Die 98. Oscars sind vergeben. Alle Tippspiele sind ungültig. Warum? Hier der Rückblick:
Die Red-Carpet-Show(s)
Auf Joyn läuft die Livestream-Übertragung schon längst, obwohl ein Countdown zu diesem noch 5 Minuten bei mir um kurz vor 22:00 Uhr anzeigt. Dafür kann man den Stream dann aber nahezu werbefrei genießen, zumal ProSieben stattdessen bis eine halbe Stunde vorher eine andere (gute) Show ausstrahlt.
Steven ist wie immer gut informiert und erkennt nicht nur alle Stars sondern kann Minutenlang auf seinen breiten Fundus an Film-Wissen zurückgreifen. Was auch nötig ist, denn die eigentlichen Stars tauchen kaum noch auf dem Carpet auf mittlerweile – oder laufen einmal schnell vorbei. Spannenderweise sogar kurz der Moderator Conan O’Brien.
Abermals steht er allerdings direkt neben Guillermo, den Sidekick von Late-Night-Host Jimmy Kimmel, der Tequila verschenkt und deutlich mehr Stars anzieht, die dann Steven trotz Beharrlichkeit nicht mehr abwerben kann. So ignoriert ihn Zoe Saldana komplett – immerhin kann er kurz nachher Lewis Pullman vor die Kamera bekommen, aber nur nachdem dieser bereits nebenan eine peinliche Nackte-Guillermo-Fliege aufgebunden bekommen hat. Und dann gehen schon die nächsten Stars vorbei an ihm zum Tequila-Star. Was dann dazu führt, dass Steven dessen Bit einfach zu unterbrechen versucht, was dann schon etwas arg cringe wird, auch wenn man den Frust über diese Ungleichbehandlung schon etwas verstehen kann. Immerhin bekam er dann später noch Lewis Vater Bill vor die Kamera.
Ab 23:30 Uhr kommt dann auch ProSieben dazu, wobei jetzt Steven nur noch berichten kann, was bereits vorher passierte (wenig) – aber er macht das beste daraus. Disney+ steigt hingegen mit der Red Carpet Show von ABC ein, die wie immer vor allen ein Hin- und Her zwischen verschiedenen Moderatorenstandorten ist und bei denen das Bild gesplittet ist und im linken Part Stars gezeigt werden, die bereits vorher auf dem Teppich ihre Mode präsentiert hatten – denn das ist offenbar der Hauptfokus dort.
Es ist tatsächlich etwas frustrierend – auf dem einen Schirm ist der gut informierte Steven verzweifelt dabei, den Stars meist erfolglos hinherzurufen, während auf der anderen die US-Moderator:innen die Stars zwar vor der Kamera haben – aber das aus der Konserve und auch ohne wirklich gute Fragen.
Um 23:40 hat Steven dann nach kontinuierlicher Streaming-Präsenz mal eine kurze Verschnaufpause. Die einzige. Und genau in der Zeit der Pause sind dann die großen Stars angeblich vorbeimarschiert, und selbst Amy Madigan hält dann nicht mehr an – wobei schon aus den bisherigen Jahren bekannt ist, dass um diese Zeit kaum noch Stars für ein Gespräch anhalten, sondern alle Last Minute in das Dolby Theatre ziehen. Lediglich Ethan Hawke hält noch kurz an, um dann zu sagen, dass er los muss. Tatsächlich gelingt es Steven dann aber tatsächlich noch in letzter Minute den Chef Jimmy Kimmel von Guillermo kurzzeitig loszueisen, was durchaus noch amüsant wird, da sich dann Guillermo tatsächlich lautstark darüber beschwert.
Es fällt mir schwer zu sagen – aber die Red-Carpet-Show war schon deutlich interessanter, auch wenn Steven wie immer sein Bestes in Sachen Dauermoderation gibt.
Die Eröffnung
Abermals startet die Verleihung bereits um 0:00 Uhr deutscher Zeit (danke früherer Sommerzeitumstellung in den USA) – was wohl hoffentlich auch eine frühere Nachtruhe für mich bedeuten mag (habe dennoch meine Videocalls morgen sicherheitshalber etwas später terminiert).
Diesmal stürzt sich Conan direkt in die nominierten Filme in Kostümierung von Gladys aus Weapons, gejagt von einer Kindergruppe, quer durch den Formel-1-Zirkus, spielt kurz Tischtennis, rennt über die Bühne vom Globe Theatre, und taucht sogar als animierte Figur bei den K Pop Demon Hunters auf, bevor er auf passablen norwegisch Stellan Skarsgård therapieren darf. Aber er wird dann doch trotz Stepptanz nicht von Michael B. Jordan in die Hütte eingelassen, weswegen er dann, weiter verfolgt von einer Schar Kinder über die Oscar-Bühne gejagt wird. Sicher nicht die originellste Eröffnung, aber eine die immer passen sollte und Conan selbst schon vielfach zelebriert hat.
