel“, „Headhunters“)

Extras: Interviews mit Darsteller und Crew, Behind-the-Scenes, Trailer (auch in Original)

Rollenspiel-Inspirationsfaktor: Gerade für Kinder ein toller Einstieg in eine Fantasy-Welt.

www.diehueterinderwahrheit.de

★★★★

„Die Hüterin der Wahrheit – Dinas Bestimmung“ erscheint am 26.08.2016 bei Polyband auf DVD und Blu-ray. Offenlegung: Ich habe die Blu-ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.

Umkommen in der Kolonne

Kritik: „Fast Convoy – Tödlicher Transport“

Ein Auto-Convoy mit mehreren, teilweise noch blauäugigen Nachwuchsgangstern schmuggelt neben etlichen Kilo Marihuana im Kofferraum auch 7 Kilo Koks von Malaga nach Frankreich.

Coole Jungs schauen nicht auf das brennende Auto (Foto: Ascot Elite)
Coole Jungs schauen nicht auf das brennende Auto (Foto: Ascot Elite)

Keine gute Idee, denn schon bald häufen sich die Probleme, bereits an der ersten Grenze geraten sie in eine Polizeikontrolle, sie verlieren ein Auto und kidnappen auf dem Weg die Touristin Nadia (Reem Kherici). Und dann heftet sich auch noch eine rivalisierende Gang an ihre Fersen …

Style vor Substanz

Wenn man das französische Kino denkt, fallen einen zunächst immer die charmanten Liebeskomödien ein, aber auch im Genre-Kino hat unser Nachbarland tatsächlich einiges zu bieten. Regisseur Frédéric Schoendoerffer hat beispielsweise schon einige Erfahrung in dem Bereich der Action-Thriller vorzuweisen, und seine Filme sind durchaus cool – bei  „Fast Convoy“ verliert er sich aber leider in einer Coolness-Falle.

Alex (Benoît Magimel) trägt natürlich eine Sonnenbrille (Foto: Ascot Elite)
Alex (Benoît Magimel) trägt natürlich eine Sonnenbrille (Foto: Ascot Elite)
David Caruso Meme

Vor allen die Farbkorrektur des Filmmaterials ist deutlich überzogen: Am Anfang tüncht er die Fahrt durch Spanien in ein extrem gelb-orangenes Bild, dann in der Nacht wechselt er auf ein grelles Neon-Cyan und am Morgen in ein quietschiges Blau. Das machen zwar andere Filme auch, aber in der Regel dezenter. Hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er zu tief in die Style-Kiste von den C.S.I.-Serien gegriffen hat, die ebenfalls stark mit Farbverfälschungen spielten. Passenderweise trägt einer der Hauptdarsteller des Films, Benoît Magimel, auch streckenweise eine coole David Caruso-Gedächtnissonnenbrille.

Ansonsten bietet Film dennoch solide Actionkost. Und der Fokus unterscheidet sich von anderen Filmen insofern, als dass er sich nahezu ausschließlich auf die Schmuggler konzentriert und während des Filmes mit Full-Speed unterwegs bleibt. Leider bleiben die einzelnen Charaktere dennoch auch bei all der Farbtüncherei reichlich farblos. Und da er ein recht großes Ensemble am Anfang auffahren lässt, steht schnell fest, dass hier ein Protagonist nach dem anderen ausgeschaltet werden wird, und so bietet der Film wenig Überraschungen. Aber viel Coolness.

Selbst das Blu-Ray-Cover von „Fast Convoy – Tödlicher Transport“ bedient das typische coole Silhoutte mit Foto-Overlay-Motiv (Ascot Elite)
Selbst das Blu-Ray-Cover von „Fast Convoy – Tödlicher Transport“ bedient das typische coole Silhoutte mit Foto-Overlay-Motiv (Ascot Elite)

„Fast Convoy“ („Le convoi“, F 2016)

Regie: Frédéric Schoendoerffer

Buch: Yann Brion, Frédéric Schoendoerffer

Darsteller: Benoît Magimel, Reem Kherici, Tewfik Jallab

Extras: Trailer (OV, DE), Making-Of (OmU)

★★★☆☆

„Fast Convoy – Tödlicher Transport“ erschien am 22.07.2016 bei Ascot Elite Home Entertainment auf DVD und Blu-ray. Offenlegung: Ich habe die Blu-ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.

Ein Retro-SciFi-Zeitreise-Thriller – Kritik: „Synchonicity“

Jim Beale (Chad McKnight, „The Signal“) ist brillanter Physiker und steht kurz davor, einen Ausgang in ein Wurmloch zu öffnen. Theoretisch muss er einige Tage später erneut das extrem teure Experiment nachholen, um so den Eingang zu schaffen. Vermutlich wird er das aber geschafft haben oder schaffen werden, denn er findet eine seltene Dahlie wieder, die offenbar er oder jemand anders in die Vergangenheit, also seine Gegenwart, geschickt hat.

