Edieh
20 Jahre über Pen-&-Paper-Rollenspiele und deren Inspirationsquellen

Verfilmung von „Alice is Missing“

Alice is Missing ist ein spielleiterloses Rollenspiel, dessen besonderer kreativer Kniff es ist, dass die Spieler:innen fast ausschließlich miteinander über einen Gruppen-Chat über das Handy kommunizieren sollen, während ein Countdown dafür sorgt, dass regelmäßig neue Impulse ins Spiel eingehen. Die Charaktere sind allesamt Freunde von einer High School-Schülerin, Alice, die vermisst ist. Gemeinsam findet sie heraus, warum, dabei stehen eigene Geheimnisse aber auch etwas im Weg.

Tweet vom 29.06.2022:

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Spenser Starke ist Autor des Systems und naturgemäß begeistert, dass Paramount sich die Rechte an diesem gesichert hat. Zusammen mit Drehbuchautorin und Regisseurin Becca Gleason (The Summer I Turned Pretty) soll er dies nun entsprechend adaptieren. Starke arbeitet auch für Critical Role und hat auch für die Showtime-Serie Episodes gearbeitet, dort allerdings als Logistiker. Er ist also in Hollywood zumindest etwas vernetzt.

Adaptionen von Pen-&-Paper immer noch selten

Während Adaptionen von Büchern oder Comics heutzutage fast schon die Regel sind und originelle Drehbücher verdrängen, und auch Computerspiele zunehmend mehr adaptiert werden (wenn auch leider meist eher schlecht als recht), ist die Adaption von Pen-&-Paper-Rollenspielen noch selten. Jedenfalls abseits von Dungeons & Dragons, das bereits in den 80er Jahren eine Samstagmorgen-Cartoon-Serie bekam und Anfang der 2000er mehrere Filmadaptionen (eine neue Adaption ist gerade in Arbeit). Und Amazon adaptierte für seinen Streamingdienst vor ein paar Jahren Tales from the Loop, die aber strenggenommen nur auf den Kunstbänden des Schweden Simon Stålenhag basierte und nicht auf dem gleichnamigen Rollenspiel, das ebenfalls auf diesen basierte. Zuletzt haben sie auch das Actual-Play Critical Role als Zeichentrick adaptiert (was aber auch in den Dungeons-&-Dragon-Kosmos gehört). Erst letztes Jahr ist auch Blades in the Dark optioniert worden, allerdings hat man zehn Monate später immer noch nichts Neues davon gehört.

Daher ist Spenser Starkes Adaption durchaus etwas Besonders. Aber: Es ist bisher auch erstmal nur eine Option vom Filmstudio. Optionen sind eine Möglichkeit von Studios, erstmal die Rechte zu sichern, dann ein paar Autoren auf den Stoff loszulassen und zu schauen, wie sich etwas entwickelt. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass sich dies über dieses Stadium gar nicht weiter entwickeln wird. Viele Stoffe bleiben jahrelang in dieser Entwicklungshölle und es ist oft auch schwer zu sagen, ob überhaupt noch etwas in einem Projekt weitergeht.

Dass sich hier überhaupt ein Studio allerdings in einem extrem kleinen Franchise eine Option sichert, ist dennoch bemerkenswert. Denn hier ist quasi keine nennenswerte Fangruppe eingepreist, die sich die Adaption auf jedem Fall angucken will. Um das gleich klarzustellen: Alice is Missing ist ein Kleinod von Indie-Rollenspiel, das sehr von seinem Stil lebt und die Thematik des Verschwindens aus einer US-Kleinstadt großartig umsetzt. Ein tolles Spielerlebnis, das ich auch sehr empfehlen mag – aber: Es ist trotzdem eine Nische in einer Nische. Noch dazu ist es ein One-Shot-Erlebnis, das nur wenig Wiederspielwert bietet, da die geheimen Motive der SC nun ja bekannt sind.

Was soll hier eigentlich umgesetzt werden?

Cover Alice is Missing (Hunter Entertainment)

Die Frage ist hier aber auch: Was soll hier eigentlich umgesetzt werden? Alice is Missing lebt zum einen von Card-Prompts, die Orte und Personen auftauchen lassen und so Verdachtsmomente generieren. Die eigentlichen Actionszenen werden improvisiert und finden noch dazu, begrenzt durch das Medium des Textchats, in der Regel nur als Berichte danach statt – in der Theatersprache Mauerschau genannt. Das ist zwar vielleicht für Produzent:innen attraktiv, da so deutlich Budget eingespart werden kann, aber es macht einen Film auch tendenziell sehr langweilig. Wenn man nur etwas durch Texteinblendungen erzählt, aber nichts zeigt, dann hat man „Tell, don’t show“. Das funktioniert im Medium Film nur schlecht.

Nimmt man aber dieses zentrale Element der Story (die alleinige Erzählung über den Gruppen-Chat) weg, bleibt letztlich auch nur ein meist recht simple-gestrickter Teenie-Horror-Flick über. Das ist für ein Rollenspiel erstmal völlig in Ordnung, hier sind Klischees ja auch förderlich für die gemeinsam erstellte Geschichte. Das Medium des Textchats ist in heutigen Serien und Filmen gut eingeübt, da es neben den tippenden Charakter:innen einfach eingeblendet wird. So etwas ist aber nicht mehr innovativ.

Ansage zum Scheitern?

Ist das Projekt also zum Scheitern verurteilt? Natürlich nicht. Es kann immer noch ein gutes Skript entstehen und mit kreativen Ideen ein guter und erfolgreicher Film entstehen. Aber die Adaptionsrechte allein helfen hier noch weniger als bei vielen anderen Stoffen. Das sieht hier eher nach Connections aus, die eine Option hier ermöglichten, als nach dem Einkauf eines attraktiven Franchises mit vielen Fans.

Alice is Missing ist bei Hunter Entertainment erschienen. Es existiert bisher nach meiner Kenntnis keine deutsche Übersetzung, noch ist eine geplant.

Ron Müller

Ron Müller

Rollenspieler auf Suche nach neuen staffelübergreifenden Handlungssträngen. Blog: Edieh, Podcast: Ausgespielt.

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