Über Pen-&-Paper-Rollenspiele und deren Inspirationsquellen

„If Then“ (Gast-Buchrezension)

Im Rahmen der Lesezwinger-Aktion kann man andere Twitter-Nutzer herausfordern, einen bestimmten Stoff zum Lesen vorzuschlagen. Mit-Erfinder Jens (@Myrkvid auf Twitter) hat das vor kurzem wieder getan:

Einer der Vorschläge, die Jens erreicht haben, kam von BPunkt ONI:

Und da Jens kein eigenes Blog hat, sondern nur (unter anderen mit mir zusammen) podcastet, helfe ich ihm natürlich sehr gerne aus.

Hier also seine Rezension:


„If Then“ von Matthew De Abaitua

Das Cover der Print-Version bei Angry Robot Books zeigt einen Soldaten zwischen den Welten. Und ja, der Verlag heißt wirklich so.

James findet einen Soldaten, einen Soldaten aus dem 1. Weltkrieg und er findet ihn in der englischen Kleinstadt Lewes irgendwann in naher Zukunft. James ist der „Bailiff“ dieser Stadt, eine Art Sheriff, der dafür zu sorgen hat, dass die Vorschläge oder besser gesagt Anweisungen des „Process“ umgesetzt werden und es scheint genau dieser „Process“ zu sein, der den Soldaten aus dem 1. Weltkrieg erschaffen hat, aber warum? Und was wissen die Wissenschaftler im Institut?

Der Roman „What If“ des englischen Autors Matthew De Abaitua präsentiert sich mindestens genauso verwirrend wie die vorangegangen Sätze. Der Leser wird mitten hinein geworfen in eine Welt, in der unsere Informationsgesellschaft durch ein Ereignis erschüttert wurde, welches dann auch ganz treffend „Seizure“ genannt wird. Was genau die Natur dieses Ereignisses war, wurde zumindest mir bis zum Schluss nicht ganz klar. „Seizure“ beeinflusste jedenfalls die Informationstechnologie, machte das Internet unbrauchbar und sorgte dafür, dass immer mehr Menschen „nutzlos“ wurden. Was auch immer sie bisher der Gesellschaft zurückgegeben haben, wird von dieser nicht länger gebraucht.

Doch wie die Menschen genau in dieser Post-„Seizure“-Welt leben, erfahren wir nur in kurzen Erinnerungen der Protagonisten, denn die Bürger der Stadt Lewes leben in einer Gesellschaft, die anders ist als die Welt um sie herum. Hier sorgt der Allgegenwärtige „Process“ dafür, dass jeder bekommt, was er braucht. Initiiert und betreut wird dieser „Process“ wiederum von einem Institut, beherbergt in einem großen Landhaus, wo sich einige bizarre Ingenieure und Wissenschaftler herumtreiben. Dort erhalten die Bürger der Stadt in einer Operation auch ein Implantat, mittels dessen der „Process“ ihre Gefühle und Bedürfnisse ermittelt und ihnen dann regelmäßig Ressourcen zuteilt.

Doch diese fast schon kommunistische High-Tech Utopie hat einen Haken. Die Algorithmen des „Process“ ermitteln auch, wer in der Stadt nicht gebraucht wird, wer mit seiner Anwesenheit der Stadt schadet und deshalb nicht länger hier leben kann. Diese Räumungsklagen durchzusetzen, ist die Aufgabe des Bailiff James. Hierzu erhielt er ein ganz spezielles Implantat, mit dem ihn der „Process“ kontrollieren kann und das es ihm ermöglicht, eine Retro-Futuristische Rüstung zu tragen, mit der er die Wünsche des „Process“ auch mit Gewalt durchsetzen kann.

Die Bewohner scheinen sich mit dieser Gesellschaft arrangiert zu haben, die Alternative außerhalb des Projekts zu leben, scheint sehr viel schrecklicher, auch wenn mir beim Lesen leider nicht klar wurde, worin der Schrecken der Außenwelt besteht. Erschüttert wird das Vertrauen in den „Process“ indes im Laufe der weiteren Handlung. Die Anordnung des Rauswurfs einer Familie samt Kindern belastet nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch die Beziehung von James zu seiner Frau Ruth, die als Lehrerin arbeitet. Und dann ist da noch dieser Soldat. Wozu hat der „Process“ einen Soldaten aus dem 1. Weltkrieg erschaffen und hierfür wertvolle Ressourcen verschwendet? Und warum bleibt es nicht bei diesem einen Soldaten? Bald tobt in den Außenbereichen der Stadt eine Schlacht aus dem 1. Weltkrieg, die Schlacht von Gallipoli. James macht sich auf den Weg in diese Schlacht, um eine Antwort zu finden.

Viel mehr will ich hier nicht von der Handlung verraten. Der Roman gliedert sich in zwei Teile, IF und Then. Der erste Teil mit der Beschreibung dieser neuen Gesellschaft hat mir sehr gut gefallen, weil er dem Leser gestattet, eine fremdartige, in Details aber dennoch erschreckend vertraute Welt zu entdecken und er auf beängstigende Weise die Konsequenzen unserer auch heute bereits von „dummen“ Algorithmen gesteuerten Welt zu Ende denkt.

Dann aber habe ich im zweiten Teil, der James Reise in die Kämpfe des 1. Weltkrieges, aber auch die Suche von Ruth nach ihrem Mann schildert, langsam aber sicher das Interesse am Buch verloren. Die Schilderung des Krieges ist gut und intensiv geschrieben, aber nicht das, was mich bis zu diesem Zeitpunkt an der Handlung gefesselt hat. Ich hätte gerne die echte Welt außerhalb des „Process“ kennengelernt oder aber die Welt in ihm besser verstanden. Stattdessen erhielt ich gut geschriebene Erzählungen über die Greul des Krieges, bei denen ich aber, ich gestehe, doch oft nur mehr über die Zeilen geflogen bin, als diese richtig zu verschlingen.

„If Then“ hat mich deshalb, und weil ich die Auflösung der Ereignisse mit dem Motiv des ersten Teil des Buches nicht in Deckung bringen konnte, leider nicht vollständig überzeugt. Dennoch kann ich es empfehlen, denn es ist flüssig, aber in einem durchaus anspruchsvollen Englisch geschrieben und wirft interessante Fragen auf. Fragen die auf einer gesellschaftlichen, aber auch auf einer ganz persönlichen Ebene faszinierend und beängstigend zugleich sind. In den besten Momenten des Buches gelang es mir, mich vollkommen auf die Handlung des Buches einzulassen und seine Vision als reale und wahrscheinliche mögliche Zukunft zu akzeptieren. Dieses Erlebnis war für mich leider mit Durststrecken in der Handlung im zweiten Teil des Buches verbunden. Ich kann dieses Buch allen empfehlen, die an originellen Zukunftsvisionen interessiert sind und genug Durchhaltevermögen mitbringen.

Jens

Jens