Chuck ist etwas verwirrt von den Absichten von Jim (AJ Bowen und Chad McKnight, Foto: Pandastorm Pictures)
Chuck ist etwas verwirrt von den Absichten von Jim (AJ Bowen und Chad McKnight, Foto: Pandastorm Pictures)

Um das Ganze zu finanzieren ist aber die Unterstützung des reichen Geldgebers Klaus Meisner (Michael Ironside, „Starship Troopers“) notwendig, der eine Mätresse namens Abby (Brianne Davis, „Jarhead“) hat, in ausgerechnet die sich Jim spontan verschossen hat – und die auch das Pendant der Dahlie besitzt. Dazu kommen aber auch noch seltsame Kopfschmerzattacken und ein etwas eigentümliches Verhalten von Jims beiden Forschungskollegen Chuck und Matty ihm gegenüber. Langsam gärt in Jim der Verdacht, dass die blonde Schönheit Abby vielleicht doch nur eine Femme Fatale war, welche ihm seine Erfindung für Meisner abspenstig machen sollte. Jim beschließt, selbst in die Vergangenheit zu reisen …

Zeitreisefilme garantieren gerne einiges an Hirnakrobatik und dieser Indie-Film ist da keine Ausnahme. Den Autoren ist eine in sich einigermaßen logische Zeitreiseschleife gelungen, die sich lange genug an den gängigen Tropes langhangelt, um dann doch noch den einen oder anderen überraschenden Haken am Ende zu schlagen. Daneben bedient er sich einer retro-futuristischen Szenerie die zusammen mit dem 80er-Synthesizer-Score angenehm an „Blade Runner“ erinnert.

Nur der Investor Klaus Meisner ermöglicht den Zugriff auf das nötige Material (Michael Ironside, Foto: Pandastorm Pictures)
Nur der Investor Klaus Meisner ermöglicht den Zugriff auf das nötige Material (Michael Ironside, Foto: Pandastorm Pictures)

Eine kleine Science-Fiction-Perle, die in ihren Dialogen manchmal etwas übertreibt, aber sich insgesamt überraschend gut zu schlagen weiß und wieder einmal zeigt, dass gute Science-Fiction kein Actionfeuerwerk benötigt.

synchronicity_bd_artwork_2d„Synchronicity“ („Synchronicity“, USA 2015)
 
Regie: Jacob Gentry
 
Drehbuch: Jacob Gentry und Alex Orr
 
Darsteller: Chad McKnight, Brianne Davis, AJ Bowen, Scott Poythress, Michael Ironside
 
Extras: Vom Trailer abgesehen keine.
 
Rollenspiel-Inspirationsfaktor: Zeitreisen sind in Rollenspielrunden nur sehr schwer umsetzbar. Aber hier könnte man durchaus sich dafür eine Idee abkupfern.
 
Score: Ebenfalls sehr retro. Angenehm

★★★★

 „Synchronicity“ erschien am 06.05.2016 bei Pandastorm Pictures auf DVD, Blu-ray und als VOD. Offenlegung: Ich habe die Blu-ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.

Einfach nur draufhauen – Kritik: „X-Men: Apocalypse“

Im alten Ägypten ist einer der ersten Mutanten mittlerweile so mächtig geworden, dass er sich mittlerweile selbst als Gott ansieht. Doch Apocalypse (Oscar Isaac, „Inside Llewyn Davis“) kann durch eine Gruppe von Rebellen gestürzt werden, Apocalypse wird unter einer Pyramide begraben. Erst tausende Jahre später, genauer 1983, wird er wieder geweckt und findet sich in einer seltsamen Welt wieder, welche ihn als Gott größtenteils vergessen haben. Daher sucht er sich vier Mutanten-Gefolgsleute, um sich die Welt wieder Untertan zu machen und findet diese in der jugendlichen Taschendiebin Storm (Alexandra Shipp, „Straight Outta Compton“), dem Untergrundkämpfer Angel (Ben Hardy, „Eastenders“), der opportunistischen Psylocke (Olivia Munn, „The Newsroom“) und letztlich auch in Magneto (Michael Fassbender, „MacBeth“), der gerade untergetaucht in Polen versucht, ein normales Familienleben zu führen.

Apocalypse damals. (Foto: 20th Century Fox)
Apocalypse damals. (Foto: 20th Century Fox)

Auf der anderen Seite ist da die Schule von Professor X (James McAvoy, „Der letzte König von Schottland“), welcher zusammen mit Beast (Nicholas Hoult, „About a Boy“) wieder einmal versucht, Mutanten ein Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen, und gerade drei neue integrieren muss: Scott Summers (aka Cyclops, Tye Sheridan, „ Mud“), Jean Grey (Sophie Turner, „Game of Thrones“) und Kurt Wagner (aka Nightcrawler, Kodi Smit-McPhee, „Let Me In“).

