„Pirates of the Caribbean 5“ – warum Hollywood keine Piraten mehr mag

Als 2003 „Pirates of the Caribbean“ (damals als „Fluch der Karibik“) in unsere Kinos einlief, ahnte noch keiner, dass dies ein dermaßen großer Erfolg werden könnte. Disney hatte damals bereits einige Fahrgeschäfte aus ihren Freizeitparks als Verfilmungen umgesetzt („Tower of Terrors“/„Im Jenseits sind noch Zimmer frei“, 1997, „Mission to Mars“, 2000, „Die Country Bears – Hier tobt der Bär“, 2002 sowie „The Haunted Mansion“/„Die Geistervilla“, 2003) – allesamt mit maximal mittelmäßigen Erfolg. Doch für ihren Piraten-Film „Pirates of the Caribeean“ griffen sie nicht nur etwas tiefer in die Budget-Tasche, sie ließen auch den Kreativen freiere Hand, was sich auszahlen sollte.

Piraten am Abgrund (Szene aus „Pirates of the Caribeean: Salazars Rache“, Foto: Disney)

So ließen sie den bis dato nur für Komödien bekannte Gore Verbinski zusammen mit Jerry Bruckheimer als erfahrenen Action-Produzenten eine Vision verwirklichen, die das klassische Genre der Piratenfilme um viel Humor, Selbstironie und Magie ergänzen durfte. Und sie ließen Johnny Depp einfach improvisieren.

Depps Starfaktor

Depp hatte sich zwar bereits einen Namen als ernsthafter Schauspieler gemacht („Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, 1993 oder „Donnie Brasco“, 1997) und bereits zusammen mit Tim Burton einige überzogene Rollen ausgetestet („Edward mit den Scherenhänden“, 1990, oder „Sleepy Hollow“, 1999). Aber seine hyperexentrische Phase (Willy Wonka, Mad Hatter, Tonto) begann erst an diesem Punkt. Sein Jack Sparrow war extrem überzogen und lebte in einer grotesk selbstüberschätzenden Illusion seiner selbst. Das stellte Verbinski gleich in der Einführung des Charakters dar: Wir sehen Jack, wie er stolz am Ausguck seines Schiffes steht und dabei in die Ferne schaut – nur um kurz danach dies demontiert zu sehen. Sein Schiff ist in der Totale tatsächlich nur eine kleine Scholle, keine vier Meter lang, und darüber hinaus gerade am sinken. Aber die Chuzpe, mit der Jack, im Hafen angekommen im letzten Moment an Land stolziert, bevor sein Schiff endgültig versinkt, sagt uns bereits alles, was wir über den Charakter wissen müssen.

Daneben wird mit Keira Knightley und Orlando Bloom als Elizabeth Swann und Jack Turner ein traditionelles Heldenpärchen eingeführt, die im Kontrast zum Larger-than-Life-Sparrow natürlich diesen umso interessanter erscheinen lassen. Zuletzt ist dann auch noch der Score von Klaus Badelt und Hans Zimmer, der schnell zu einem All-Time-Favorite zur Beschallung unserer Rollenspielrunden wurde. Ja, „Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl“ rockte. Auch an der Kinokasse.

Immer gigantischer …

Doch dann musste alles noch größer, noch überzeichneter werden. Mit Teil 2 („Dead Man’s Chest“, 2006) und Teil 3 („At World’s End“, 2007) wurde die Story erstmal ausgedehnt und abermals wurde bewiesen, dass die Idee, gleich zwei Fortsetzungen in Auftrag zu geben, nicht die beste ist (wie bereits die Wachowski-Geschwister mit den Matrix-Fortsetzungen damals zeigten). Teil 4 („Stranger Tides“, 2011) ließ dann gleich zwei der Hauptdarsteller fallen und konzentrierte sich ganz auf Jack. Die Kritiker waren schon lange nicht mehr begeistert, aber die Fans strömten immer noch in die Kinos – auch der vierte Teil wurde zu einem Kassenhit.