Die Moderation
Conan startet dann mit seinem Monolog, nennt sich selbst den letzten menschlichen Host der Show (nächstes Jahr wird das dann ein Waymo übernehmen) und weist darauf hin, dass ein Alternativ-Oscar von Kid Rock gerade parallel vergeben wird, während Netflix das erste mal in einem Kinosaal sitzen würde. Ja, das ist Conan, wie wir ihn kennen und mögen. Anstelle zu sehr auf die Stars einzugehen hangelt er sich dann an den nominierten Filme entlang mit seinen Gags. Einige davon zünden weniger als die anderen, aber insgesamt: Okay.
Etwas später nimmt er dann bereits auf den geplanten Umzug der Ausstrahlung auf Youtube und die damit nicht ausbleibenden Werbeunterbrechungen bezug – um dann mit einer eingespielten Fake-Werbung sich unterbrechen zu lassen.
Und im Hintergrund war dieses Jahr die Stimme vom britischen Comedian Matt Berry zu hören, der immerhin kurz in einem Segment von Conan vorgestellt wurde.
Neu dieses Jahr: Nach dem letzten Film gibt es diesmal noch einen Gag-Film mit Conan, dem der Job des „Oscar Host for Life“ angeboten wird. Könnte ich mich tatsächlich mit anfreunden – wobei der Film dann doch etwas anders ausgeht …
Die Werbepausen
Abermals läuft, zumindest in den Premiumabo, auf Disney+ nur eine Fahrstuhlmusik und kein Countdown, wie ihn Konkurrent Netflix bei den Actors problemlos hinbekommen hat. Dafür ist die Ausstrahlung dort aber um eine gute halbe Minute der auf ProSieben hinterher, kommt dafür aber ohne den ständig drehenden Goldjungen und Logoeinblendungen aus.
Die Preisträger:innen
Der erste Preis des Abends geht an die Beste Nebendarstellerin. Favoritin war Amy Madigan, die auch schon den Actor gewonnen hatte und sie gewinnt dann auch – in Freudentränen ausbrechend erstmal ihren Ehemann Ed Harris ungläubig umarmt bevor sie dann auf der Bühne in hämisches Lachen ausbricht und dabei schon eine der unterhaltsamsten Dankesreden des Abends hält.
Dann kommt es zu einer wirklichen Überraschung: Beim besten Kurzfilm gibt es tatsächlich einen Gleichstand und gleich zwei Gewinner: The Singers und Two People Exchanging Saliva. Vielleicht sollte man doch noch einmal darüber nachdenken, ob man die Mitglieder zum Anschauen aller Filme zwingen muss. Auch Conan scherzt dann, dass damit ja alle Tippspiele ruiniert wären …
Jimmy Kimmel darf dann die Dokumentationsoscars präsentieren und kritisiert die Einschränkungen der freien Rede in „Ländern wie Nordkorea und CBS“.
Und dann: Mit Autumn Durald Arkapaw gewinnt tatsächlich erstmals eine Kamerafrau einen Oscar. Erst 2018 gab es erstmals eine weibliche Nominierung in diesem Bereich. Längst überfällig – und durchaus verdient.
Ein weiteres erstes Mal: Norwegen gewinnt einen Oscar für Sentimental Value als besten internationalen Film. Gratulation.
Lionel Ritchie darf dann (als ehemaliger Oscar-Preisträger) und einem von Botox erstarrten Gesicht den bessten Song verkünden. Dass hier K-Pop Demon Hunters „Golden“ gewinnen würde galt quasi als gesetzt und so war es dann auch.
Michael B. Jordan, dessen Aufholjagd wie allgemein die Aufholjagd von Sinners in den letzten Wochen wirklich bemerkenswert war, war plötzlich wieder der junge Kinderdarsteller auf der Bühne – völlig aufgeregt und völlig sympathisch. Jesse Buckleys Sieg überraschte hingegen nicht mehr, wobei auch sie den Preis für ihre grandiose Leistung in Hamnet mit Sicherheit mehr als verdient hat.
Letztlich gab es dann nur noch die Frage nach dem großen Preis: Hier konnte sich Sinners dann leider nicht gegen One Battle After Another durchsetzen. Wobei letzterer auch ein großartiger Film ist, keine Frage.