Und dann ist da noch Mystique (Jennifer Lawrence, „Tribute von Panem“), welche selbst versucht, Mutanten zu helfen die gefangen worden, sowie Quicksilver (Evan Peters, „American Horror Story“), der mittlerweile erfahren hat, wer sein Vater ist, und diesen endlich damit konfrontieren will, nachdem dieser so lange untergetaucht war.

Der dritte Teil ist immer der schwächste

„Der dritte Teil ist immer der schwächste“ – ein ironischer Seitenhieb der jugendlichen Protagonisten im Film auf das Star Wars-Franchise, der auch als Meta-Kritik über den allseits als schlechtesten dritten Film des X-Men-Franchises, „X-Men: The Last Stand“ verstanden werden kann, gilt letztlich leider auch für den dritten Part der Prequel/Neustart-X-Men-Trilogie („X-Men: First Class“, „X-Men: Days of Future Past“ und nun „X-Men: Apocalypse“). Wenn man es sich leicht machen würde, könnte man den Fehler einfach darin sehen, dass der Film einfach mit Figuren überbevölkert ist. Aber das ist nicht das einzige Problem des Films, wobei dieser Figuren wie Angel noch unrühmlicher verheizt als es schon The Last Stand gemacht hatte – in übrigen macht die neue Zeitlinie mit Angel so überhaupt keinen Sinn mehr, aber das ignorieren wir einfach mal.

Magneto darf im Dreck wühlen (Foto: 20th Century Fox)
Magneto darf im Dreck wühlen (Foto: 20th Century Fox)

Der Film klemmt auch an vielen anderen Stellen: Selbst ein großartiger Charaktermime wie Michael Fassbender vermag es kaum zu kaschieren, dass Magnetos erneutes Abgleiten ins Dunkle durch dessen Trauer, nur um dann wieder einmal bekehrt zu werden, wieder einmal öffentlich reingewaschen zu werden nur um dann wieder abzutauchen, einfach nicht nur schwer, sondern quasi gar nicht nachvollziehbar ist. Dazu zerstört er, mal eben, in einem Anfall von Trauer, Zorn und erwachter neuer Kraft die Gedenkstätte von Auschwitz. Die eigentlich lange vorbereitete Begegnung zwischen Vater und Sohn wird ebenfalls am Rande abgehandelt – Quicksilver hat „mal eben“ von Mama erfahren, dass Magneto sein Vater ist, traut sich dann aber nicht, dies diesem zu offenbaren. Das passt zwar zu Quicksilvers Charakter, aber reduziert die Emotionalität rein auf Lawrences Mystique, ihn zu erreichen.

Mystique und Quicksilver haben beide Ihre Probleme mit Magneto (Jennifer Lawrence und Evan Peters, Foto: 20th Century Fox)
Mystique und Quicksilver haben beide Ihre Probleme mit Magneto (Jennifer Lawrence und Evan Peters, Foto: 20th Century Fox)

Apropos Quicksilver: Abermals darf man eine schöne Szene, diesmal zu einem Eurythmics-Song (wir sind ja in den 80ern mittlerweile), mit ihm in Zeitlupe genießen, abermals bringt diese viel Spaß und wurde mit viel Liebe zum Detail gestaltet, wird aber damit konterkariert, dass der eigentliche Auslöser ein Versehen war, dass Havoc das Leben kostet. Dessen Beziehung zu seinem Bruder, Scott, aka Cyclops, bleibt dann auch  viel zu wenig berücksichtigt, beide dürfen gerade mal einmal gemeinsam Autofahren, danach sind schon ihre gemeinsamen Szenen zu Ende, stattdessen darf sich Scott gleich mit Jean Grey anfreunden.

Charakterentwicklung – Fehlanzeige

Letztlich machen die wenigsten Charaktere wirklich eine Entwicklung durch. Mystique darf lernen, was es heißt, Anführerin und Lehrerin zu werden, und ist vor allen davon überrascht, dass ihr ein solcher Job zusagt. Professor X verliert mal wieder seine Haarpracht und entscheidet sich, eine alte, missglückte Entscheidung zurückzunehmen um so etwas ähnliches wie eine Beziehung zu Moira Taggert zu entwickeln. Beast darf als Q ein paar Sachen bauen und schließlich vergessen, seine praktischen Enthaarungspillen einzunehmen. Und die Nachwuchsgang von Cyclops, Jean Grey und Nightcrawler darf zeigen, dass sie es bereits im Teenie-Alter schon einiges mit dem Kämpfen drauf hat.

Punker-Angel (Ben Hardy, Foto: 20th Century Fox)
Punker-Angel (Ben Hardy, Foto: 20th Century Fox)

Und selbst die Motivation von dem chronisch sich im Stimmbruch befindlich Apocalypse bleibt extrem nebulös. Er will einfach nur alles zerstören um alle zu beherrschen. Basta.

