Kritik: „Cold in July“ (Fantasy Filmfest 2014)

Dieses Jahr haben wir aus unterschiedlichsten Gründen leider nur zwei Filme beim Fantasy Filmfest realisieren können, und das am neuen Festivalspielort in Hamburg, dem Savoy. Ungewohnt aber toll dort ist, dass man sich nicht eine halbe Stunde vor Filmbeginn bereits die Beine in den Bauch stehen muss, um halbwegs gute Plätze zu erlagen – diesmal reicht es aus, rechtzeitig die Platzreservierungen im Internet vorzunehmen (wobei man da durchaus auch einige Konkurrenz hat). Aber keine lange Vorrede, gleich zum ersten Film.

„Wir hatten uns doch auf Blumendekor fürs Sofa geeinigt!“

Richard Dane (Michael C. Hall) schreckt mitten in der Nacht auf, ein Einbrecher ist in das Haus seiner jungen Familie eingestiegen. Zitternd vor Angst schafft er es kaum, die Pistolenkugeln in seine Knarre einzulegen, die er für solche Zwecke als wehrhafter amerikanischer Staatsbürger natürlich in einem Schuhkarton im Kleiderschrank aufbewahrt. Er ertappt den Einbrecher und in einem Schreckensmoment drückt er ab – und tötet den jungen Mann vor sich.

Fix und fertig mit der Situation muss Richard nun nicht nur verarbeiten, dass er einen Menschen getötet hat, sondern erfährt auch nebenbei, dass der schlechte Apfel wohl nicht weit vom Stamm gefallen ist – der Vater (Sam Shepard) des toten Einbrechers wurde gerade auf Bewährung nach einer langen Haftstrafe freigelassen. Und da auch die Presse gerade über Richard und seine Familie samt Foto groß berichtet hat, ist Richard klar, dass dieser Vater nun auf Rache aus sein wird.

Doch es längst ist nicht alles nicht so klar, wie es lange Zeit scheint. Der Sheriff scheint auch seine eigene Gründe zu haben, warum er Richards Familie als Lockvogel nutzen will, und dann gibt es da noch eine Wendung, die alles auf den Kopf stellt und den Film eine ganz andere Richtung gibt.

In den 80ern trägt man noch Vokuhila

Lange bleibt unklar, in welche Richtung sich der Film eigentlich entwickeln will. Ist es nun ein Horrorthriller mit einem übermächtigen Gegner? Oder eine Studie der Entwicklung eines einfachen Familienvaters, der jemanden getötet hat und nun Stück für Stück paranoid wird? In der Tat ist die schauspielerische Leistung von Michael C. Hall durchweg gut, hervorragend getarnt durch den Schnauzer und der Vokuhila-Frisur ist mir auch den gesamten Film nicht klar geworden, dass hier tatsächlich der Darsteller aus „Six Feet Under“ (und ja, auch aus „Dexter“) den Protagonisten mimt, so anders und nuanciert spielt Hall den einfachen Handwerker, der über sich hinauswachsen muss. Auch Shepard und der erst zur zweiten Hälfte des Filmes auftauchende Don Johnson („Miami Vice“) machen ihre Sache durchaus gut.

Das Problem ist ein anderes: Der Regisseur Jim Mickle (mir vom 2011er Fantasy Filmfest durch „Stakeland“ noch bekannt) weiß nicht so recht, welchen Erzählfaden er fertig spinnen soll und verzettelt sich. Letztlich ist er dann doch ein Rache-Thriller, dessen Twist mitten in der Geschichte zwar durchaus überrascht, aber der einiges Potenzial gerade hin zur Auflösung leider verschenkt.

„Cold in July“ (USA 2014)

Regie: Jim Mickle

Buch: Nick Damici basierend auf dem Roman von Joe R. Lansdale

Darsteller: Michael C. Hall, Sam Shepard, Don Johnson

Rollenspielinspirationsfaktor: Mäßig. Der Charakterweg, den der Protagonist im Film nimmt, ist zwar durchaus faszinierend, aber leider nicht konsequent durchdacht, kann aber durchaus für Method-Actors einiges an Inspiration bieten.

Score: Überraschend kultiger Synthesizer-80er-Revival-Elektro-Pop-lastig, der Score von Jeff Grace gefällt. Im Trailer hört man „Cosmo Black“ von Dynatron (oben via Soundcloud eingebettet).

Kinostart in Deutschland: Nicht geplant, eher unwahrscheinlich, dass er hierzulande mehr als nur fürs Heimkino veröffentlicht wird.

★★★☆☆

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