Roads (Kritik)

Der gerade 18-jährige Brite Gyllen (Fionn Whitehead, „Black Mirror: Bandersnatch“) hat nach einem Streit bei einem Familienurlaub in Marokko das Familienwohnmobil entwendet. Nun will er gen Norden fahren, um in Frankreich bei seinem leiblichen Vater Paul (Ben Chaplin, „Snowden“) Unterschlupft zu finden. Auf dem Weg bekommt er dabei Hilfe von William (Stéphane Bak, „Elle“), einem jungen Kongolesen, der seinen älteren Bruder sucht, von dem seit einiger Zeit, als dieser von Calais nach England flüchte wollte, jedes Lebenszeichen fehlt. Zwischen Gyllen und William entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen verschiedener Kulturen auf diesem Roadtrip. Doch erstmal müssen sie es von Marokko nach Spanien und durch die strenge Grenzkontrolle der EU schaffen …

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Schippers Filme

Gleich vorweg: Sebastian Schipper hat mit „Absolute Giganten“ (1999) einen meiner absoluten Lieblingsfilme gedreht. Auch ein Road-Movie, in dem er eine letzte Nacht zwischen einer Gruppe Heranwachsender in der rauen Kultur des Hamburgs meiner Jugend zeigt, bevor sich einer für lange Zeit, vielleicht für immer verabschiedet. Schipper inszeniert nur etwa zwei Filme im Jahrzehnt, zuletzt hat er mit „Victoria“ (2015) einen faszinierenden geschaffen, der ganz ohne Schnitt auskam und gerade deswegen auch international für Furore sorgte.

Eine ungewöhnliche Freundschaft entwickelt sich zwischen Gyllen (Fionn Whitehead) und William (Stéphane Bak) (Foto: Studiocanal)

Natürlich war ich auch sofort von seinem neuen Filmprojekt direkt angefixt. Auch, weil es nun wieder, 20 Jahre später, einen Road-Movie aus seiner Feder geben sollte. Würde er abermals so faszinierend vielschichtige Figuren porträtieren können? Ich war etwas besorgt, weil das Flüchtlingsthema als Kulisse etwas erdrückend erschien. Aber meine Sorge war unberechtigt: „Roads“ trifft einen abermals mit viel Wucht und lässt einen sprachlos im Sitz des Kinos versinken, aber schafft es dennoch sich voll auf seine Charaktere zu konzentrieren.

Gyllen (Fionn Whitehead) und William (Stéphane Bak) im Wohnmobil (Foto: Studiocanal)

Nicht nur eine Nacht, aber auch

Abermals ist es die Ästhetik der Nacht, die Schipper einfängt. Ihre Neonfarben, ihre Atmosphäre, ihre Emotionen, die sie zu Tage bringen kann. Dabei hat der Film auch viele leichte und positive Szenen, in den die Protagonisten ein High erleben dürfen oder gemeinsam einen Erfolg feiern können.

De Fokus sind aber die beiden jungen Protagonisten. Besonders Fionn Whitehead kann abermals beweisen, dass er einer der interessantesten Nachwuchsdarsteller des britischen Kinos ist. Sein Gyllen ist mutig bisweilen aber auch übermutig, wütend aber auch traurig, abgehärtet aber auch sehr zerbrechlich. In einer Szene, in der beide über sich selbst Behauptungen aufstellen, von denen der jeweils andere erkennen soll, welche davon zutreffen, zeigen beide ein Pokerface, das fast alles zulassen könnte. Die meisten dieser dort aufgestellten Behauptungen lässt der Film bewusst offen.

William (Stéphane Bak, Foto: Studiocanal)

Gyllen (Fionn Whitehead, Foto: Studiocanal)

Der Weg

Diesen Film auf die Flüchtlingsthematik zu reduzieren, ist falsch. Ja, sie stellt den Rahmen für die Handlung, für viele der Hindernisse, welche den Protagonisten begegnen. Der Film zeigt auch deutlich auf die Missstände, welche gerade auch zwischen Calais und Dover, aber auch an der nordafrikanischen Küste bestehen. Aber im Herzen ist er ein Roadmovie, der, wie jeder gute dieses Genres, sich nicht auf das Ziel, sondern vor allen auf dem Weg seiner Protagonisten konzentriert.


„Roads“ (DE/FR 2019)

Regisseur: Sebastian Schipper

Drehbuch: Sebastian Schipper und Oliver Ziegenbalg

Darsteller: Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Ben Chaplin,Moritz Bleibtreu

★★★★★


„Roads“ läuft ab dem 30. Mai 2019 in unseren Kinos.

Ron Müller

Rollenspieler auf Suche nach neuen staffelübergreifenden Handlungssträngen. Bloggt auf Edieh, labert im AusgespieltTeam.

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