Metal-Angel (Ben Hardy, Foto: 20th Century Fox)
Metal-Angel (Ben Hardy, Foto: 20th Century Fox)

Puh. Ich mag die Filme, vor allen die X-Men-Filme, von Bryan Singer ja eigentlich sehr gerne. Aber dieser ist ähnlich verstopft wie der zweite Avengers-Film „Age of Ultron“. Dass man durchaus die Jonglage von einem breiten Rooster von Superhelden eine kohärente, spannende und interessante Geschichte erzählen kann, beweist ausgerechnet gerade der parallel in den Kinos laufende Marvel-Film „Captain America: Civil War“ – gerade weil man in diesem die Perspektiven aller Kontrahenten so gut nachvollziehen und -empfinden kann. Das fehlt bei „X-Men: Apocalypse“ leider. Und so bleiben es die Kleinigkeiten, die das Comic-Fan-Herz aufgehen lässt (vor allen der erneute Auftritt des Weapon X-Projekts und die an die Comics angelehnten Anzüge von Cyclops und Co. am Ende), die den Film aber nicht aus der Mittelmäßigkeit herausheben. Leider.

„X-Men Apocalypse“ (USA 2016)

Regie: Bryan Singer

Buch: Simon Kinberg (Drehbuch) und Bryan Singer (Story)

Darsteller: James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, Nicholas Hoult, Oscar Isaac, Rose Byrne, Evan Peters, Sophie Turner, Tye Sheridan, Lucas Till, Kodi Smith-McPhee, Alexandra Shipp

Rollenspiel-Inspirationsfaktor: Durchaus gegeben. Vielleicht kann man mit vier apokalyptischen Reitern ja mal kreatives machen …

Score: Solide, fügt aber keine wirklich neue Akzente hinzu, man freut sich aber über das alte X-Men-Filmthema.

★★★☆☆

„X-Men: Apocalypse“ läuft ab dem 19. Mai in unseren Lichtspielhäusern.

Eine Einladung, die man ablehnen sollte – Kritik: „The Invitation“

Jahre nach dem Tod ihres gemeinsamen Sohn, lädt Eden (Tammy Blanchard), die sich nach dem tragischen Erlebnis isoliert hatte, plötzlich ihren Ex Will (Logan Marshall-Green) zu einer Dinner-Party ein. Eden präsentiert sich dabei als vollkommen ausgewechselter, neuer Mensch und möchte sich offenbar mit ihm aussöhnen. Und überraschenderweise präsentiert sie auch ihren neuen Ehemann (Michiel Huisman).

Einfach nur eine Dinner-Party, oder? (Von links nach rechts: Jordi Vilasuso, Logan Marshall-Green, Emayatzy Corinealdi, Tammy Blanchard, Michiel Huisman. Foto: Pandastorm Pictures)
Einfach nur eine Dinner-Party, oder? (Von links nach rechts: Jordi Vilasuso, Logan Marshall-Green, Emayatzy Corinealdi, Tammy Blanchard, Michiel Huisman. Foto: Pandastorm Pictures)

Stück für Stück passieren aber seltsame Ereignisse bei dieser Party in einem Haus, das Will von früher noch kennt, langsam gedeiht ein unheimlicher Verdacht in ihm und dann gehen einige Dinge furchtbar schief …

Horror-Kammerspiel bei der Ex

Im Theater gibt es die Tradition des Kammerspiels, das auf beengtem Raum einen großen Wert auf die Charakterdarstellung der in der Regel sehr übersichtlichen Zahl der Schauspieler legt. Bereits zu Stummfilm-Zeiten gab es die ersten Kammerspielfilme, großartige Beispiele wie Polanskis „Der Gott des Gemetzels“ setzen diese Tradition heute noch weiter fort.

Ein Kammerspiel im übernatürlichen bzw. Horror-Rahmen ist weit seltener anzutreffen, aber es gibt auch hier ein paar Ausnahmen, besonders positiv zu Nennen wäre das großartige „The Man From Earth“. Auch „The Invitation“ gibt sich mit einem sehr kleinen Rahmen zufrieden – schafft es aber nicht einmal, diesen sinnvoll zu füllen.

Ist es ein Spoiler zu zeigen, dass ein Messer gezückt wird? (Foto: Pandastorm Pictures)
Ist es ein Spoiler zu zeigen, dass ein Messer gezückt wird? (Foto: Pandastorm Pictures)

Viel Potenzial wird einfach verschenkt, lange spielt der Film mit der Ungewissheit, ob sich Will Vieles einfach nur einbildet, es gibt Anlass zum Zweifeln, um dann doch wieder etwas zu bestätigen, und es gleich wieder zu verwerfen. Das ermüdet mit der Zeit und wird viel zu lange in langatmigen Dialogen ersäuft, welche viele Genrefreude komplett verschrecken wird. Als dann schließlich der Film zum Ende hin endlich kippt, haben diese sicher schon lange aufgegeben.