Die Tributes und die Musik
Die erste Musiknummer ist dann aus Sinners eine Blues-Performance in der geschickt ein Bühnenbild sich in den Zeiten wandelt und in die heutige Zeit sich verwandelt, während auch alle anderen kulturellen Einflüsse des Filmes auftauchen dürfen – eine große Jamsession. So cool, dass nicht nur Michael B. Jordan anerkennend nickt, sondern auch der Rest des Saals Standing Ovations gibt.
Auf die vermutlich ermordeten Rob Reiner und Frau darf Billy Crystal, seinem Star aus Harry und Sally, einen persönlichen Rückblick halten, der überraschend herzlich und humorvoll ist und mit einem absoluten Gänsehautmoment abgeschlossen wird, als seine berühmten Stars gemeinsam auf die Bühne kommen. Dann läuft das In Memoriam zu der Musik von Princess Bride. Ja, das erwischte mich doch sehr dieses Jahr, auch Diane Keaton, Catherine O’Hara, und Robert Redford (von Barbra Streisand) und mehr werden ausführlicher als sonst gewürdigt. Äußerst gelungener Part.
Dann nach knapp drei Stunden gibt es noch eine Auflockerung mit „Golden“ von den K-Pop Demon Hunters. Während das Bühnenbild ansonsten in Kupfer gehalten ist, darf es jetzt einmal kurz golden werden. Aber man will ja auch nicht zu sehr sich farblich dem Weißen Haus derzeit anpassen.
Die Werbung und die Statements
Anne Hathaway und Anna Wintertour dürfen nicht nur den Kostümpreis verleihen sondern auch gleich noch dabei auf den kommenden Teufel trägt Prada 2 anspielen. Kein Wunder, dass 20th Century Films diese Werbung für sich auch kurz später auf dem Youtube-Kanal bereits veröffentlicht – Mama Disney überträgt das ja eh:
Auch Zendaya und Robert Pattinson, die demnächst einen gemeinsamen Film haben, dürfen gemeinsam einen Oscar präsentieren. So ein Zufall.
Javier Jardem spricht dann zusammen mit Priyanka Chopra immerhin offen „Free Palestine“ auf der Bühne aus und stellt sich gegen all die Konflikte auf der Welt. Respekt!
Viel zu ungeduldig war hingegen oft die Regie, die gleich mehrfach Dankesreden mit Musik abwürgte. Ich dachte eigentlich, da wären wir mittlerweile drüberhinaus. Was auch etwas dazu führte, dass Adrian Brodys Gag, bei dem er eine lange Dankesliste während der Laudation herauskramte aus seinem Jacket, ziemlich verpuffte.
Die Fantastik
Mit 16 Nominierungen ist Sinners nicht nur der meistnominierte Film aller Zeiten, er ist auch ein strahlender Gewinner dieses Abends. Es ist vielleicht nicht der beste Film des Jahres oder der erfolgreichste und natürlich gewann er nicht in allen nominierten Bereichen – aber ein würdiger Gewinner von 4 Oscars, während Marty Supreme quasi leer ausging. One Battle After Another kassierte allerdings 5 Oscars und ist damit der große Gewinner des Abends.
Sigourney Weaver darf dann die Stimme versagen, als sie den Visuellen-Effekte-Oscar an den Film, in dem sie selbst mitgespielt hat, verkünden darf: Avatar: Fire and Ash.
Und dann war da noch Netflix: Der Streamingriese gewinnt die anderen optischen Oscars: Make-up, Kostüm und Set-Design gehen alle an Guillermo del Toros Frankenstein, trotz der Tatsache, dass der Film nur kurz auf den Kinoleinwanden laufen durfte. Auch für den besten Song und Animationsfilm darf sich Netflix auf die Schulter des roten N klopfen: K-Pop Demon Hunters gewinnt beides und darf neben Sinners von den nominierten Filmen für den besten Song auch eine Performance abliefern.
Fazit
Tatsächlich: Es gab bereits sechs Gleichstände in der Geschichte bei den Oscars, zuletzt 2012 als Skyfall und Zero Dark Thirty beide den Oscar für den besten Ton-Schnitt gewannen. Nun also bei den Kurzfilmen. Conan improvisierte bereits, dass nun 22 Millionen Tippzettel entwertet wären. Tatsächlich kann man aber wohl einen Punkt bei beiden werten.
Und daher ist auch meine Tippspiel-Ebbe wieder ordentlich durchbrochen, nach den mageren 12 richtigen Tipps letztes Jahr lag ich mit 18 Tipps diesmal richtig:
So richtig herausgerissen hat dieses Jahr aber vor allem das wirklich gelungene In-Memoriam-Segment und natürlich die große Liebe zu Cooglers Sinners – auch wenn One Battle After Another mehr Goldjungen abgreifen konnte. Und die Tatsache, dass man tatsächlich einmal vor vier ins Bett durfte.
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