Jack darf nun mit Miniausgaben von Elizabeth und Will zusammenarbeiten (Kaya Scodelario, Johnny Depp und Brenton Thwaites, Foto: Disney)

Nun versucht also der fünfte Teil das Kunststück, das ausgefaserte Franchise wieder etwas zusammenzubringen. Einer der Fokuspunkte dabei ist das unglückliche Ende der Liebesgeschichte zwischen den Elizabeth und Will Turner, die hier aber leider nur in Cameo-Auftritten zu sehen sind. Stattdessen darf sich die nächste Generation mit Jack und Barbossa herumschlagen: Brenton Thwaites darf als Sohn Henry Turner auf die Suche nach Erlösung seines Vaters gehen, und Kaya Scodelario sucht als Waise Carina Smyth nach einer Bestimmung. Und zwischen all dem stolpert, mal wieder, Jack Sparrow planlos durchs Bild, darf in actiongeladenen Sequenzen eine Bank rauben und den Plot einfach zufällig weiter vorantreiben. Was in dem ersten Film noch erfrischend war, wird (nicht erst) hier zu einer Bürde: Jack darf sich nicht entwickeln, er bleibt die gleichermaßen extrovertierte wie ausschließlich selbstfixierte Figur, die eigentlich nur zufällig Captain geworden ist – oder vielleicht, weil „alle Piraten so unfassbar blöd“ sind.

Die einzige Charakterentwicklung, die der Film uns zeigen vermag, ist ausgerechnet die von Captain Barbossa. Geoffrey Rush hat abermals nicht nur enormen Spaß an diesem Charakter, er darf in kleinen Nuancen zeigen, dass hinter der Fassade des reichen, gleichgültigen Über-Piraten, eine tiefe Sehnsucht verborgen ist. Leider wird dies vom Buch aber nur angerissen und nicht weiter vertieft. Henry und Carina, die Ersatz-Wills und -Elizabeths des Films bekommen auf ihrer Quest zwar viele Hindernisse in den Weg gelegt – nicht wenige aufgrund der Dummheit der anderen – aber bekommen ansonsten auch nicht mehr zu tun, als Javier Bardems verfluchter Bösewicht Captain Armando Salazar.

PIRATES OF THE CARIBBEAN: SALAZARS RACHE - 2. offizieller Trailer | Disney HD
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Apropos: Dieser Fluch wird zwar erklärt, aber er macht auch in all dem von Mystizismus verseuchten Karibiksetting keinen wirklichen Sinn. Mini-Spoiler voraus: Okay, sie werden von Jack in dieser Grotte durch einen waghalsigen Trick gelockt, und sind nun Untote, soweit so gut. Jacks Kompass ist nun plötzlich ein Schlüssel, der, sollte Jack ihn freiwillig hergeben, sie freisetzt, wodurch sie endlich an ihm Rache nehmen können. Tja, nun war aber der Kompass bereits doch mehrfach außer Jacks Hand gewesen? In Teil 2 hat Jack ihn beispielsweise freiwillig Elizabeth gegeben, damit diese durch ihn zu der berüchtigten Truhe führen kann. Wieso ist damals Salazar denn noch nicht freigekommen? (Danke an Jan für den Hinweis.) Spoiler-Ende.

Sind die Piraten-Filme tot? Oder nur scheintot?

Sicher, bei einem Film mit Magie, Flüchen und durch-und-durch-dummen Piraten sollte man auch an die innere Logik nicht allzuviel Gehirnschmalz verschenken. Das Problem ist aber, dass dieses Filmfranchise leider mit nichten den Piratenfilm wieder hat aufleben lassen. Dabei ist der Piratenfilm nach wie vor ein tolles Genre und machte auch schon zu Errol Flynn-Zeiten bereits sehr viel Spaß.