„The Invitation“ (USA 2015)

Regie: Karyn Kusama

Drehbuch: Phil Hay, Matt Manfredi

Darsteller: Logan Marshall-Green, Tammy Blanchard, Michiel Huisman, Emayatzy Corinealdi

★★☆☆☆

Ein norddeutscher Heist im Kino: „Schrotten!“

Der erste Langfilm des Studenten-Oscar-Kurzfilm-Gewinners Max Zähle ist alles andere als schrottreif.

Die Talhammers sind seit vielen Generationen Schrotthändler, die mehr oder weniger legal sich mit dem Müll anderer Leute ihr Leben verdingen. Als bei dem Diebstahl von Bahnschienen der Patriach Fiete Thalhammer umkommt, fällt der Schrottplatz nicht nur an dessen Sohn Letscho (Frederick Lau, „Victoria“) sondern auch an dessen Bruder Mirco (Lucas Gregorowicz, „Lammbock“). Mirco hatte sich vor einigen Jahren von seiner Familie und dem Familiengeschäft entfremdet, ist aber auch nicht gerade auf dem rechtschaffenden Pfad geblieben – er verdingt sich als Verkäufer in einem undurchsichtigen Versicherungsschneeballsystem in Hamburg.

Mirco will alles, nur nicht zurück in das Familiengeschäft, weswegen ihn das Angebot des Konkurrenten Kercher (Jan-Gregor Kremp, „Der Alte“) durchaus attraktiv erscheint – schließlich hat er selbst noch einige Schulden in dem Schneeballsystem offenstehen. Er willigt zunächst ein, auch Letscho davon zu überzeugen, zu verkaufen, der jedoch davon rein gar nichts hören will. Stattdessen hat dieser vor, Kercher um einiges Kupfer-Altmetall zu erleichtern – mit einem aberwitzigen Plan …

Mirco hat den Plan gefunden (Foto: Port au Prince Pictures GmbH)
Mirco hat den Plan gefunden (Foto: Port au Prince Pictures GmbH)

Wir können noch Kino

Was als klassischer Streit zweier Brüder um ein Erbe beginnt, wandelt sich recht schnell zu einen erstklassigen Heist-Film. Das Spielfilmdebüt von Max Zähle ist wirklich brillant inszeniert, mit viel Humor und Spannung erzählt und bringt gleichzeitig noch einiges an sympathischen norddeutsches Flair mit sich (es wurden viele Szenen in der Altstadt von Celle, der Heimatstadt des Regisseurs und in der Heide gedreht). Auch wenn man von der Prämisse eigentlich nicht viel erwartet, so ist es doch ein unheimlich starkes Ensemble in einem ungewöhnlichen Umfeld der Schrottsammler, welche einen unglaublichen Charme versprühen. Eigentlich würde man bei diesen Figuren viel mehr Zeit verbringen wollen als nur die eine Stunde und 38 Minuten des Films.

Sympathisch aber nicht unbedingt die hellsten: Letscho, Träumchen und Schmied (Frederick Lau, Lars Rudolph und Heiko Pinkowski; Foto: Port au Prince Pictures GmbH)
Sympathisch aber nicht unbedingt die hellsten: Letscho, Träumchen und Schmied (Frederick Lau, Lars Rudolph und Heiko Pinkowski; Foto: Port au Prince Pictures GmbH)

Wenn dann auch noch der allgemein tolle Score von „Schrotten!“ sein schönes Thema einmal zur Seite stellt und in einem katharsischen Ringkampf beider Brüder plötzlich der sanfte Indie-Folk „Hey Now“ von Hillburn gespielt wird, sollte auch dem letzten klar werden: Wir haben hier einen Nachwuchsregisseur gefunden, den man unbedingt beobachten sollte.

schrotten_plakatA0_160304_RZ_ZW.indd„Schrotten!“ (D 2016)

Buch & Regie: Max Zähle

Darsteller: Lucas Gregorowicz,Frederick Lau, Anna Bederke, Lars Rudolph, Heiko Pinkowski, Jan-Gregor Kremp

Score: Äußerst lohnenswert mit einem schönen, oft wiederkehrenden aber nie nervenden zentralen Thema von Zimmer mit Aussicht.

★★★★★

„Schrotten!“ startet am 5. Mai 2016 in unseren Lichtspielhäusern.

Brillanter Britpop-Bösewicht: „Kill Your Friends“

Steven Stellfox (Nicholas Hoult, „Warm Bodies“) ist aufstrebender A&R-Manager im britischen Musikbusiness der 90er – und ein Soziopath, der für seine Karriere alles zu geben bereit ist. Als er bei einer von ihm schon fest eingeplanten Beförderung übergangen wird, greift er sogar zum Mord an seinem Rivalen Waters (James Corden, aktueller „Late Late Show“-Host, mit extrem verstellender langen Matte).

Immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding am Britpop-Himmel (Nicholas Hoult, Foto: Ascot Elite)
Immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding am Britpop-Himmel (Nicholas Hoult, Foto: Ascot Elite)

Während er weiterhin versucht, das nächste große Musikwunder zu finden, muss er nun auch noch die heiße Spur zu ihm vertuschen. Doch auch die Anforderungen im Job werden immer schwieriger, selbst wenn er wie der Rest der Branche sich mit Drogen und Sex über Wasser hält …

Der Boom des Britpop

In den 90ern war Britpop das große Ding in der Musik – und es war eine Zeit, als mich neue Musik wirklich noch interessierte und ich regelmäßig MTV Europe geschaut habe (bis es 1997 erst regionalisiert und dann entgültig mit Reality-Shows verwässert wurde). Entsprechend hoch ist auch zumindest für mich der Wiedererkennungeffekt im Soundtrack, bei dem sich nicht nur Blur und Oasis die Klinke in die Hand geben.

Für die etwas jüngeren unter uns: 1997, dem Jahr in dem der Film angesiedelt ist, hatte man noch keine Musikflatrates, sondern kaufte sich noch CDs oder Mix-Tapes mit dem superteuren CD-Brenner. Die Musikbranche war tatsächlich noch ein Millionen-Business, und die dargestellte Manie des Films mit den Drogenexzessen ist daher durchaus zu vielen Teilen glaubhaft.

Etwas selten für einen Musikfilm: Bandauftritte (Foto: Ascot Elite)
Etwas selten für einen Musikfilm: Bandauftritte (Foto: Ascot Elite)

Der Film ist eine zynische Beobachtung der Musikbranche (inkl. eines absurd-komischen Gastauftritts von Moritz Bleibtreu als Deutscher Technopapst, s. u.), in welcher der Hauptcharakter gerne mal die vierte Wand durchbricht, direkt zum Publikum spricht und seine machiavellischen Handlungen in der Art eines Frank Underwoods kommentiert.

Der Balanceakt zwischen „American Psycho“ und „The Wolf of Wall Street“ gelingt zwar nicht in allen Aspekten perfekt, unterhält aber und wird durch das fantastische Spiel von Nicholas Hoult zu einer unerwarteten Qualität geführt.

Schönes Detail am Rande: Die Blu-ray-Scheibe ist tatsächlich als güldene Schallplatte gestaltet.

Cover „Kill Your Friends“ (Ascot Elite)
Cover „Kill Your Friends“ (Ascot Elite)

„Kill Your Friends“ (UK 2015)

Regie: Owen Harris

Drehbuch: John Niven (Roman)

Darsteller: Nicholas Hoult, Craig Roberts, James Corden, Ed Skrein

Extras: Trailer, Interviews mit Darstellern, Regisseur und Produzenten, B-Roll, zwei Interviews mit Moritz Bleibtreu auf dem Zurich Filmfestival

★★★★

„Kill Your Friends“ erscheint am 18.03.2016 bei Ascot Elite auf DVD und Blu-ray. Offenlegung: Ich habe die Blu-ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.

Bonustracks

Zwei „Musikvideos“ wurden zu den fiktiven Bands aus dem Film produziert, zum einen die Girlband Songbirds mit dem Hit „Sun Goes Down“:

und zum anderen Moritz Bleibtreus Auftritt in der Techno-Band Doof mit sicherlich völlig jugend- und talentfreien „Suck my Dick“:

Vom Oscar zu Unrecht ignoriert: „Sicario“

Im Kampf gegen den Drogenschmuggel an der Grenze zu Mexiko wird die Ethik einer FBI-Agentin auf harte Proben gestellt.

Es gab 2015 zwei Filme, die ich als äußerst sehenswert und beeindruckend empfand, aber die von den Oscars (nahezu) komplett ignoriert wurden: „MacBeth“ und „Sicario“. Letzterer ist mittlerweile auf Blu-ray erschienen, dazu kommt hier ein später Review:

Gewalt an der mexikanischen Grenze zur USA

„Sicario“ wird in Mexiko als Bezeichnung für „Auftragskiller“ verwendet. Dies wird am Anfang des Films in einer kurzen Einblendung erklärt und gerät dann im folgenden Film schnell in Vergessenheit. Das ist aber auch wenig überraschend, wird man doch schnell in einen Strudel der Gewalt an der Grenze der USA zu Mexiko gezogen, der mit der Entdeckung dutzender eingemauerter Leichen in einem Haus durch das FBI beginnt.

Kate Macer (Emily Blunt) und Reggie (Daniel Kaluuya) nach einem harten Einsatz (Foto: Studiocanal)
Kate Macer (Emily Blunt) und Reggie (Daniel Kaluuya) nach einem harten Einsatz (Foto: Studiocanal)

Die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt, „Edge of Tomorrow“) ist von der Entdeckung erschüttert und stimmt daher zu, einer Einsatztruppe der CIA beizutreten, die das Übel an der vermeintlichen Wurzel packen möchte: dem mexikanischen Drogen-Kartell-Boss Manuel Diaz.

