„Thorn Gandir“ – Versuch, aus einer Rollenspielkampagne ein Buchepos zu machen

Bereits Ende letzten Jahres habe ich ein Rezensionsexemplar von „Thorn Gandir“ vom Autorenpaar Judith und Heinz Praßl (erschienen unter der Abkürzung J.H. Praßl) durch den Acabus-Verlag zugesendet bekommen, das mich mit einem interessanten Kniff neugierig machen sollte: Es basiert auf einer vor 20 Jahren als Pen-&-Paper-Rollenspiel entstandenen Welt, bei deren Kampagne sich das österreichische Ehepaar auch nach eigenen Angaben kennen lernte und die heute noch weitergeführt wird. Dabei ist offenbar Heinz der Kopf hinter der Kampagne und Judith die Schriftstellerin.

Der restliche Pressetext stellte natürlich erstmal Vergleiche mit George R.R. Martin an (ist ja auch gerade im Trend) –daher wohl auch „Die Chroniken von Chaos und Ordnung“ als Klammertitel für eine mehrteilige Serie. Für mich klang das aber dann doch eher nach einen recht typischen Fantasy-Epos.

Ewiger Kampf zwischen Chaos und Ordnung

Der Protagonist der Geschichte, Thorn Gandir, ist Teil einer Weissagung, die dem neuen Senatsvorsitzenden Testaceus bei der Opferung eines kleinen Jungen gemacht wird (womit praktischerweise gleich die Gut-Böse-Verteilung erstmal klar scheint). Als Waldläufer, der eigentlich besser mit dem Bogen als mit dem Schwert umgehen kann, kehrt Thorn gerade von einer missglückten Mission zurück, bei der er eigentlich alles Wichtige verlor, aber lässt sich dennoch durch Testaceus zu einer gefährlichen Quest überreden, bei dem ihn eine Söldnerin, ein Kriegspriester und ein Barbar zur Seite stehen, und bei der er nebenbei in dem Gewirr aus Intrigen den vermeintlich richtigen Weg ausmachen muss.

Vom Rollenspiel zu einer Geschichte – kann das klappen?

Cover „Thorn Gandir“ – hat ein schickes Sigil – wirkt aber „selbstgemacht“.
Cover „Thorn Gandir“ – hat ein schickes Sonnen-Sigil – wirkt aber meiner Meinung nach „selbstgemacht“.

Ich gebe zu, als langjähriger Spielleiter war ich durchaus interessiert daran zu sehen, wie man eine Geschichte auf all dem basieren lässt, was man im Spiel gemeinsam erlebt hat. Das Buch hat mich jedoch, um ehrlich zu sein, nicht so wirklich packen können. Vielleicht war es das teilweise sehr abrupte Wechseln der Erzähler-Perspektiven, dass mich aus dem ansonsten sehr gelungenen Schreibstil immer wieder heraus riss, vielleicht war es auch meine allgemein größere Zugangshürde vor Fantasygeschichten, die mich das Buch immer wieder leicht seufzend zur Seite haben legen lassen (weswegen auch diese Rezension viel zu lange auf sich hat warten lassen).

Aber da gab es ja noch die Metaebene. Im Hinterkopf beim Lesen blieb mir natürlich immer die Frage, welche Elemente aus der Geschichte wohl Rollenspiel-basiert wären. Schnell wurde mir klar, dass das Setting im Rollenspiel gewachsen sein muss – ehrlich gesagt schon auf den ersten Seiten, als die Karten die Welt vorstellen. Ich kenne selbst meine (grausam schlecht) handgezeichneten Kartenwerke, die geologisch kaum wirklich einen Sinn ergeben, da sie immer weiter erweitert wurden, wie man es eben brauchte. Die sind hier schon etwas besser, aber vielleicht hätte der Verlag ein klein wenig Geld einem Illustrator geben können, der das Kartenwerk nochmal umsetzt – denn in der gedruckten Ausgabe sind diese nicht nur nicht wirklich ansehnlich, sondern auch noch teilweise unleserlich. Wobei das von einem kleinen Verlag natürlich auch viel verlangt ist (das Lektorat und der Satz gehen dafür sehr in Ordnung). Ich vermute, dass einfach das Material, das während der Kampagne entstanden ist, vom Verlag eingescannt wurde (die Quellangabe deutet auch darauf hin). Eine weitere Illustration des Porträts von Thorn Gandir sowie das Umschlagmotiv (siehe Kasten) stammen demnach ebenfalls vom Autorenpaar, erstere ist durchaus gelungen.

Laut den Quellenangaben wurde im Spiel offenbar Midgard verwendet. Nun muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich, so ich mich erinnere, nur ein- bis zweimal Midgard gespielt habe und auch nur kurzzeitig das Grundregelwerk in meinem Regal hab verstauben lassen, so dass ich nicht wirklich sagen kann, welche Begrifflichkeiten Midgard-typisch sind. Das Setting selbst basiert jedenfalls vielmehr auf einem alten Rom, dass seine Blütezeit längst überschritten hat und von vielen Fürstentümern und sogar einem Elbenreich umgeben ist.

Ansonsten merkte ich tatsächlich wenig wirklich Rollenspiel-spezifisches, wie beispielweise typische (und nervige) Szenen die nur durch Würfelpech entstehen – was durchaus auch ein Verdienst der Autoren sein wird, die sehr flüssig schreiben, was man gerade bei einem Erstlingswerk durchaus positiv hervorheben sollte.

Transport in ein anderes Medium

Mich hat das Buch dann aber doch zwiegespalten zurückgelassen. „Thorn Gandir“ hat mich, wie gesagt, nicht so wirklich fesseln können und lässt als erster Teil einer Saga naturgemäß vieles offen.

Aber: Es ist durchaus spannend, einmal aus einer Rollenspielkampagne heraus etwas in ein anderes Medium zu transportieren, wo es doch sonst gewöhnlich nur in die andere Richtung passiert. Die Kunst ist dabei so etwas zu realisieren, ohne in das Klischee zu verfallen, nur seinen eigenen Charakter groß herausstellen zu wollen („Don’t tell me about your character!“). Das ist eine Leistung, die mich auf dieser durchaus überzeugt.

Erwähnenswert ist noch, dass das Autorenpaar eine eigene Internetseite www.chaosundordnung.com mit vielen Hintergrundinformationen betreibt, die weit über das Register am Ende des Buches hinausgeht.

★★★☆☆

Praßl, J.H: „Chroniken von Chaos und Ordnung. Band 1: Thorn Gandir – Aufbruch“, ACABUS Verlag, 2013. ISBN: 978-3862822102. Eine Leseprobe hat der Verlag online gestellt.

Dank an den Verlag für das Zurverfügungstellen des Rezensionsexemplars.