Warum macht Hollywood also einen Bogen darum? Sie nehmen doch ansonsten jeden noch so kleinen Trend mit und quetschen ihn aus. Seit Jack Sparrow gab es aber tatsächlich nur einen mittelgrößeren Piratenfilm: „Die Piraten“ (2012) von den Aardman Animation-Leuten (ich ignoriere jetzt mal die typischen Sexploitation-Filme, ein paar TV-Filme sowie ein paar deutsche Störtebecker-Verfilmumgen – das ist alles nicht Hollywood).

Piraten Barbossa und Salazar

Eigentlich sollten nur die finsteren Piraten-Bosse larger than life sein (Geoffrey Rush und Javier Bardem, Foto: Disney)

Nun, es gab da einen anderen Film, der das Genre davor bereits arg geschädigt hatte: Geena Davis’ 1995-er Film „Die Piratenbraut“ gilt auch heute noch als einer der größten Flops der Filmgeschichte (hat gut 89 Mio. US$ Verluste gemacht, das entspricht Inflationsbereinigt heute etwa 140 Mio). Aber die „Pirates of the Caribbean“-Filme waren durch die Bank große Erfolge (Teil 5 muss sich hierbei noch beweisen), dennoch hat Hollywood dies offenbar nicht dem Genre zugeschrieben – sondern Johnny Depp allein. Für Hollywood sind diese Filme offenbar nicht Piraten-Filme, sondern Johnny-Depp-in-Exzentrischen-Rollen-Filme. Dabei zeigte das Forbes-Magazin bereis 2015, dass Depps Starpower deutlich geschwunden ist. Damals fanden diese heraus, dass Depp der Schauspieler ist, der in dem Jahr am meisten überbezahlt wurde. Doch Hollywood zog daraus keine Lehren, auch 2016 führte er diese Liste erneut an …

Eine kleine Hoffnung

Es gibt aber noch etwas Hoffnung: In anderen Bereichen sind Piraten nämlich immer noch erfolgreich. Im Bereich der TV-Serien konnte sich „Black Flag“ eine treue Fangemeinde sichern. Im Bereich der Computerspiele ist nicht nur seit „Monkey Island“ das Genre konstant gut vertreten – selbst „Assassin’s Creed“-Franchise machte 2013 mit seinem vierten Teil, „Black Flag“, einen äußerst gelungenen und unterhaltsamen Ausflug in die Karibik. Und mit „7th Sea“ lief das erfolgreichste Crowdfunding einer Pen-&-Paper-Rollenspiel-Neuauflage letztes Jahr über die Bühne. Wegen all dieser Medien habe ich nach wie vor Lust auf Piraten.

Es sollte Zeit werden, dass man auch wieder abseits des 19. Septembers mehr wie ein Pirat redet!

„Pirates of the Caribbean – Salazars Rache“ („Pirates of the Caribbean – Dead Men Tell No Tales“)

Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg

Darsteller: Johnny Depp, Geoffrey Rush, Javier Bardem, Brenton Thwaites,  Kaya Scodelario

Rollenspiel-Inspirationsfaktor: Piraten sind im Rollenspiel nach wie vor ein tolles Setting. Spielt mehr „7te See“!

★★☆☆☆

„Pirates of the Caribbean V“ läuft seit 25. Mai 2017 in unseren Gewässern.

Ron Müller

Rollenspieler auf Suche nach neuen staffelübergreifenden Handlungssträngen. Bloggt auf Edieh, labert im AusgespieltTeam.

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2 Antworten

  1. Ein Komentar zu „Pirates of the Caribbean“, dem ich voll zustimmen kann. Den ersten Film fand ich toll, imho der Film des Jahrzehnts. Ich hab den Film sogar öfters als LotR gesehen, insgesamt vielleicht sieben mal.
    Der Rest der Reihe war, in Schulnoten ausgedückt: 3, 4 5, 3. Ob ich den fünften Teil ansehe… ich glaube nicht. Jonny, du hast mich verloren…

  2. Greifenklaue sagt:

    Mir gefällt der Teil von allen Nachfolgern bisher deutlich am besten.