Der mysteriöse Profi Alejandro (Benicio Del Toro, Foto: Studiocanal)
Der mysteriöse Profi Alejandro (Benicio Del Toro, Foto: Studiocanal)

Die CIA ist auf Macers Kooperation angewiesen, kann sie aufgrund der Gesetze der USA nicht auf heimischen Grund und Boden tätig werden. Dennoch wird Kate von CIA-Agent Matt Graver (Josh Brolin, „No Country for Old Men“) über die genauen Vorgänge erstmal lange im Dunkel gelassen, sie bekommt kaum Erklärungen und auch der an die Taskforce teilnehmende kolumbianische Staatsanwalt Alejandro (Benicio del Toro) ist ihr zunächst ein Buch mit sieben Siegeln.

Doch Kate kommt gar nicht dazu, viele Fragen zu stellen, wird sie doch schnell in die Handlung hereingeworfen: Bei einem Gefangentransport in die USA nutzt das Kartell den Stau vor der Grenze aus, um einen Angriff zu starten …

Warum hätte der Film einen Oscar verdient gehabt?

Genauso wie Kate wird auch der Zuschauer lange im Dunkeln gelassen, was der Hintergrund von all dem ist, dem er gerade auf der Leinwand beiwohnt. Mühsam kann man einzelne Puzzleteile ausmachen und sich ein Bild zusammenbasteln, bei dem moralische Fragen immer ein Grundthema stellen: Wie weit darf man gehen bei dem Versuch, die USA vor all den Drogen und auch der Gewalt zu schützen?

Neben der spannenden wie auch aktuellen Geschichte sind es vor allen die schauspielerischen Leistungen von Blunt und del Toro, welche den Film auf ein noch höheres Level hieven und zu einem der Besten des Jahrgangs von 2015 machen. Und der Film behandelt ein hartes Thema, das die Oscar-Jury ansonsten doch sehr gerne berücksichtigt.

Beispiel für das beeindruckende Kameraspiel mit Licht und Schatten (Foto: Studiocanal)
Beispiel für das beeindruckende Kameraspiel mit Licht und Schatten (Foto: Studiocanal)

Letztlich bekam er „nur“ drei Nominierungen. Zum einen für die beste Kamera, welche zum dritten Mal in Folge Emmanuel Lubezki abgraste, zum anderen für den besten Tonschnitt bei dem „Mad Max: Fury Road“ das Rennen machte und letztlich für den besten Soundtrack (Score), bei dem die Academy aber die unausschlagbare Gelegenheit bekam, Ennio Morricone endlich einmal auszuzeichnen.

Dabei ist gerade auch der Score von Jóhann Jóhannsson („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) bemerkenswert beklemmend, mechanisch und gewaltig und unterstreicht so die aufgehitzten Einstellungen von Kameramann Roger Deakins („James Bond 007: Skyfall“) perfekt. Auf der Blu-ray kann man sowohl Bild als auch Ton genießen, letzteres sogar im Dolby Atmos-Format.

„Sicario“ ist ein Thriller, dessen knallharte Actionszenen tatsächlich nicht nur aus Schauwerten eingesetzt werden, sondern weit mehr mit sich trägt als man auf den ersten Blick ahnt.

Blu-ray-Cover „Sicario“
Blu-ray-Cover „Sicario“

„Sicario“ (USA 2015)

Regie: Denis Villeneuve

Drehbuch: Taylor Sheridan

Darsteller: Emiliy Blunt, Benicio del Toro, Josh Brolin, Victor Garber, Jon Bernthal

Extras: Featurettes über das visuelle Design, dem Hintergrund von Sicario, die Charaktere und die Filmmusik (OmU)

Score: Beklemmend, mechanisch und gewaltig, zurecht Oscar-nominiert von Jóhann Jóhannsson.

★★★★★

„Sicario“ erschien am 4. Februar 2016 bei Studio Canal auf DVD, Blu-ray und VoD. Offenlegung: Ich habe die Blu-ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.

Ein prüder Sex-Thriller? „Zipper“

Noch herrscht trautes Familienglück (Patrick Wilson und Lena Headey in „Zipper“, Foto: Ascot Elite)
Noch herrscht trautes Familienglück (Patrick Wilson und Lena Headey in „Zipper“, Foto: Ascot Elite)

Sam Ellis (Patrick Wilson, Nite Owl in „Watchmen“) ist ein junger, karriereorientierter Staatsanwalt mit politischen Ambitionen. Durch seinen Job kommt er mit einer professionellen Escort-Agentur in Kontakt und nimmt deren Dienste in Anspruch. Langsam aber sicher verliert er sich in diese Welt, findet gefallen an den sexuellen Eskapaden, trotz der Tatsache, dass er glücklich mit seiner Ehefrau Jeannie (Lena Headey, Cersei Lannister in „Game of Thrones“) verheiratet ist, die für den gemeinsamen Sohn ihre Karriere geopfert hat.

Doch als das FBI der Escort-Agentur auf die Spur kommt, überschlagen sich die Ereignisse und Ellis gefährdet sowohl seine Karriere als Staatswalt, seine politischen Ambitionen und seine Ehe …

Der Versuch eines Sittengemäldes, dass man aus europäischer Sicht nur schwer verstehen mag

Aus europäischer Sicht ist der Film nur zu verstehen, wenn man weiß, dass Prostitution in der USA in nahezu allen Bundesstaaten immer noch strikt verboten ist. Im prüden Amerika ist halt nicht nur das politische Ansehen und die Ehe gefährdet, sondern auch die Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen unter Strafe gestellt – für einen Staatsanwalt ein wahres Minenfeld.

Bei so manchen ergibt sich ein One-Night-Stand auf der Arbeit (Foto: Ascot Elite)
Bei so manchen ergibt sich ein One-Night-Stand auf der Arbeit (Foto: Ascot Elite)

Leider gelingt es der Regisseurin und Autorin des Filmes aber nicht, die Geschichte besonders interessant zu erzählen. Es gibt keine spannende Wendung, und auch das psychologische Profil eines Familienmenschens, der in eine Spirale von sexuellen Eskapaden hineingerät, bleibt fade und größtenteils uninteressant, trotz eigentlich guter darstellerischer Leistung von Wilson. Letztlich ist es aber weder Erotik-Thriller noch Polit-Drama, sondern überraschend fade Kost.

Cover Blu-ray
Cover Blu-ray

„Zipper“ (USA 2015)

Regie und Buch: Mora Stephens

Darsteller: Patrick Wilson, Lena Headey, Richard Dreyfuss

Extras: Deleted Scenes (OV)

★★☆☆☆

„Zipper“ erscheint am 11.03.2016 bei Ascot Elite auf DVD und Blu-ray. Offenlegung: Ich habe die Blu-ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.

„Umrika“ – die Exotik des Fremden einmal umgedreht

Kritik der Blu-ray-Veröffentlichung

Ramas (Suraj Sharma, „Life of Pi“) großer Bruder Udai (Prateik Babbar, „Bombay Diaries“) ist nach Amerika gezogen, als Rama selbst noch ein kleiner Junge war. Seitdem kommen aber regelmäßig Briefe an seine Familie in denen er von der so fremden Kultur in „Umrika“ berichtet, wie das ferne Land auf Hindi genannt wird. Von Zeit zu Zeit schickt er sogar ein paar Geschenke an seine Familie.

Selten kommen auch recht exotische Geschenke aus dem fernen „Umrika“ (Szenenausschnitt von Ascot Elite)
Selten kommen auch recht exotische Geschenke aus dem fernen „Umrika“ (Szenenausschnitt von Ascot Elite)

Für die einfache Landbevölkerung in Ramas Dorf Jitvapur werden diese Briefe bald zu einen großen Höhepunkt, welcher ihr tristes Leben regelmäßig aufhellt, sehr zum Stolz von Ramas Mutter. Doch gerade als Ramas Vater bei einem Unfall stirbt, bleiben die Briefe aus, und so macht sich Rama auf dem Weg, seinen großen Bruder im fernen Umrika zu finden.

Ein zerschlagener Traum von Amerika

Die Idee ist bezaubernd und verheißt eine andere Form von Culture-Clash-Dramedy. Doch auf dem Weg den Mythos Amerika zu entzaubern, verheddert sich der Regisseur leider gelegentlich und die fremde Kulturperspektive gerät lediglich zu einem dekorativen Beiwerk.

Gemeinsames Foto mit dem gesamten Dorf (Szenenausschnitt von Ascot Elite)
Gemeinsames Foto mit dem gesamten Dorf (Szenenausschnitt von Ascot Elite)

Stattdessen fokussiert sich der Film stark auf seine indischen Wurzeln und vor allen auf den großartigen Suraj Sharma, welcher dem Film die Gravitas zurückgibt, welche die Story zwischenzeitlich gelegentlich vermissen lässt.

Blu-ray-Cover von „Umrika“ (Ascot Elite)
Blu-ray-Cover von „Umrika“ (Ascot Elite)

„Umrika“ (IND 2015)

Regie und Buch: Prashant Nair

Darsteller: Suraj Sharma, Tony Revolori, Prateik Babbar, Adil Hussain, Pramod Pathak, Rajesh Tailang, Smita Tambe, Sauraseni Maitra

Extras: Making-of (OmU), Interviews mit Regisseur Prashant Nair und Hauptdarsteller Suraj Sharma (OmU), Deleted Scenes (OmeU)

★★★☆☆

„Umrika“ erscheint am 11.03. bei Ascot Elite auf DVD und Blu-ray. Offenlegung: Ich habe die Blu-ray freundlicherweise als Rezensionsexemplar erhalten.